Gestern Nachmittag sang Anna Netrebko in Salzburg fürs Volk. Plakate und Spruchbänder und eine kurzfristig angesetzte Pressekonferenz kündigten zwei Tage vorher an: Überraschung! Die Generalprobe zur konzertanten „Iolanthe“ wird fürs Publikum geöffnet!
„Iolanthe“ ist ein relativ unbekannter Einakter von Peter Tschaikowsky. Es geht darin um eine blinde Prinzessin, die sehend wird aus Liebe. Die schönste Stelle in der Musik ist die, als man ihr die Binde abnimmt und lohengrinmäßig Licht eindringt in ihre ewige Dunkelheit, angekündigt von einem kurzen Harfenrupfer, mit ansteigenden Tremoli, gehüllt in Hörnersammet: „Oh unerträglicher Glanz“.
Netrebko trug aus diesem Anlass gestern Nachmittag etwas Pralinéverpackungsartiges, in Ecru und Tüll, mit Stickerei. Zum Pressetermin erscheint sie in Taubenblau. Die Hochgeschlossenheit, die gedeckte Farbe und der breite Keuschheitsgürtel dieses strengen, schmalen Kostüms sind eindeutig nonnenhaft konnotiert.
„Meine Frau ist höchst talentiert“
Wie einen Panzer trägt Netrebko ihr Friedenstaubenblau. Sie lächelt eisig. Wie eine Heilige steht sie da, in Unschuldskriegsbemalung, Lippenstift Farbe Nude, im Lichtgewitter der Fotografen, die gerade ihre siebenhundertsten oder dreitausendsten Netrebko-Fotos in diesem Festspielsommer schießen, und eines sieht aus wie das andere. Zwei Meter weiter steht und wartet Ehemann Schrott, er guckt zu.
Erwin Schrott tritt heuer in Salzburg sehr viel öfter auf als Anna Netrebko, er singt sowohl den Figaro im „Figaro“ als auch den Leporello im „Don Giovanni“. Schrott sagt es gern und oft, wahlweise zur „Kronen-“ oder zur „Bild“-Zeitung: „Meine Frau ist wunderschön, meine Frau ist höchst talentiert, ich liebe meine Frau.“ Das ist authentisch. Das versteht jeder.
Ohne seine talentierte, schöne Frau hätte Schrott, das wissen auch alle, diese Rollen nie bekommen. Er ist ein Bariton, wie es viele gibt. Ja, es gibt etliche, die mehr Volumen haben, mehr Farbe, mehr Ausdrucksvarianten, die weniger chargieren und es doch niemals zu einer Hauptrolle in Salzburg bringen werden. Aber Schrott sieht sehr gut aus, und er ist Netrebkos Mann. Das sind andere Baritone nicht.
„Dankerscheen Frranz“
Gesagt hat Anna Netrebko nicht viel beim Pressetermin. Nur: Sie liebe die „Iolanthe“-Musik, sie sei wunderschön. Kein Wort dazu, dass das gleiche Stück in exakt derselben Sängerbesetzung vor zwei Jahren schon einmal in Baden-Baden szenisch gezeigt wurde. Salzburg ist ein exklusiver Ort, alles, was in Salzburg stattfindet, findet bekanntlich nur in Salzburg statt.
Auch blieb unerwähnt, dass alle Generalproben hier sowieso öffentlich sind. Die Überraschung dieser „Iolanthe“-Probe besteht nur darin, dass die Eintrittskarten teurer sind, von 30 bis 120 Euro. Es handelt sich um eine Benefiz-Veranstaltung, der Reinerlös ist bestimmt für den Wiederaufbau der Muza Kawasaki Symphony Hall in Japan, die im März beim Erdbeben zerstört wurde.
Zurzeit kann jeder Bürger, der bereit ist, ein Weilchen auf der Salzburger Hofstallgasse herumzulungern, auch selber Netrebko-Fotos machen. Das klappt fast zu jeder Tageszeit. Zum Beispiel kurz vor Mitternacht am Donnerstag. Da trug sie etwas Ausgeschnittenes in Zitronengelb, im Hof zu Sankt Peter. Posiert im Eingang, Schrott fotografiert, keiner darf so lange rein oder raus. Oder vorige Woche, da speisten die beiden mitten auf der Philharmoniker-Gasse. Sie eine Mandarinenblüte in Wolken aus Chiffon, er mit punkig schneeweiß gefärbter Tolle. Kellner Franz vom „Triangel“ schleppt Platten, Weine, Eiskühler herbei. Und als sie nach Stunden, inzwischen waren andere in die Oper gegangen und wieder herausgekommen, endlich entschweben, ruft Netrebko mit ihrer herrlichen, russischen Glockenstimme noch einmal von weitem „Dankerscheen Frranz“ durch die Nacht, wer es hört, dem wird warm um das Herz.
Alexander Pereira bleibt unsichtbar
Die Gasse ist eine Bühne, aber auch umgekehrt. Außer Netrebkofotos sind vor dem „Triangel“ oder am anderen Salzach-Ufer im „Bazar“ auch Thielemannfotos möglich, Marthalerfotos, Flemingfotos, Boltonfotos, Minichmayrfotos, Hinterhäuserfotos, Metzmacherfotos, Salonenfotos, Brendelfotos, aber auch Thomas-Gottschalk-Fotos, Hellmuth-Karasek-Fotos oder Patrick-Bahners-Fotos. Wer immer hier zu tun hat, der läuft hier nun mal herum. Alle Dirigenten, Sänger, Musiker, Dramaturgen, Komponisten, Autoren, Schauspieler, Regisseure, alle Agenten des Musikbetriebs, Intendanten, Feuilletonisten, Radio- und Fernsehleute. Alle wahnsinnig gut gelaunt, enorm gesellig. Es geht ähnlich zu wie auf der Buchmesse, nur, dass Salzburg kleiner, hübscher und herziger ist als die Frankfurter Messehallen, man isst hier besser, und die Menschen sehen auch besser aus. Sie tragen feinere Stoffe, entweder kommt man eben aus dem Festspielhaus oder man geht gleich hinein.
Der Einzige, der höflicherweise unsichtbar bleibt, ist Alexander Pereira. Er wird ab September der neue Salzburger Intendant sein, für die nächsten vier Jahre. Pereira hat es nicht leicht. In Sachen Musik präsentieren die Festspiele zurzeit das dichteste, streitbarste, spannendste Programm seit Jahren, es sind die sogenannten „Hinterhäuser“-Festspiele, bis zum Rand ausverkauft, schon jetzt geht die Rede, man werde mit einem satten Plus abschließen. Nichts davon will Pereira übernehmen, kein Stück wird wiederaufgenommen, alles soll neu und anders sein: eine Starparade, ein Festival der Superlative, im November wird er sein Programm bekanntgeben.
Wer soll den Glanz bezahlen?
Die „Salzburger Nachrichten“ waren schneller: Alles Wichtige stand jetzt schon im Blatt, einen Mordskrach soll das gegeben haben hinter den Kulissen, nach Schuldigen wurde gefahndet für die Indiskretion, dabei hatte „SN“- Redakteur Karl Harb doch nur ein bisschen im Netz herumgegrast, hatte Künstlerterminkalender befragt und 1 und 1 zusammengezählt. Sieben Opern werden 2012 neu produziert. Davon eine als Übernahme von den Osterfestspielen („Carmen“, mit Simon Rattle, Regie: Aletta Collins) sowie eine von den Pfingstfestspielen (Händels „Giulio Cesare“, dirigiert von Giovanni Antonini, Regie: Leiser & Caurier).
Außerdem gibt es „La Bohème“ mit Daniele Gatti (Regie: Damiano Michieletto) und Zimmermanns „Soldaten“ mit Ingo Metzmacher (Regie: Alvis Hermanis), eine „Ariadne auf Naxos“ mit Riccardo Chailly (Regie: Sven-Eric Bechtolf) und die „Zauberflöte“ mit Nikolaus Harnoncourt (Regie: Jens-Daniel Herzog), schließlich etwas Unbekanntes: Peter von Winters „Das Labyrinth oder Der Kampf mit den Elementen“ nach Schikaneder, dirigiert von Ivor Bolton, inszeniert von Alexandra Liedtke. 2013, im Wagner-Verdi-Jahr, folgen „Meistersinger“ mit Daniele Gatti und „Don Carlo“, dirigiert von Antonio Pappano, inszeniert von Peter Stein.
Sieben Opern statt fünf, mit Netrebko (als Mimi), Bartoli (als Cleopatra), Koena (als Carmen), wer soll den Glanz bezahlen? Einen neuen Hauptsponsor bringt Pereira mit: Rolex. Sein Jahresgehalt beträgt schlappe 280.000 Euro brutto. Diese Gage, so Festspielpräsidentin Helga Rabl-Stadler zur Wiener „Presse“, halte sie für „absolut adäquat“.
Grossartig
Eckart Härter (Leser3000)
- 15.08.2011, 20:34 Uhr