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Weimarer Kunstfest „Pèlerinages“ Erhabenes Ende einer Pilgerreise

Bevor sie ab nächstem Jahr die künstlerische Leitung des Beethovenfests in Bonn übernimmt, verbindet Nike Wagner im letzten Weimarer Kunstfest unter ihrer Federführung Schreckensmusikgedenken und Richard-Idyll.

© Martin Schutt/dpa Vergrößern Eigener Kopf in höherer Hand: Nike Wagner über die Jahre in Weimar

Mit dem Buchenwald-Konzert hat am Wochenende in Weimar das Kunstfest „pèlerinages“ begonnen. Zum zehnten und vermutlich letzten Mal. Sofort stellte Festivalintendantin Nike Wagner die Frage, ob des Gedenkens je ein Ende sein könne. Nein, sagte sie, solange jedenfalls nicht, wie noch Künstler vor Gericht zitiert würden wegen Hitlergruß-Performances und solange rechtsextreme Terroristen unbehelligt weitermorden könnten, weil die rechtsstaatlichen Strafverfolgungsorgane versagen. Ja, so lieben die Weimarer ihre Frau Wagner: Sie sagt immer, was Sache ist, egal, wie viele Minister und Abgeordnete gerade in der ersten Reihe sitzen.

Eleonore Büning Folgen:  

Anschließend sprach die Schriftstellerin Ruth Klüger über die Nachbarschaft der Kunststadt zum Konzentrationslager und erläuterte, scharf und präzis, den Unterschied von Wirklichkeit und Wahrheit im Umgang mit der Erinnerung. Dann dirigierte Arturo Tamayo die Staatskapelle Weimar. Sie erwies sich als glänzend disponiert. Die Blechbläser strahlten wie frisch geputzt, die Holzbläser jubelten, predigten und klagten in inbrünstiger Klangrede, wie Menschenstimmen.

Der Orchesterabend strahlte aus

Ja, es ist immer wieder erstaunlich und sollte den Kultur- und Bildungspolitikern in Thüringen, aber auch in Mecklenburg-Vorpommern oder Baden-Württemberg oder anderswo, wo gerade zurzeit wieder Orchester eingespart, verkleinert oder fusioniert werden, zur Lehre gereichen: Wo immer ein ausgezeichneter Dirigent mit einem guten mittelgroßen Orchester zusammentrifft, da wird plötzlich aus der sogenannten Provinz der Mittelpunkt der Welt. Das strahlt aus.

Drei Stücke standen auf dem Abendprogramm, von Karl Amadeus Hartmann, Bernd Alois Zimmermann und Arthur Honegger. Schon einzeln sind diese Musiken selten zu hören, noch nie in dieser atemraubenden Kombination. Sie stammen aus den Jahren 1935, 1946 und 1971 und berichten, jedes auf seine Art, nur in Musik, in textloser Orchestersprache, davon, was in Worten nicht zu fassen ist: vom anhaltenden Entsetzen über die Barbarei des zwanzigsten Jahrhunderts, den Völker- und Massenmord in deutschen Lagern.

Überwältigende Musik

Hartmann, der weder ein Jude war noch ein Kommunist, nur ein einfacher junger Musiker, ein Normalbürger mit Zivilcourage, widmete sein symphonisches Gedicht „Miserae“ den „Freunden, die hundertfach sterben mussten ... Dachau 1933/34“. Militärmarsch und Lamentolied sind die musikalischen Parameter, die darin aneinandergeraten und in faszinierenden Klangmischungen effektvoll durchgeführt sind. Hartmann verwendet, wie es später auch Zimmermann tut, verbogene Blues- und Unterhaltungsmusikfetzen als Signum einer fernen verlorenen Unschuld.

Freilich ist Zimmermanns „Stille und Umkehr“ viel sparsamer und spezieller besetzt. Es ist ein Stück über die Auflösung, das Verlöschen. Durchzogen von dem Orgelpunkt „d“, dem Grundton aus Beethovens Neunter, mündet es ein in die jenseitig-indifferente Klage einer singenden Säge. Üppige Überwältigungsmusik aus dem Hier und Jetzt dagegen, kraftvoll muskelspielend und pittoresk, schrieb Honegger 1946 für seine liturgische Symphonie, die von der „Auflehnung des modernen Menschen gegen die Flut der Barbarei, der Dummheit, des Leidens, des Maschinismus, der Bürokratie“ erzählen soll. Sie schreitet vom Dies irae zur Bitte um ewigen Frieden fort, wobei letzteres thematisch wie eine Forderung auftritt. Wie ein Baum steht das Nicht-Wort im Raum - am Ende zwitschern Flötenvögel.

Wagner-Idyll beim „Gedächtnis Buchenwald“

Es war dies das zehnte und letzte Konzert dieser Art mit Namen „Gedächtnis Buchenwald“, und auch der funkelnde polyvalente Name „pèlerinages“, der sich Franz Liszt verdankt, wie auch das Weimarer Kunstfest selbst, dessen Ausstrahlung und internationale Vernetzung den abenteuerlustigen Ideen der Liszt-Ururenkelin Nike Wagner zu danken ist, mit seiner langen Gästeliste großer Künstler, wird demnächst Geschichte sein. Sie verlässt Weimar, von 2014 an wird sie das Beethovenfest in Bonn übernehmen.

Aber eine Wagner ist eine Wagner bleibt eine Wagner. Und so zahlt auch Nike Wagner im Wagnerjahr dem „Mythos Blut“ (Wagner) Zoll und Tribut. Ein Schwan prangt auf dem Programmbuch, und „Wagner-Idyll“ heißt das Motto ihrer letzten „pèlerinages“, genau so, wie die lichterfüllte Komposition Dieter Schnebels, die am Sonntagmorgen, als auch die erste choreographische Klangkunst-Ausstellung eröffnet wird, zur Matinee erklingt, ergänzt von einem brillanten Wagner-Vortrag der Chefin und der Hindemithschen „Ouvertüre zum Fliegenden Holländer, wie sie eine schlechte Kurkapelle morgens um 7 Uhr am Brunnen vom Blatt spielt“. Aber was wird aus dem Kunstfest Weimar? Der Etat soll zurückgefahren werden. Man will hier, mit den örtlichen Kräften des Nationaltheaters, wieder kleine Brötchen backen.

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Quelle: F.A.Z.

 
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