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Wiener Festwochen : Man wirft mit rohem Fleisch

  • -Aktualisiert am

In dieser Frau steckt in Wahrheit ein Mann: Eröffnungsszene aus „Ishvara“ Bild: Zhuang Yan

Auf dem Weg in die Entbehrlichkeit: Die Wiener Festwochen eröffnen unter der neuen Intendanz von Tomas Zierhofer-Kin mit dem exotischen Pop-Potpourri „Ishvara“ von Chen Tianzhuo.

          Es plätschert leise, aber deutlich. Plötzlich durchdringt der harte Klang eines Saiteninstruments das murmelnde Naturgeräusch. Als sich der Vorhang langsam öffnet, sieht man endlich auch die Biwa, eine japanische Laute, die Kakushin Nishihara mit einem riesigen Plektrum anschlägt. Sie untermalt damit musikalisch ein Rätselbild: In der Mitte der Bühne, von chinesischen Schriftzeichen flankiert, steht nahezu starr eine Frau im feuerroten Kimono. Sie entpuppt sich später als Mann, trägt aber zunächst einen chinesischen Schirm, auf dem das Symbol für Yin und Yang zu sehen ist. Auch der alte Mann, der vor der plätschernden Quelle kauert, hat sich einen spitzen Hut ins Gesicht gedrückt, wie ihn chinesische Reisbauern tragen.

          Seltsam ist das alles schon. Eigentlich sollte sich der Abend zum Auftakt der Wiener Festwochen doch um die indische, nicht die chinesische Mythologie drehen: „Ishvara“ lautet der Titel der als Musiktheater angekündigten Aufführung, die der chinesische Künstler Chen Tianzhuo konzipiert hat. Und tatsächlich wird sich der Abend im weiteren Verlauf auf Shiva beziehen. Denn der indische Gott steht im Zentrum der „Ishvaragita“, einer philosophisch-religiösen Versdichtung aus dem achten Jahrhundert nach Christus, zeitlich nach der weit berühmteren, auf Krishna konzentrierten „Bhagavadgita“ verfasst und Inspirationsquelle für Generationen von Yoga-Kulturen. Auf der rechten Seite der Bühne ist auch scheinbar folgerichtig eine Shiva-Skulptur zu sehen, doch thront auf dieser anstelle eines Kopfs ein abstraktes Rund mit hölzernen Federn und einem Horn.

          Shootingstar der Clubbingszene

          Die Übergänge zwischen Mythen und Genres sind zweifellos fließend in der Arbeit von Chen: Zarte Folklore geht in elektronische Club-Music über, Butoh-Tanz verschmilzt mit Happening-Geschrei, Versatzstücke antiker Kulturen mit grellen Pop- und Trashelementen, Buddhistisches mit Hinduistischem. In all dem stilistischen Kuddelmuddel will der 32-jährige Shootingstar der chinesischen Kunst- und Clubbingszene auch noch eine Geschichte erzählen, deren Fäden für das Publikum allein deshalb schwer zu verfolgen sind, weil die wenigen Textpassagen auf Kantonesisch gesprochen werden.

          Aus dem eilends vor der Vorstellung verteilten Übersetzungszettel erfahren die Besucherinnen und Besucher, dass die junge, allein vor dem Vorhang erzählende Frau gerade einen Selbstmordversuch überlebte und ihr Ehemann verschwunden ist. Sie steht unter Verdacht, ihn ermordet, ja sogar geköpft zu haben, wie weiland Shiva seinen Sohn Ganesha. Da taucht ihr Mann plötzlich unversehrt wieder auf: ein Traum oder Wirklichkeit?

          Von der archaischen Kraft blieb nicht viel

          Grenzen zu transzendieren, ist das erklärte Ziel dieser ab 25. Mai auch beim Hamburger Festival „Theater der Welt“ zu sehenden Aufführung, die in vielem den mannigfaltigen Verwandlungen folgt, von denen die „Ishvaragita“ erzählt: dem Verlassen des fleischlichen Körpers, symbolisiert durch einen Schwarzen, der inmitten von Tierkadavern gefesselt ist, aus denen Fleischstückchen geschnitten werden, die in hohen Bögen im Publikum landen; auch dem Versuch des Eingehens in eine unvergängliche Seele, ins kosmische Eins durch die Hilfe des Ur-Individuums Purusha, des indischen Weltgeists, und natürlich auch des Somas, eines göttlichen Rauschgetränks bei Ritualen. Was dabei szenisch herausspringt, geht allerdings kaum über einen dürftigen Abklatsch der Happenings um 1968 hinaus, ohne den vielfältigen Verflechtungen der indischen Philosophie je gerecht zu werden. Von der archaischen Kraft der einstigen Fluxus-Bewegung ist nicht viel mehr übrig geblieben als der monotone, doch lautstarke Beat eines Computers, dem Aïsha Devi die sattsam bekannten Sounds der modischen Clubbing-Szene entlockt.

          Was Tomas Zierhofer-Kin, der neue Intendant der Wiener Festwochen und frühere Kurator des Salzburger „Zeitfluss“-Festivals, vollmundig „als Neudefinition des Genres Oper“ angekündigt hatte, erweist sich als oberflächliche, vom Pariser Künstlerkollektiv „House of Drama“ obendrein recht mittelmäßig aufgeführte Tanzperformance mit reichlich Referenzen an die Popkultur. Der versprochene „visuelle und akustische Sog“ entfaltet sich nicht, weil „Ishvara“ kurzerhand in einen ganz anderen Kontext verpflanzt wurde: Die Produktion war eigentlich Teil einer Ausstellung im Long March Space in Beijing, wo das Stück im Juni 2016 inmitten von Skulpturen Chens uraufgeführt wurde. Durch den Transfer auf die klassische Guckkastenbühne im Wiener Museumsquartier geht nun noch der letzte Rest an Unmittelbarkeit verloren, den „Ishvara“ im ursprünglichen Ambiente gehabt haben mag: In Beijing nämlich spielte sich alles ab in einem großen Saal, dessen tragende Säulen der chinesische Künstler – Fotos nach zu schließen – verwandelt hatte in den Eingang zu einem kleinen asiatischen Tempel, in dem seine Plastiken wie Devotionalien standen.

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          Davon ist in Wien wenig zu sehen. Weit verstreut auf der tiefen Bühne stehen die knallbunten oder golden glänzenden Skulpturen Chens. Sie wirken wie asiatische Ableger von Jeff Koons, ergeben aber keine stimmige Szenographie. Vom ornamentalen Boden der Bühne, die von einer indischen Swastika dominiert wird, ist nur wenig zu sehen. Auch das Ensemble, aus dem der halbnackte, zottelbärtige Butoh-Tänzer Beio hervorsticht, ist viel zu weit weggerückt vom Publikum, so dass die mannigfaltigen Verwandlungen der Tänzerinnen und Tänzer in vielarmige Gestalten bestenfalls ornamental wirken. Nach mehreren Mutationen, während derer ein Protagonist auf eine aufgeblasene Riesenpuppe einsticht, kehrt die viel zu wenig atmosphärische Aufführung nach langen zwei Stunden zurück zum stillen Eingangsbild. Das Rad des Lebens hat sich gedreht, die Trance jedoch ist ausgeblieben.

          Quelle: F.A.Z.

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