Die Proben zum Stück hatten im Februar 1979 bereits begonnen, Hanna Schygulla sollte die weibliche Hauptrolle spielen. Die Uraufführung wollte der Autor, seine bewährte Praxis, selbst besorgen. Doch der Tod, der in der tragikomischen Farce in verschiedenen Gestalten auftritt, verstand den Spaß nicht und machte einen Strich durch die Rechnung: Der Unfall eines Schauspielers führte zum Abbruch der Inszenierung, das Stück blieb liegen, verschwand im Archiv und wurde vergessen. Bis es im Nachlass wiederentdeckt wurde: Fast fünf Jahre nach dem Tod von George Tabori kam seine „Abendschau“ bei den Ruhrfestspielen in Recklinghausen erstmals ans Bühnenlicht.
“Abendschau“ erzählt den Showdown eines Künstlerlebens. Der Mann, der in seinem Haus in New York mit dem Tod tanzt, ist ein abgehalfterter Entertainer namens Fridolin, über dessen Witze keiner mehr lacht. Auch die Familie nicht: Vater, Mutter, Sohn und Hund. Der amerikanische Traum ist wieder mal ausgeträumt, nur Sticheleien und Kränkungen sind geblieben. Fridolins Frau Amanda fühlt sich vernachlässigt, Sohn Billy bringt Schlangen nach Hause, und Vierbeiner Polly, der hier, eine Pfote wurde ihm amputiert, ein Dreibeiner ist, setzt den Hausherrn beim Schach matt. Dann gabelt Billy einen Klempner im schwarzen Overall draußen auf: Es ist, großes Erschrecken, der Tod, der sich als Untermieter einnistet. Erst räkelt sich der Alte auf dem Tisch, dann legt er einen Striptease hin und macht sich, bis auf die Unterhose entkleidet, auf einem Küchenstuhl breit von dem er, da mag ihm der hypochondrische Fridolin noch sein letztes Hemd anbieten, nicht mehr weicht.
Was hätte Tabori daraus gemacht?
Doch der Tod kommt in vielen Rollen. Als Dr. Liptauer, als Film-Tycoon Goldwhine, als Bluessängerin Gloria, als Cookiemonster kehrt er wieder - der Entertainer wird abserviert und gewinnt, letzter von vielen Seitenhieben auf Hollywood, den „Oscar für den besten Tumor des Jahres“. Applaus, Applaus! Und ziemlich meschugge: In immer neuen Anläufen bedroht der Tod die Familie, und in immer neuen Fluchtbewegungen entziehen sie sich ihm und feiern das als Leben. Eine verzweifelte Übung in Überlebenskunst, die zwischen Allmacht und Ohnmacht, Scherz und Chauvinismus, Grauen und Glauben, (jüdischem) Witz und Witzelei schlingert, schwarzhumorig und makaber. Aber sich auch anekdotenselig verplaudert, bis - großes Getöse! - das Haus in sich zusammenkracht und Fridolin sein Leben bilanziert: als „ein einziges Zögern, geboren zu werden“.
Im Kleinen Theater des Ruhrfestspielhauses stellt Karl Kneidl das Stück vor ein Koffergebirge, und die Regie lässt den Entertainer Konfetti werfen. Zwischen überladener Symbolik und leichthändigem Schwung mag sich die Inszenierung von Frank Hoffmann, eine Koproduktion mit dem Théâtre National du Luxembourg, nicht entscheiden und führt die aberwitzige Komödie in den adretten Klamauk. Dabei hat sie mit Wolfram Koch und Jacqueline Macaulay zwei fabelhafte Darsteller, die die absurden Todeskämpfe und den ehelichen Schlagabtausch vielseitig bestehen.
Was hätte Tabori daraus gemacht? Wie hätte er das Stück im Probenverlauf redigiert, verbessert, zugespitzt? Wir werden es nie erfahren. „Abendschau“, das seine besten Dramen (“Jubiläum“, „Mein Kampf“, „Goldbergvariationen“) nicht erreicht, hat einen zweiten Versuch verdient.