Home
http://www.faz.net/-gs4-70qmq
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Theaterbiennale in Wiesbaden und Mainz Das Land der Kühe

 ·  Vom Boulevard der Bombenbauer zur Metaphysik der Milchwirtschaft: Zwei neue Stücke auf der Theaterbiennale in Wiesbaden und Mainz öffnen uns die Augen.

Artikel Bilder (3) Lesermeinungen (0)
© Martian Kaufhold Lettisches Zwiegespräch: Bäuerin sucht Träume, Kuh sucht Nähe

Im Untergrund wird nicht gelacht. Terroristen sind humorfrei. Ihre Pointen sind tödlich: Schlusspointen ohne jedes Gelächter. Und vielleicht liegen die Tragödien aus Blut und Bomben noch nicht lange genug zurück, als dass ihnen bereits die Farce mit Pech und Pannen folgen könnte. Eine deutsche Boulevardkomödie über die Liebeswirren der RAF? Undenkbar.

In Spanien scheint das anders zu sein. „Burundanga“, die Eta-Komödie des katalanischen Dramatikers Jordi Galceran, wurde im Juni letzten Jahres in Madrid uraufgeführt und steht dort noch immer auf dem Spielplan. Seit zwei Monaten wird das Stück, das weniger kontrovers diskutiert wurde, als sein Autor wohl befürchtet hatte, auch in Barcelona gezeigt, im Teatro Villaroel. Jetzt gastierte die Theatergruppe des Villaroel bei der Theaterbiennale, die in Wiesbaden und Mainz noch bis zum kommenden Sonntag neue Stücke aus Europa zeigt.

Der Terror im Boulevardkostüm

Galceran geht die heikle Sache mit der Routine des Boulevarddramatikers an. Überzeichnete Figuren, schnelle Dialoge, viel Situationskomik und die bewährten Mechanismen der Verwechslungskomödie treiben die eher schlichte Handlung in „Burundanga“ flott voran: Berta ist schwanger und lässt sich von ihrer WG-Genossin Sílvia dazu überreden, ihrem Freund Manel mit Hilfe der südamerikanischen Wahrheitsdroge „Burundanga“ auf den Zahn zu fühlen. Sie will wissen, ob Manel der Mann fürs Leben ist, der richtige Vater für das Kind, das sie von ihm erwartet. Aber unter dem Einfluss der Droge plaudert Manel nicht nur unbekümmert einige Seitensprünge aus, sondern gibt sich auch als Eta-Mitglied zu erkennen. Zusammen mit Gorka, einem arbeitslosen Koch, bildet er das letzte Aufgebot der Terrororganisation: zwei stümpernde Aushilfsbombenleger, deren Entführungsopfer ihnen mit klugen Ratschlägen den letzten Nerv raubt. Denn der Industrielle Jaum, den die beiden Amateure des bewaffneten Widerstands anschleppen, ist nicht nur Sílvias Onkel, sondern selbst ein ehemaliger Untergrundkämpfer, der die Republik gegen Franco verteidigt hat. So soll der Terror dort ausgetrieben werden, wo er sich seit Jahrzehnten angesiedelt hatte: in den Familien.

“Burundanga“ ist ein schnelles kleines Stück, das sich seinem großen schweren Thema nur in einer ständigen Ausweichbewegung annähern kann, als wäre es auf der hektischen Flucht vor jenem Moment, in dem der ganze Schrecken des Terrors auf der Bühne spürbar werden müsste. Galceran hat für diese Schrecken keine eigenen Ausdrucksmittel gefunden, sondern ihnen kurzerhand das Boulevardkostüm übergeworfen, in dem der Terror es sich nun gemütlich macht.

„Zarteste Sache auf Erden“

Der lettische Theatermacher Alvis Hermanis geht den umgekehrten Weg. Seine Mittel sind ebenfalls die leichtesten, und sie sind von jener Art, die nichts wahrscheinlicher macht als einen vollständig missglückten Abend: kuhäugiger Sozialrealismus unter höchstem Kitschverdacht, auf die Bühne gebracht mit nichts als einigen Beleuchtungseffekten, ein bisschen Trockeneisnebel und sparsamen, überwiegend recht albernen Requisiten, mit denen sich ein kleines lettisches Ensemble in Milchvieh verwandeln soll. Denn die Hauptrollen in „Schwarze Milch“ spielen fünf Kühe.

Hermanis lässt sie von jungen Frauen in leichten Sommerkleidern spielen. Er streift ihnen Stirnbänder mit Hörnern über den Kopf, polstert die Dekolletés überlebensprall aus, hängt ihnen Glöckchen um den Hals und drückt ihnen dicke Zöpfe in die Hand, die sie sich ans Hinterteil halten, wenn sie auf hohen Schuhen mit der ungelenken Würde schwerer Huftiere über die Bühne schaukeln. Sie lecken dem Bauern die Hand, sie wollen gemolken werden, sie sind brünstig, übermütig, melancholisch. Das klingt befremdlich bis lächerlich und dürfte den Frauenbeauftragten aller Bühnenvereine und Schauspielerinnengewerkschaften dieser Welt tiefste Sorgenfalten in die Stirn graben. Tatsächlich aber ist „Schwarze Milch“ ein grandioses Theatererlebnis, ein Bühnenabend, mit dem Hermanis und seine Schauspieler ihr selbstgestecktes Ziel erreichen: Sie wollen die „zarteste Sache auf Erden“ berühren, die Seele.

Gefährte und Schlachtvieh

“Schwarze Milch“ ist ein Abend über das Ende der traditionellen Milchwirtschaft in Lettland, die ausstirbt, weil die lettischen Bauern unter den Rahmenbedingungen der Europäischen Union nicht mehr konkurrenzfähig sind. Es ist ein Requiem auf die allmählich verschwindende Lebensform der Kleinbauern, die Lettland über Jahrhunderte geprägt hat. Und es ist, weit über Lettland und das Schicksal seiner Bauern hinaus, eine zutiefst berührende Meditation über die Frage, was dem Menschen verlorengegangen sein wird, wenn er endgültig aufgehört hat, mit Tieren zusammenzuleben, wenn er Tiere nicht mehr hütet, bevor er sie schlachtet, wenn er sie nur noch produziert und verwertet.

Das hat mit Tierschutzromantik weit weniger zu tun, als man meinen könnte. Hermanis entwickelt ganz schwerelos eine archaische Metaphysik, älter als das Christentum, in der die Kuh als Mitgeschöpf und eigensinniges Individuum, als Nahrungsquelle und milchspendendes Familienmitglied, als Gefährte und Schlachtvieh zugleich erscheint. Die Texte basieren auf Gesprächsprotokollen mit alten Leuten auf dem Land, die lakonisch und wehmütig zugleich sind. Wehmütig, wenn sie an ihr Leben mit den Tieren zurückdenken, lakonisch, wenn sie konstatieren, dass ihre Lebensform zum Untergang verurteilt ist. Das Ensemble wird zur Herde, fünf Kühe und ein Ochse, die spielen, was die Bauern berichten, und es mit ihren Blicken kommentieren. Im Blick des Tiers auf den Menschen imaginiert sich der Mensch den Blick auf sich selbst mit den Augen einer anderen Kreatur. Auch dafür öffnet diese reichhaltige Theaterbiennale ihren Zuschauern die Augen.

„Neue Stücke aus Europa“, die Theaterbiennale in Wiesbaden und Mainz, läuft noch bis zum 24. Juni 2012.

Quelle: F.A.Z.
Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel

Jahrgang 1962, Redakteur im Feuilleton.

Jüngste Beiträge