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Thronwechsel in Salzburg Jedermannsteufel trifft Nullbuhlschaft

26.07.2010 ·  Eine Enttäuschung: Birgit Minichmayr ist als Buhlschaft in Hofmannsthals traditionellem Salzburger „Jedermann“ schlicht unglaubhaft. Und Nicolas Ofczarek gibt die Titelfigur des sterbenden reichen Mannsteufels ohne Konsequenz.

Von Gerhard Stadelmaier
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Die Republik Österreich hat kein Herrscherpaar. Insofern war es sinnvoll, exakt nach dem Ende der Kaiserzeit 1920 ein Ersatzherrscherpaar zu installieren. Zur Sommerszeit auf dem Salzburger Domplatz. Der seither eine Art saisonale geistig-geistliche Hofburg des sonst führungslosen Landes darstellt.

Naturgemäß mittels des schlechtesten und verlogensten Theaterstücks aller Zeiten, des „Jedermann“ (Autor, leider: Hugo von Hofmannsthal). Darin kann ein reicher Mann zeitlebens machen, was er will, er muss nur am Ende „Ich glaube!“ sagen – und schon kommt er (der Stoff ist kostbar von dem Spiel, doch dahinter liegt nicht viel), zum Himmelspapa ins Jenseits. Der Teufel hat das Nachsehen.

Zuvor aber hat Herr Jedermann noch ein Pantscherl mit seiner „Buhlschaft“. Die ihn aber, als es ans Sterben gehen soll, im Stich lässt: Koitus ja, Exitus nein. Auf solchen wohlgepolsterten Prämissen lässt sich zwischen Bett und Himmel genüsslich thronen. So bilden seit neunzig Jahren Herr Jedermann und Frau Buhlschaft das ideale österreichische Herrscherpaar. Erhobene Erheber. Ohne Folgen. Aber mit auratischem Chichi. Wenn aber wie heuer Jedermann und Buhlschaft neu besetzt werden, bedeutet das auch einen Thronwechsel. Ein Großereignis. Die ganze, sich auf dem Domplatz ausverkauft drängende Finanz-, Welt-, Halbwelt-, Wirtschaft- und Polit-Hautevolee – wem aber unterwirft sie sich? Temperamentsschablonen.

Ein Halbstarker und eine Puppe

Nicholas Ofczarek, jüngerer Burgschauspieler, spielt den Jedermann. Ofczarek ist in allen Rollen auf die verschlagene Drohung abonniert, immer gleich loszuprügeln, ein auf Zynismus- und Hinterhältigkeitshöhen hinaufgekommener Prolo mit dem Baseballschläger im Tornister, ein Gewaltmensch, von dem man keine Gebrauchtschlägerei kaufen möchte. Als Jedermann würgt er den armen Schuldknecht mit Eisenketten, schon am Boden Liegende tritt er höhnisch mit Füßen. Nur: Wieso hat er dann Angst vor dem Tod? Wieso verprügelt er den kalkweiß angemalten Baritönling nicht? Wieso lässt er sich von dem dünnen Kaftan-Männchen namens „Gott der Herr“ so einschüchtern? Ofczarek gibt den Mannsteufel ohne Konsequenz. Dass so ein Kerl „Ich glaube“ sagt, glauben wir nicht.

Noch unglaubhafter das rote rückenfreie Kleid, das mit Birgit Minichmayr als Buhlschaft gefüllt ist. Die Minichmayr ist eigentlich auf Weibsteufel abonniert: herb-harsche souveräne Edelschlampen, Männerübersteigerinnen im Freikletter-Stil. Als Buhlschaft ein onduliertes Nichts im Verskorsett. Wem also unterwirft sich die Domplatzgesellschaft 2010? Einem Halbstarken und einer Puppe.

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Jahrgang 1950, Redakteur im Feuilleton.

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