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Salzburger Festspiele König für einen Sommer

 ·  Erst wollte man ihn nicht, dann musste er doch antreten: Der Pianist Markus Hinterhäuser leitet die diesjährigen Salzburger Festspiele - dann zieht er weiter nach Wien. Hier erläutert er seine Beweggründe.

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Markus Hinterhäuser, 52, Pianist, erfand vor achtzehn Jahren zusammen mit dem Komponisten Tomas Zierhofer-Kin in Salzburg den „Zeitfluss“. 2005 holte Jürgen Flimm ihn als Konzertchef ins Festspiel-Team. 2009 gab es dann Ärger um die Flimm-Nachfolge: Hinterhäuser wurde von der Findungskommission abgelehnt, weil zu jung und zu riskant, statt seiner wählte man Kandidat Nummer-Sicher, den Opernmanager Alexander Pereira (64). 2010 erklärte Flimm dann seinen vorzeitigen Rücktritt und Hinterhäuser sprang für ihn ein. So sitzt er heute also doch im Intendantenzimmer des Salzburger Festspielhauses, für diesen einen Sommer.

Ganz schön still hier! Keine Skandale, keine Veruntreuung, kein Vertragsbruch, keiner ist beleidigt, niemand sagt ab . . . Sind Sie sicher, Herr Hinterhäuser, dass wir kurz vor Eröffnung der Festspielsaison stehen?

Es ist hier drinnen absolut nicht still! Es wird hier gerade außerordentlich viel geprobt. Und mir fällt das eher positiv auf, dass es heuer so wenig Streit gibt unter all diesen intelligenten Menschen, die gerade im Stress in den Produktionen drinstecken. Ich glaube, genau das ist mein Job: Ich muss hier für eine gute Arbeitsatmosphäre sorgen.

Man hat Ihnen in Salzburg übel mitgespielt. Trotzdem helfen Sie bei den Festspielen aus. Warum tun Sie sich das an?

Ich kann sagen, das war eine Erfahrung, die ich lieber nicht gemacht hätte. Und den Festspielen wünsche ich, dass sich so ein Vorgang nicht wiederholt.

Sie verwalten Flimms Pläne. Wie viel Spielraum hatten Sie für eigne Ideen?

Falsch. Ich bin kein Verwalter. Ich bin hier der Intendant.

Für einen Sommer . . .

. . . für ziemlich präzise eineinhalb Jahre. Knapp, aber es reicht. Es gibt nur eine einzige neue Produktion, die auf Flimm zurückgeht, die habe ich freudig übernommen: Die „Frau ohne Schatten“ mit Christian Thielemann und Christof Loy. Alles andere ist von mir. Ich habe den Peter Stein überredet, dass er „Macbeth“ macht, zusammen mit Riccardo Muti, ich habe Christoph Marthaler für die „Sache Makropulos“ gewonnen mit Esa-Pekka Salonen. Und auch bei den Mozart-Wiederaufnahmen gab es wichtige Umbesetzungen. Sie werden jetzt von drei verschiedenen Orchestern gespielt, nicht nur von den Wiener Philharmonikern. Ich bin der Meinung, dass es heute eine der zentralen Aufgaben in Salzburg ist, verschiedene Mozart-Lesarten hörbar zu machen.

Und das Konzertprogramm ist ja sowieso von Ihnen. Es ähnelt verflixt dem, was Sie vor achtzehn Jahren im „Zeitfluss“ gemacht haben: Cage in der Altstadt, „Prometeo“ in der Kollegienkirche – sieht aus wie eine Art Bilanz.

Stimmt. Dieser Sommer ist mein Abschied von Salzburg. Die Uhr tickt, und ich höre sie ticken, jeden Tag. Von jetzt an sind es noch sechs Wochen, dann ist alles vorbei. Vieles, was in diesen Tagen passieren wird, das habe ich mir sehr, sehr gewünscht, und andere übrigens auch. Dass wir hier zum Beispiel noch einmal dieses Wunderwerk von Luigi Nonos „Prometeo“ erlebbar machen können, in derselben Besetzung wie damals, mit Ingo Metzmacher, mit dem Ensemble Modern, mit André Richard, und am gleichen Ort, das hat natürlich auch etwas zu tun mit Wehmut. Ich liebe diese Stadt, ich bin ja hier damals im „Zeitfluss“ sozusagen festspielsozialisiert worden.

Keine Angst vor der Reprise? Noch mal rein in den gleichen Fluss, an der gleichen Stelle?

Ich veranstalte hier doch kein Veteranentreffen! Wir wiederholen nichts, wir holen uns nur etwas wieder. Würden wir Beethovens „Fidelio“ machen, käme keiner darauf, zu sagen: Ha, das gab’s ja schon mal, wie langweilig, eine Reprise! Wir sind alle inzwischen achtzehn Jahre älter geworden, niemand von uns ist stehengeblieben. Unser Musikverständnis hat sich verändert, unser Denken, alle Beteiligten sind längst ganz woanders angekommen in ihrem Leben. Das ist auch ein Thema dieser Festspiele: Älterwerden. Darum geht es zum Beispiel in „Die Sache Makropulos“.

Könnte es sein, dass auch Nonos „Prometeo“ gealtert ist?

Ich habe mich heute ein bisschen entfernt von dem Gedanken Nonos, dass der politische Anspruch transportierbar sei durch Musik. Dazu ist dieser Vorgang viel zu kompliziert, ästhetisch und rhetorisch. Und trotzdem müssen wir das Stück unbedingt noch mal machen! Neulich wurde von einer FPÖ-Politikerin im Radio mehr volkstümliche Musik gefordert. Diese Generalverblödung, der wir alle ausgesetzt sind, der kann man nur mit hochkomplizierten Konstrukten begegnen. Da ist es ein großes Glück, wenn wir ein Konstrukt wie „Prometeo“, ein Stück, das zu den zentralen Taten der Musikgeschichte gehört und fast nie sonst gespielt wird, nach achtzehn Jahren wieder für uns überprüfen können. Ich freue mich unbändig darauf. Das Gleiche gilt für die ersten elf Klavierstücke von Karlheinz Stockhausen, eine der phänomenalsten Erfindungen für Klavier. Oder für alle Streichquartette von Schostakowitsch. Dass man hier im Kontext etwas hören kann, was in dieser Dichte sonst nirgends zu hören ist, das macht für mich erst ein Festival aus.

Wie viel neue Musik ist Salzburg zumutbar?

Alles ist allen zumutbar, wenn man aufrichtig miteinander umgeht. Wir verkaufen hier in diesem Sommer 225.000 Karten. An der Zahl können Sie ablesen, dass es ein enorm heterogenes Publikum in Salzburg gibt und eine große Publikumsfluktuation, ganz anders als bei städtischen Festivals. Aber es ist keineswegs so, dass die Reichen nur wegen der Oper kommen und die Jungen gehen dann zur neuen Musik in die „Kontinent“-Konzerte. Es gibt viele verrückte Schnittmengen, das konnten wir schon letztes und vorletztes Jahr feststellen.

Hat sich das Salzburger Publikum verändert?

Ja. Es lässt sich herausfordern. Das haben wir erreicht. Ein Festival sollte Forderungen stellen. Nicht spekulativ, nicht pädagogisch, keine „education“, so was finde ich eher unangenehm. Sondern auf Augenhöhe, einander ernst nehmend, so, wie Luigi Nono das formuliert hat: „Das Ohr aufwecken, die Augen, das menschliche Denken!“ Das ist mein Motto in dieser Saison, eine Art Weckruf: „Hört zu! Denkt mit!“ Gedankenlose Kunst gibt es nicht. Ohne gewisse Formen des Denkens wäre diese ganze Veranstaltung hier sinnlos und aussichtslos.

Und wie macht sie das, wie drückt Musik Gedanken aus?

Ich würde mich freuen, wenn man Musik als eine Form von Mitteilung akzeptiert. Die Unmittelbarkeit, mit der uns Musik trifft, ist aber so unendlich viel größer und umfasst so viel mehr von unserer Existenz, als es Sprache kann! Musik bedarf ganz anderer Codes zur Entschlüsselung als Sprache. Und grundsätzlich gibt es eine Qualität in der Musik, die über das Erlernbare, Mitteilbare hinausgeht. Sie trifft uns ins Herz, direkt, das passiert immer wieder. Und immer wieder ist es unerwartet. Ein Schubertlied kann jeden treffen, würde ich behaupten, in einem gewissen Moment trifft das einfach jeden.

Sie haben mal gesagt: Man darf als Pianist nur Stücke spielen, an die man glaubt. Setzen Sie als Veranstalter auch nur Stücke auf das Programm, an die Sie glauben?

Nein, das wäre totalitär. Den Anspruch habe ich nicht. Das Programm-Machen ist immer eine Balance zwischen Wunscherfüllung und pragmatischen Entscheidungen. Es ist ja nichts leichter, als eine Reihe von teuren Konzerten aus den Agenturangeboten auszuwählen und aneinanderzureihen. Aber nichts ist langweiliger und überflüssiger als das. Meine Programme versuchen, eine Mitteilungsmöglichkeit festzuhalten von dem, was ich über Musik denke oder wie ich Musik empfinde oder was ich glaube, dass man es mit Musik sagen könnte.

Das Publikum heute ist kurz getaktet, hört mit den Augen, zappt herum. Es hat die Sprache der Musik verlernt. Was ist da zu tun?

Skepsis ist die Eleganz der Angst. Das ist auch ein feines Motto, hat Cioran mal gesagt. Was ich damit sagen will: Die klassische Musik ist ja keineswegs in der Krise. Auch wenn das dauernd behauptet wird, es ist ein purer Quatsch. In so vielen Musikstücken der Vergangenheit und Gegenwart sind Krisen beschrieben worden, von Mahler, Schubert, Schumann bis Rihm. Aber unser Musikleben, das ist wirklich in einer Krise. Da verschwindet dauernd etwas von unserem Radar. Natürlich existiert alles irgendwie weiter, Subventionen werden hineingespeist, Konzerthäuser werden gebaut. Und doch verschwindet täglich wesentliche Musik, weil sie einfach nicht mehr gespielt wird. Jede Zusammenkunft von Menschen, ob es zehn oder hundert oder tausend sind, die etwas gemeinsam hören wollen, ist deshalb etwas sehr Kostbares. Und diese Möglichkeit zu bewahren, darum geht es.

Sie haben früher beim „Zeitfluss“ noch selbst Klavier gespielt. Was ist seither aus dem Pianisten Hinterhäuser geworden?

Er spielt Klavier. Bis jetzt bin ich jedes Jahr hier in Salzburg selbst aufgetreten. Im vorigen Jahr im „Deutschen Requiem“ von Brahms in der Fassung für zwei Klaviere, davor habe ich das „Tagebuch eines Verschollenen“ von Janáek gespielt, davor Musik von Galina Ustwolskaja. Nur diesmal spiele ich nichts.

Warum?

Ich habe zurzeit genug anderes zu tun. Aber es ist doch herrlich und wunderbar, wenn Argerich kommt und spielt oder Sokolov. Als ich jung war und Klavier studierte, da kam Martha Argerich für mich gleich nach dem lieben Gott. Und jetzt lade ich sie ein, und sie spielt, und ich habe immer noch Herzklopfen. So geht mir das bei vielen Künstlern. Das Programmmachen selbst kann ja auch im schönsten Fall ein künstlerischer Vorgang sein. Eine künstlerische Tat: Man setzt etwas in Beziehung zueinander, sucht eine Form, findet einen Rhythmus, das eine folgt aus dem anderen, wie Dux und Comes in der Fuge. Vielleicht vermisse ich deshalb das Klavier zurzeit nicht.

Was werden Sie am letzten Festspieltag tun?

Ich werde die Tür hinter mir zumachen. Wahrscheinlich werde ich sehr müde sein.

Sie sind designierter Chef der Wiener Festwochen ab 2013. Gibt es Pläne?

Wie soll ich das jetzt wissen? Damit fange ich an, wenn ich hier fertig bin.

Ihr Vertrag in Wien läuft bis 2016. Können Sie sich vorstellen, nach Salzburg zurückzukehren?

Nein. Ja. Vielleicht. (lacht)

Das Gespräch führte Eleonore Büning

Quelle: F.A.Z.
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