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Donnerstag, 23. Februar 2012
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Salzburger Festspiele Jeden Tag gibt es hier kleinere Beben

23.08.2011 ·  Christian Thielemann ist der ungekrönte König von Salzburg. Sein Reich erstrahlt im Glamour. Doch die wahren Schätze liegen nicht auf der Hofstallgasse.

Von Julia Spinola
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In Salzburg stehe man unter hohem Qualitätsdruck, findet Christian Thielemann. Aber er habe sich gesagt, „wann, wenn nicht jetzt“. Thielemann ist in Hochstimmung und an Selbstbewusstsein hat es ihm nie gefehlt. Es wird von ihm erwartet, es gehört zu seiner Aura. Das ganze Festspielhaus tost und tobt, wenn der Dirigent nach knappen fünf Stunden „Die Frau ohne Schatten“ den Stab senkt, um sich nicht nur vom Publikum, sondern auch von den sonst so heiklen Wiener Philharmonikern frenetisch feiern zu lassen. Von 2013 an wird Thielemann mit seiner Dresdner Staatskapelle die künstlerischen Geschicke der Osterfestspiele prägen. Doch schon jetzt, wo er zum ersten Mal in Salzburg Oper dirigiert, ist er hier der ungekrönte König.

Genau das strahlt er aus, wenn er in seiner Garderobe im Festspielhaus empfängt: heiter, entspannt, ein gelassenes Siegerlächeln im Gesicht. Das Dirigentenzimmer, in dessen geschätzten 15 Quadratmetern nur ein Klavier, aber kein Flügel Platz hat, sei das einzig Verbesserungswürdige an diesem Festspielbetrieb, sagt er und schmunzelt. Alles andere empfindet er als schlichtweg perfekt: die „wahnsinnig freundlichen“ Mitarbeiter, die unauffällig und reibungslos funktionierende Organisation, die großzügigen Probenbedingungen – und eine phantastische, künstlerisch befeuernde Atmosphäre, die nicht zuletzt auch daraus erwachse, dass unterschiedlichste Künstler und Produktionsgemeinschaften gleichzeitig arbeiteten. „Wenn man weiß, dass das Orchester zum Beispiel morgens mit Riccardo Muti spielt, mittags mit Pierre Boulez und abends mit mir, dann hält man sich total ran.“ Ein bisschen komisch fühlt sich dieser erste Sommer ohne Bayreuth, wo bei den Wagners alles viel familiärer und vertrauter zugeht, schon an für ihn. Doch Thielemann versüßt ihn sich ganz salzburgerisch mit Ausflügen in die Umgebung, einem Quartier in ländlicher Ruhe und dem allmorgendlichen Sprung in den Attersee – und sei er noch so kalt.

Die Kutscher haben Hochbetrieb

Seine Pläne für das Osterfestival beflügeln ihn: 2013 wird es einen „Parsifal“ geben, 2014 „Arabella“, danach womöglich zwei Opern aus dem italienischen Repertoire, bevor 2017 Wagners „Meistersinger“ in Salzburg einziehen sollen. In den Karfreitagskonzerten soll, so wünscht es sich Thielemann, außer dem „Deutschen Requiem“ von Johannes Brahms und Beethovens „Missa Solemnis“ unbedingt auch Benjamin Brittens „War Requiem“ gespielt werden. Die Akustik des Großen Festspielhauses empfindet er als tückisch. Denn der Saal stelle jeweils völlig andere Anforderungen, je nachdem, ob er gefüllt sei oder nicht. Doch Flexibilität und die harmonische Atmosphäre mit den Wiener Philharmonikern, von denen er nicht aufhören kann zu schwärmen, begeistern ihn. In Zukunft wird er alles haben: Dresden sowieso, Bayreuth im Sommer und Salzburg zu Ostern.

Inzwischen strahlt, nach dem allfälligen Schnürlregen-Intermezzo, nicht nur Thielemann, sondern auch die Sonne verlässlich über Salzburg. Die Kutscher haben Hochbetrieb, Champagner und Veltliner fließen in Strömen, die Touristen schlängeln sich durch die Getreidegasse und in der ganzen Stadt summt und brummt es vor Musik, Theater und Prominenz. Wem es nicht gelingt, einen der zahlreichen durch die Gassen flanierenden Stars in einer der zahlreichen Promi-Lokale leibhaftig anzutreffen, der kann sich auf die lokale Presse verlassen und wird dort manches erfahren über die vielen Bühnen, die der Salzburger Festspielbetrieb jenseits seiner 14 offiziellen Spielstätten auch noch belebt. Denn wo an 35 Tagen knapp 250 Veranstaltungen geboten werden, da lässt sich der beständig aufs Neue entzündete Kunst- und Darstellungsfunke kaum mehr begrenzen.

Tänze auf den Tischen

Er springt unweigerlich über auf all die Galadiners, Empfänge und abendlichen Zirkel rund um den Hauptbetrieb – auf die privatissime gehaltenen Einladungen in den Lustgarten von Schloss Leopoldskron, dem einstigen Besitz des Festspielgründers Max Reinhardt, auf die Vor-Premieren-Champagner-Society im „Goldenen Hirschen“ oder auf die nächtlichen, vom Wirt persönlich angezettelten Tänze auf den Tischen des „Triangel“, das sich als Lieblingslokal Anna Netrebkos besonderer Beliebtheit erfreut. Und natürlich zählt nach wie vor auch die Hofstallgasse zu den Bühnen der Stadt, wo tagtäglich luxuriöse und auch nicht gar so luxuriöse Roben vor- und ausgeführt werden.

Salzburg sei da, wo es hingehöre, freut sich die Festspielpräsidentin Helga Rabl-Stadler: „on the top“. Zu recht, denn schon lange hat man hier keinen so friedlichen, von Skandalen und Intrigen ungetrübten Sommer erlebt, der zugleich wohl – so die Prognose – bei einer Auslastung von mehr als 95 Prozent mit einem rekordverdächtigen Plus abschließen wird.

Starträchtig und künstlerisch anspruchsvoll zugleich

Und doch liegt der wahre Salzburger Superlativ ganz woanders. Er liegt in dem Umstand, dass den Besuchern dieses in jeder Hinsicht höchst privilegierten Festivals die Möglichkeit geboten wird, künstlerische Erfahrungen zu machen, die sie bewegen, die ihnen innere Türen öffnen, die sie zum Nachdenken bringen, vielleicht zum Widerspruch anregen – oder die ihnen auch einfach nur ein paar ästhetisch beglückende Augenblicke bescheren, an die sie sich gern erinnern. Und dafür spielt es nicht die geringste Rolle, ob sich dieses Glück durch die zufällige Begegnung mit einem Star, durch ein schönes Kleid oder ein teures Parfüm noch steigern lässt oder ob es eher die Puristen-Haltung ist, von der man sich erhofft, dass sie womöglich Einstimmung und Konzentration auf die dargebotene Vorstellung befördern wird. Das künstlerische Ereignis – an sich möchte man meinen, diese notwendige Feststellung sei banal – ist der Kern der Festspiele. Alles andere ist ein hübsches Drumherum, das weder zu verdammen noch zu fetischisieren ist und mit dem es jeder halten kann und soll, wie er will.

„Jeden Tag gibt es kleinere Beben, man muss ständig gewahr sein“, sagt Markus Hinterhäuser, der langjährige ehemalige Konzertchef der Festspiele und jetzt Intendant dieser einen Interims-Saison vor dem Antritt Alexander Pereiras im kommenden Jahr. Dennoch arbeite diese Festspiel-Maschine 24 Stunden am Tag beinahe reibungslos. Hinterhäuser hegt und pflegt das Festivalprogramm wie eine üppige Landschaft, die es zu kultivieren gilt. Und er besitzt einen grünen Daumen. Wie keinem anderen gelingt es ihm, ein Programm auf die Beine zu stellen, das starträchtig und künstlerisch anspruchsvoll zugleich ist, das die Kasse füllt und dennoch einzigartige künstlerische Begegnungen ermöglicht.

Ein wahres Beziehungswunder

Schon in den vergangenen Spielzeiten, als Hinterhäuser „nur“ Konzertchef war, konnte man in Salzburg Künstler miteinander konzertieren hören, die zuvor noch nie zusammen aufgetreten waren, deren ästhetisches Passungsverhältnis Hinterhäuser, der als Pianist eben auch selbst ein Künstler ist, jedoch im Gespür hatte. Und vollends in diesem Jahr scheint in dem gigantischen Großangebot des Opern- und Konzertprogramms alles mit allem untergründig zu kommunizieren. Ein wahres Beziehungswunder sind diese Festspiele geworden: von den raffinierten Werkzusammenstellungen der einzelnen Konzertabende bis hin zum Gesamtplan, der es zum Beispiel ermöglicht, am Tag nach der Premiere von Verdis „Macbeth“ jene des Avantgardisten Salvatore Sciarrino zu hören. Gut möglich, dass der eine oder andere eher konservative Besucher dadurch zu einem Vergleich verführt wurde. Es wäre nicht das erste Mal, dass auch beim Stammpublikum die Neugierde über die Gewohnheit siegt.

Zugleich hat Hinterhäuser einen untrüglichen Sensus für die Qualität der einzelnen Aufführungsorte. Luigi Nonos „Prometeo“ lockte nicht weniger als 1800 Zuhörer in die auratische Kollegienkirche. Und obwohl er alles andere ist als ein leutseliger Selbstinszenator wie Jürgen Flimm, schottet sich Hinterhäuser nicht ab, wie es Peter Ruzickas Naturell entsprach, sondern er wirkt, bei aller Zurückhaltung, doch stets präsent und ansprechbar – auch weil er weiß, wie wichtig in diesem Riesenbetrieb die Kommunikation zwischen den beteiligten Ressorts ist. Das richtige Klima zu schaffen, in Proben, Konzerten und Organisation, empfindet er als eine seiner zentralen Aufgaben.

Salzburgische Durchlässigkeit zwischen Leben und Kunst

Er bewundert, wie solidarisch alle am selben Strang ziehen und wie auf diese Weise jeder der rund 3000 Festivalbeschäftigten Beachtung findet – im wahrsten Sinne des Wortes. Seine Lieblingsgeschichte aus diesem Sommer ist die von der langjährigen und zuverlässigen Reinigungsfrau Anita: Während seiner Arbeit an Leoš Janáčeks „Die Sache Makropulos“ war sie dem Regisseur Christoph Marthaler aufgefallen, wie sie so beflissen ihrem Dienst nachging im Probenraum des Messezentrums. Da hat er sie irgendwann auf die Bühne gebeten. Und nun spielt sie mit in seiner Inszenierung. Als Reinigungsfrau. Mit einer Souveränität und einer Selbstverständlichkeit, wie sie kein Schauspieler und kein Statist an den Tag legen könnten. Auch das mag man als Beispiel nehmen für die typisch salzburgerische Durchlässigkeit zwischen Leben und Kunst.

Hinterhäuser, dessen Bewerbung für die Intendanz in der Nachfolge Jürgen Flimms man in Salzburg auf unangenehme Weise vom Tisch gefegt hat, hält es für fatal, die Position unter der Hand zu verwandeln in einen Managerposten für Großevents. Er sagt das ohne Zorn, nur mit einer Spur Melancholie. Tatsächlich scheint es fraglich, ob diese Rechnung aufgehen kann. Denn um ein Programm wie das der Salzburger Festspiele nicht ins Beliebige kippen zu lassen, braucht man mehr als nur ein dickes Adressbuch und ein organisatorisches Talent. Man braucht einen künstlerischen Sensus, Phantasie und eine visionäre Vorstellungskraft, um sich ausmalen zu können, ob das, was auf dem Papier steht, auch auf der Bühne funktionieren wird.

Hoftstallgassen-Glamour

Anderenfalls droht die Gefahr, die Substanz der Veranstaltung von innen her auszuhöhlen. Und dann bleibt, womöglich, auch irgendwann jener Hofstallgassen-Glamour weg, der zunehmend stärker die öffentliche Wahrnehmung der Festspiele „on the top“ dominiert – als sei er ihr wichtigstes Attribut. „Vulgarisierung“ nennt Hinterhäuser diese Tendenz. Und er ist sich sicher, dass das Publikum, das ein sehr feines Gespür für die Qualität und die Stimmigkeit einer Veranstaltung habe, das auf Dauer nicht mitmachen würde.

Die Festivals zu Ostern und zu Pfingsten sind mit Thielemann und Cecilia Bartoli als künstlerischen Leitern künftig vielversprechend vorbereitet. Was vom kommenden Jahr an im Sommer passieren wird, bleibt bange abzuwarten.

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