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Veröffentlicht: 17.05.2017, 21:12 Uhr

Ruhrfestspiele Dystopia liegt um die Ecke

Das Schauspiel Frankfurt zeigt „Evening at the Talk House“ von Wallace Shawn bei den Ruhrfestspielen. Die Inszenierung von Johanna Wehner verlässt sich auf ein starkes Ensemble und genau gezeichnete Psychogramme.

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© Birgit Hupfeld Letzte Runde:Tilo Nest und Sina Martens in der deutschsprachigen Erstaufführung von „Evening at the Talk House“ von Wallace Shawn

Willkommen im Club. Das verspricht ein netter Abend zu werden, zu dem Wallace Shawn in seinem Theaterstück „Evening at the Talk House“, das in der Übersetzung den Originaltitel beibehält, einlädt. Robert, der nicht sonderlich erfolgreiche Dramatiker, der längst ins einträglichere Fernsehseriengeschäft gewechselt ist, kehrt in den altmodischen kleinen Club zurück, wo man sich nach der Vorstellung immer getroffen hat, um noch was zu trinken und diese köstlichen Snacks zu schnabulieren. Darauf, den zehnten Jahrestag der Premiere seines Stücks „Midnight in a Clearing with Moon and Stars“ zu feiern, wäre Robert selbst nie gekommen, denn es war nicht gerade enthusiastisch aufgenommen worden. Umso mehr freut er sich auf ein Wiedersehen mit den Kollegen: dem Bühnenmusiker Ted, der die Idee dazu hatte, dem Produzenten Bill, den Schauspielern Tom und Dick, der Garderobiere Annette sowie mit Nellie, die den Laden damals geführt, und Jane, die, als Darstellerin eher glücklos, ihr geholfen hat.

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Viele schöne Erinnerungen sollten da wach werden. Auch an eine Zeit, als das Theater wichtig war und von Robert noch nicht als die ziemlich enge Nische erfahren wurde, die er bald verlassen musste. Die Welt hat sich weitergedreht in den zehn Jahren, doch hier im Talk House ist die Zeit stehengeblieben. Die Bar, die Volker Hintermeier auf die Bühne gestellt hat, ist nur noch lückenhaft mit Flaschen bestückt, die Spiegel am Tresen sind matt, die schweren Lederfauteuils speckig geworden. Nur die Pianomusik perlt wie eh und je.

So jedenfalls scheint es zunächst. Aber irgendetwas stimmt hier nicht. Das ist ja Dick, der da auf Robert zutritt, fast hätte er ihn nicht erkannt. Das ganze Gesicht ist zerschlagen, Schrammen und Flecken, die linke Hand bandagiert, die Kleidung voller Blut, und dazu sagt er, „mir geht es blendend“ und „es hat Spaß gemacht, ernsthaft“, obwohl es, denn er zittert und macht seltsame Geräusche, nicht danach aussieht. Doch schon wird wieder übers Theater gequasselt und darüber, dass es verschwunden ist, weil die Leute lieber zu Hause bleiben und Serien schauen, als in den Club zu kommen, und dann kommt die Rede auf zwei Politiker, die Bill allmählich satthat, „weil ich dieses ,Beseitigungsprogramm‘ einfach nicht leiden kann“.

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Ganz selbstverständlich fällt dieses Unwort. Im Smalltalk wird darüber gesprochen, dass von Menschen, die eine Bedrohung darstellten, Listen angefertigt, dann „Individuen“ ausgesucht und getötet würden. Fast jeder, so wird nach und nach klar, ist daran irgendwie beteiligt, das „Beseitigungsprogramm wächst“, so Bill, „schneller als jedes andere“; die Bezahlung sei, so Annette, nicht üppig, aber ordentlich, an manchen Schulen gehöre „Targetting“, wie die Technik heißt, zum Lehrplan, Psychologen und Soziologen führten Studien dazu durch. Bis nach Malaysia würden „Ziele“ ausgemacht, etwa Schafhirten, denen der Umgang mit Sprengstoff beigebracht worden sein soll; und Jane war, wie sie spät verrät, drei, vier Jahre als Killerin beim „Special Areas Project“ in Nigeria und Indonesien, wo sie Menschen auf Massenversammlungen einen tödlichen Kratzer geritzt hat: „Und Afrika ist heftig – das Essen ist nicht unbedingt toll, die meisten Leue hungern, es ist wirklich übel.“

Geisterreigen im Plauderton

Beiläufig, unversehens fast, kommt das Stück auf die Verhältnisse in einem repressiven, faschistoiden System zu sprechen, in dem Bürger mit Denunziation und Lynchjustiz ihre „Sicherheitsinteressen“ wahrnehmen. Die ehemaligen Kollegen diskutieren darüber so locker-flockig wie über die Erfolge und Misserfolge der Fernsehserien, an denen sie mitwirken. Im Plauderton werden die Umrisse einer moralisch bankrotten Gesellschaft skizziert, eine düstere Dystopie. Wie Shawn sie in knappen, schlichten Strichen skizziert und die Figuren sie verhandeln lässt, überrascht und wird dann schnell zum Problem, zu flach und wenig konkret sind die gesellschaftlichen Auskünfte – ein kalkuliertes Spiel mit dem Schrecken, das, wie sie ihn als alltäglich hinstellt, auch mit ihm versöhnt.

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In der Uraufführung, die im November 2015 in London stattfand, hat Wallace Shawn, wie auch in der Produktion Off Broadway, die im März 2017 herauskam, den Dick gespielt. Die deutschsprachige Erstaufführung, die sich das Schauspiel Frankfurt gesichert und bei den Ruhrfestspielen in Recklinghausen zur Premiere gebracht hat, gewährt, eher umgekehrt, dem Autor Beistand, indem sie den braven Realismus des Konversationsstücks unterläuft und ihm Züge eines Gespensterreigens verpasst. Die atmosphärisch dichte Inszenierung von Johanna Wehner, die vom 24. Mai an in Frankfurt gezeigt wird, kann sich auf ein starkes Ensemble stützen, in dem Tilo Nest, dessen Robert als leichtfüßiger Partylöwe daherkommt, den nonchalanten Ton vorgibt: Wie die Annette der Constanze Becker sich, indem sie die Banalität des Bösen verinnerlicht, selbst aufputscht und der Tom von Wolfgang Michael zum zerknitterten Zyniker verkommt, das sind genau gezeichnete Psychogramme; wie Martin Rentzsch als Dick sich in die lauernde Einsamkeit des geächteten Einzelgängers zurückzieht und die Jane von Sina Martens lange im Putzfimmel Heil vor ihrer Traumatisierung sucht, gewinnt den Anflug von Tragik: Hintergründe, die das Stück nicht ohne weiteres preisgibt.

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