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Verdis „Giovanna d’Arco“ in Salzburg Heiliges Sahnehäubchen

 ·  Anna Netrebko und Plácido Domingo begeistern in Giuseppe Verdis „Giovanna d’Arco“ bei den Salzburger Festspielen. Der Applaus des Publikums ist ein einziger Jubelschrei.

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© Silvia Lelli Vergrößern Sendungsbewusst: Anna Netrebko in Guiseppe Verdis „Giovanna d’Arco“, konzertant bei den Salzburger Festspielen

So liebt es der wahre Melomane: kein Regisseur, der die Handlung mit seltsamen Ideen überglänzt, auch kein Wortschwall eines Dramaturgen im Programmheft, der ein altes Stück für bislang noch nie richtig durchdacht zu erklären sucht. Eine solche pure Opernaufführung war jetzt bei den Festspielen in Salzburg zu besichtigen: Giuseppe Verdis frühes dramma lirico „Giovanna d’Arco“, konzertant dargeboten in der Felsenreitschule. Deren illuminierte Arkaden stellen allerdings schon eine Art Bühnenbild dar, das in diesem Fall sogar genutzt wird: Wenn nämlich die heilige Johanna am Ende singend dem Himmel entgegenstrebt, schreitet die Diva würdevoll zur Mitte hoch oben - ein Heiligenbild der besonderen Art, während unten in den Niederungen des Podiums Musiker und Chorsänger ihren begleitenden Part beisteuern. Der Verzicht auf eine richtige Inszenierung fällt aber noch leichter, wenn für die Titelpartie eine wirkliche primadonna assoluta aufgeboten wird.

Dass Anna Netrebko eine solche ist, steht außer Frage. In einem goldfarbenen hochmodelligen, geradezu königlichen Gewand schreitet sie majestätisch und würdevoll aus der Tiefe der Seitenbühne zur Mitte vor das Orchester. Nein: nicht unsympathisch primadonnenhaft, eher eine moderne Künstlerin, die allerdings weiß, was sie kann und vor allem: was sie wert ist. Freundlich nickt sie ihren beiden Neben-Haupt-Mitspielern zu: dem würdig ergrauten Plácido Domingo, der den hin- und hergerissenen Vater Giacomo singt (und dabei auch spielt); und Francesco Meli, der CarloVII. seinen geschmeidigen, wirklich „schön“ klingenden Tenor leiht - jenem französischen König, der sich in seine Retterin verliebte und dafür wieder geliebt wurde. Alle Voraussetzungen für einen „großen Abend“, der hier allerdings schon am Nachmittag begann, waren also gegeben.

Netrebko besticht

Der Verzicht auf szenische Darstellung enthob die Sänger auch der Pflicht, den drei zentralen Figuren so etwas wie eine psychologische Feinzeichnung zuzuspielen, die Verdi selbst in seiner Musik versäumt hat. Kleine, andeutende Gesten der drei Protagonisten wirken verlebendigend, können aber die fehlende psychologische Ausformung der dramatis personae nicht ersetzen. Ohnehin wirkt das Libretto von Temistocle Solera arg simplifiziert und schematisch. Von den 27 Personen der „Jungfrau von Orléans“ Friedrich Schillers sind in der Veroperung gerade einmal fünf übrig geblieben.

Letztlich aber sind in diesem vorliegenden Fall jedwede dramaturgischen Einwände überflüssig. Es muss ja nur gut, schön, wunderbar gesungen werden. Das war denn auch der Fall. Anna Netrebkos Stimme ist etwas dunkler, schwerer geworden, ohne an Geschmeidigkeit und Beweglichkeit zu verlieren. Kantable Linien blühen wunderbar auf, dramatische Affekte werden mit bemerkenswerter vokaler Energie herausgeschleudert, wobei die gesangliche Kontur immer beachtet bleibt. Das Opern-Singen der Netrebko zeichnet sich unverändert durch außergewöhnliche stimmliche Präsenz aus.

Dass Plácido Domingo sich kleine Spielanteile nicht nehmen lässt, war zu erwarten: Er war schon immer ein intensiver Sing-Schauspieler. Und singen kann er auch noch, wenn auch die Figur des zerrissenen Vaters von Verdi nicht besonders differenziert ausgeführt worden ist. Francesco Meli „spielt“ souverän die zweite Hauptrolle dieser Oper, den „Tenor“. Dieser „König“ ist nur Nebensache. Doch zusammen mit Anna Netrebko strahlen Verdis Duette leuchtend auf.

Am Pult des Münchner Rundfunkorchester stand mit Paolo Carignani ein erfahrener Verdi-Spezialist, der mit schlanker Linearität, gestochener Rhythmik und dramatischem Elan der Musik die nötige Durchschlagskraft sicherte, die auch die umfangreichen Chornummern, gesungen vom Philharmonia Chor Wien, einstudiert von Walter Zeh, auszeichnete. Das Publikum in der ausverkauften Felsenreitschule bedachte jede Gesangsnummer mit heftigem Beifall, es steigerte sich am Ende fast in die Raserei. Irgendwie durchzieht immer auch etwas Zirkusluft derartige Darbietungen: Salto mortale für Kehlköpfe.

Jubelschreie und langer Beifall

Salzburgs Festspiele können aber darauf verweisen, dass ihre Zuneigung zur Jungfrau von Orléans sich nicht allein auf Schöngesang beschränkt. Im Schauspiel darf diesmal Schillers Original besichtigt werden, und wer’s nicht so opernkulinarisch mag, der hatte die „Jeanne d’Arc“ von Walter Braunfels hören können. Überhaupt pflegt das Festspielprogramm in diesem Sommer die faustische Empfehlung Goethes zu befolgen: Wer vieles bringt, wird vielen etwas bringen! Manchmal überfällt einen das Gefühl, in einem großen Kulturwarenhaus umherzuwandern. Wenn man dann aber in einem Konzert Gustav Mahlers zweite Symphonie mit dem Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks unter Mariss Jansons erlebt, schwinden alle Einwände gegen die Fülle.

Das Orchester lief zur Höchstform auf, Jansons zeigte sich wieder als großer Mahler-Dirigent. Die spürbare Spannung im Publikum entlud sich nach dem letzten Ton in einem Jubelschrei, dem langer Beifall folgte. Jetzt erwartet man im Salzburger Mahler-Zyklus noch die Auftritte des SWR-Sinfonieorchesters Baden-Baden und Freiburg unter Michael Gielen und des Leipziger Gewandhausorchesters unter Riccardo Chailly - auf dass sich die Spannweite der heutigen Mahler-Interpretation abzeichne. Auch dazu sind Festspiele wichtig: umfassend größere Ideen zu verfolgen, was im Alltag des Musiklebens nicht möglich ist. Dazwischen genießt man aber auch gern einmal ein Sahnehäubchen: Netrebko.

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