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Veröffentlicht: 31.07.2014, 22:56 Uhr

Salzburger Festspiele Servus, Apokalypserl, küss die Hand

Wenn der Krieg ins Stadttheater geht: Die Salzburger Festspiele bringen gegen „Die letzten Tage der Menschheit“ von Karl Kraus ihre Nebelmaschine in Frontstellung. Die Dramaturgie aber schicken sie in die Etappe.

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© Salzburger Festspiele Lufthoheit verbal: Szene aus der Salzburger Aufführung

Am Anfang stehen ein Zeitungsausrufer und seine Ausrufungszeichen, Wien, Ringstraßenkorso: „Extraausgabee! Ermordung des Thronfolgers! Da Täta vahaftet!“ 720 Seiten später macht die Stimme Gottes einen Punkt: „Ich habe es nicht gewollt.“ Dazu ein Meteorregen und Höllenuntergangsfeuer. Zwischen Ringstraße und Universum liegen 220 Szenen. Ein Dramengebirge aus 220 Gipfeln an Ruchlosigkeit, Blutsumpf, Verbrechen, Entmenschung, Journalismus, Gottesverrat, Soldatenschinderei – und vor allem: an todbringender Phrase. Kurz: Erster Weltkrieg.

Jeder dieser Gipfel wird mit satirischer Wut gestürmt. Vom Autor. Er hat den Leitartikel im Tornister und das Pointen-Schnellfeuergewehr im Anschlag. Und er spielt im Stück als Person mit. Die Haken, die er in die blutgetränkten Zeit- und Katastrophenfelsen schlägt, sind: Zeitungsartikel, Akten, Dokumente, aber auch Erfindungen. Doch: „Die grellsten Erfindungen sind Zitate.“ Die Wirklichkeit übersteigt jede verzerrende Vorstellung von ihr. So kommt der Autor gut hinauf: Karl Kraus, der von 1874 bis 1936 in Österreich lebte und an seiner Zeit so sehr litt, dass er seinen Schmerz darüber als gallenbrandgetränktes Heftpflaster auf deren Wunden legte, damit es sich in sie hineinfressen und sie „zur Kenntlichkeit entstellen“ konnte. Dies Heftpflaster verabreichte er in Form seiner in Einmann-Publikation herausgebrachten Zeitschrift „Die Fackel“. Und als Generalabrechnungswundverband in Form seines Gebirgsmonsterdramas „Die letzten Tage der Menschheit“. Kraus schrieb daran von 1915 bis 1922.

Nebelmaschine im Dauereinsatz

Er hat sein unspielbares Stück einem „Marstheater“ zugedacht. Zumal der Autor in Gestalt des „Nörglers“ sich selbst in sein Stück hineinmontiert, der mit seinem Widerpart, dem „Optimisten“, der zweiten Seele, ach, in seiner Brust, in Rondo-Form wiederkehrend zur Weltkatastrophe Kommentare liefert und dort auch sein Drama im Entstehen kommentiert – und so also über 500 Personen und Rollen schultert. Da wir hier auf Erden kein Marstheater haben, kann man sich damit behelfen, dass ein sehr guter Schauspieler „Die letzten Tage der Menschheit“ nörglerisch vorliest, abendelang: im sarkastischen Entlarvungston eines schonungslos der Sprachwucht vertrauenden Kopftheaters. Der große Helmut Qualtinger (leider längst tot), eine Masse an Hirn, Leib und Bitterwitz, konnte das noch und wurde damit berühmt. Ein Weltkrieg ist sowieso nur in der Phantasie vorstellbar – kaum auf der Bühne, die aus Blut und Tod sowieso nur Sirup und Verstellung machen kann.

Es ist nur folgerichtig, dass jetzt in Salzburg, der Festspiel-Stadt, die ganz gewiss kein Marstheater zu gebären fähig wäre, gerade als man zur Pause aufbrach nach zwei langen Stunden der aktuellen Regie-Bemühungen, „Die letzten Tage der Menschheit“ ins Festspiel-Stadttheater hineinzuzwängen, ein offenbar älterer Zuschauer empört vom oberen Rang des Landestheaters herab lauthals raunzte: „Heiliger Helmut Qualtinger, schau abi!“ Denn drunten sah man sich vor allem mit einer Nebelmaschine konfrontiert.

Das organisierte österreichische Hausfrauentum

Diese Maschine war ebensosehr im Dauereinsatz wie die Drehbühne und eine Batterie von Scheinwerfern, die hie und da zur Blendung des Publikums hinzutrat. Wobei die Regie des wackeren Spielvogts Georg Schmiedleitner, der in dieser Koproduktion mit dem Burgtheater für den ursprünglich vorgesehenen, aber dann ja bekanntlich hinausgeworfenen Burgtheaterdirektor Hartmann eingesprungen war, sofort den Autor opferte: auf dem Altar des tobenden Wahnsinns. Der „Nörgler“, den der Burgschauspieler Dietmar König im schwarzen Kaufhausanzug von heute kahlköpfig darbietet, hat nichts von der eiskalten, pointengipfelstürmenden Wut des Karl Kraus. Vielmehr windet sich König wie ein getretener, gepeinigter Wurm, der das Weh der Menschheit hysterisch ausschreit, während Gregor Bloéb als sein Widerpart „Optimist“ mit der Sonnenbrille, dem Wuschelkopf und dem gebräunten, mit allen Jacketkronen blitzenden Zuhältergesicht eines avancierten, aber völlig begriffsstutzigen Mafioso prunkt. Man hat hier sofort: zwei Winkeltypen mit Psychoschaden – keine Weltkriegssezierer. Ein Verlust nicht nur an Überlegenheit, sondern an Überlegtheit.

Schmiedleitner verlegt das Stück, das nichts anderes zum Thema als die Entmenschung hat, in ein österreichelndes Gemenschele. So, als wolle er ständig zur Apokalypse „Küss’ die Hand!“ sagen. Dergestalt wählt er unter den 220 Szenen aus. Eine neuzeitliche Party-Gesellschaft wandert, schlendert, raunzt und rumpelt kabarettistisch durch das Dramoletten-Gebirge von Kraus: auf einem bequemen Viertelshöhenweg. Unterstützt und untermalt von der Trachten-Blaskapelle der „Postmusik Salzburg“, als säße man im Bierzelt 14–18.

Dreizehn Burgschauspieler machen das lässig und routiniert, fast jeder in mehreren Rollen. Sie bilden eine phrasendreschende Schulklasse unterm patriotischen Rohrsteck-Lehrer, den Elisabeth Orth als grau verhockten chauvinistischen Trockenwurstl gibt, der sich dann in den eitlen, einen Fototermin mit der Presse inszenierenden Generalstabschef von Hötzendorf verwandelt. Sie bilden die vaterländische Bagage eines Cafés oder keifende Weibergruppen, die sich als organisiertes österreichisches Hausfrauentum bis aufs Blut bekämpfen.

Vier Stunden Weltkrieg

Sie rotten sich zu Rote-Kreuz-Komitees oder zur Gäste-Corona eines Restaurants zusammen, das vom Wirt, den Peter Matić als huschendes Witzgespenst spielt (später ist er auch noch ein kalkige Couplets singender Kaiser Franz Josef)‚ mit Worthülsen statt mit Hülsenfrüchten abgespeist wird. Sie terrorisieren im Wiener Brutaloton und in Gestalt des massigen Christoph Krutzler die um Lebensmittel anstehenden Hungernden, wobei Krutzler auch den Schmockdichter Ganghofer mimt, der vor Wilhelm II. Schuhplattler tanzt. Oder sie hängen als kriegshetzende Prediger („Feindesliebe ist nicht christlich!“) als Marionetten an Seilen wie Stefanie Dvorak, die dann noch im Abendkleid der auf dem Boden liegenden Blaskapelle das vorschriftsmäßige Grüßen beibringt – wobei es hier allerdings um ein Spital mit sterbenden Soldaten und einen sadistischen General gehen müsste.

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Es ist dies alles sehr nett. Nur dass Szenen, die den Hunger, den Terror, das Grauen der Front oder den Wahnsinn einer Zivilbevölkerung zeigen, die ein Kind, das nach Brot verlangt, am Fensterkreuz aufhängt, fast völlig wegfallen. Die Dramaturgie tummelt sich lieber in der Etappe. Es ist bezeichnend, dass die Figur der Journalistin Alice Schalek, der journalistischen Hyäne der Schlachtfelder, hier in den Vordergrund rückt, der bei Kraus nur ein Mittelgrund ist. Dörte Lyssewski spielt sie in großer Pelzkappe und mit vollemanzipiert sich im Männertodesgewerbe durchschnutender großer Klappe als kampfgeile Kaltmegäre, scharf auf sterbende Jüngelchen. Aber ihre Schalekereien scheinen nur errichtet auf sexualneurotischem, nicht auf zeitkritischem Gelände. Wenn sie den Fliegerbombenwerfer fragt: „Wie fühlen Sie sich?“, ist damit nicht eine offenbar zeitlose journalistische Blödsinnsfloskel diskreditiert, sondern ein rein privaterotisches Interesse formuliert.

Natürlich fallen hier auch das Universum samt Teufel, Gott und Meteorregen weg. Man begnügt sich am Ende mit ein bisschen Grand Guignol: Der Optimist hat sich als Leutnant verkleidet und berichtet, wie er Gefangenen den Kopf abgeschnitten und vergewaltigte Mädchen erschossen hat. „Bumsti!“ Dann noch ein großer Kanonenknall. Schluss. Der Erste Weltkrieg dauert in Salzburg vier Stunden. Danach ist man herzlich froh, dass nicht nur der Krieg vorbei ist.

Glosse

Wer liest denn schon noch?

Von Kerstin Holm

Selbst Menschen, die öffentlich über Bücher sprechen, erklären häufig, sie hätten ja gar keine Zeit zum Lesen. Der Bazillus des nichtinformierten Diskurses verbreitet sich zusehends. Mehr 5

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