Nicht jeder bedeutende Interpret wird durch seine Kunst zum fähigen Lehrer. Ähnlich wie Komponisten selten die besten Anwälte ihrer eigenen Werke sind, gehen nachschöpferische Einfühlung und pädagogischer Eros keineswegs zwangsläufig Hand in Hand. Umso erfreulicher, wenn man einem Künstler eine ausgesprochene Begabung für die Lehre bescheinigen kann. Im Rahmen des „Young Singers Project“ der Salzburger Festspiele gab jetzt der Bariton Thomas Hampson einen beeindruckenden Meisterkurs für den handverlesenen Sängernachwuchs. Und diese Veranstaltung im Konzertsaal des Mozarteums, intim, überschaubar, wurde unversehens zu einer Oase künstlerischer Selbstbesinnung inmitten des mehr denn je glamourbetonten Festspielbetriebs.
Dass dabei nicht nur die hoffnungsvollen Junginterpreten etwas lernen konnten, machte die Faszination dieser uneitlen und hochkonzentrierten Veranstaltung aus. Hampson, der 2003 mit seiner „Hampsong Foundation“ eine eigene Institution zur Förderung des Liedgesangs und seiner Vermittlung an nachfolgende Künstlergenerationen ins Leben gerufen hat, ließ von Anfang keinen Zweifel daran, dass Singen ein äußerst artifizielles Geschäft ist - und überdies ein hartes Stück Arbeit. Was sich bei den Besten der Besten im Idealfall so selbstverständlich anhört, ist in Wahrheit das Ergebnis eines komplexen Zusammenspiels aus physischer Selbstdisziplin, geistiger Reflexion und solider Technik, bereichert um eine Prise jenes künstlerischen Eigensinns, den man nicht lehren kann, aber doch wohl wachrufen und beflügeln.
„Das Publikum ist völlig wurscht“
Dass er das Bewusstsein für diese diffizile, von jedem Sänger zu leistende „Vorarbeit“ auch beim Publikum schärfte, war nicht der geringste Ertrag von Hampsons Unterricht. Hampson scheut sich dabei nicht, mitunter ganz zu den Anfängen, zum Grundsätzlichen zurückzugehen. Bei fast jedem der vier Männer und zwei Frauen, die er jeweils eine knappe halbe Stunde lang buchstäblich in die Mangel nimmt, korrigiert er wiederholt die Körperhaltung, da sie Wesentliches über die innere Einstellung des Künstlers verrät.
Um die im Wortsinne tragende Funktion der Wirbelsäule geht es ebenso wie um einen solide geerdeten Stand - bei einem der Probanden wird prompt ein munter „umherswingendes Elvis-Bein“ moniert. Die Aktivierung des Nasen-Rachen-Raums und die akustisch optimale Mundstellung sind Thema, immer wieder auch das richtige Anfangen, das Einatmen vor dem ersten Ton: „Der Atem ist nicht bloß die Voraussetzung für alles Singen, sondern ein noch nicht gehörter Gedanke“, formuliert es Hampson einprägsam poetisch. Ist diese erste Hürde genommen, lauern gleich die nächsten Fallen: Bloß nicht dem überbordenden Ausdrucksbedürfnis nachgeben, nur nicht jeden Ton mit Gesten untermalen!
In ungeahnten Höhen
Nichts bringt Hampson schneller in Rage als affektierte Handbewegungen und unkontrollierte Hampeleien. Wer die Zuhörer ansingt wie ein Conférencier, der wird - zur allgemeinen Erheiterung - harsch ernüchtert: „Das Publikum ist völlig wurscht.“ Was die meisten, deutlich erkennbar, zunächst als Einengung empfinden, führt indes zu frappierenden Fortschritten, ja, zu wahren Sprüngen in der künstlerischen Gestaltung.
Namentlich die mit einem silbrig-feinen Koloratursopran begabte Ungarin Maria Celeng erzielt beim zweiten der anspruchsvollen Brentano-Lieder op.68 von Richard Strauss unter Hampsons Anleitung einen Durchbruch in ungeahnte Sphären. Zappelt sie anfangs noch nervös herum wie die Aufziehpuppe Olimpia aus „Hoffmanns Erzählungen“, so lenkt Hampson die überschießenden Energien sanft, aber nachdrücklich um in eine stärkere klangliche Kontrolle der teilweise extrem exponierten Höhen. Das Ergebnis erinnert schließlich mehr als nur entfernt an den Koloraturenglanz der jungen Gruberova. Was für ein Sieg über das eigene Ich zugunsten der Musik!
Unarten des Meistersängers
Auch den jungen Schweizer Mauro Peter nimmt Hampson gewissermaßen vor sich selbst in Schutz: Technisch bereits ausgereift, fällt diesem lyrischen Tenor alles leicht. Mit seinem sonnigen Gemüt und dem hellen Buffo-Timbre wäre er eine Bereicherung für jedes Stadttheaterensemble. Doch Hampson erkennt sogleich die Gefahr, die der Stimme durch vorschnellen Verschleiß droht - intensiv arbeitet er den Unterschied zwischen Singen und Sprechen heraus, dunkelt die viel zu offenen Vokale ab und bringt die Obertonresonanzen zum Klingen. Am Ende fühlt sich der Sänger offenkundig wie einmal kalt abgeduscht. Aber auch er hat bei Gustav Mahlers „Wunderhorn“-Lied „Ich ging mit Lust durch einen grünen Wald“ einen phänomenalen Sprung gemacht.
Nach diesen lehrreichen Stunden durfte man anderntags mit umso größerer Erwartung Hampsons eigenem Liederabend im „Haus für Mozart“ entgegenblicken. Doch überraschend hatte der Sänger - für seine Schüler fraglos eine weitere wichtige Erfahrung - mit Widrigkeiten zu kämpfen, gegen die selbst profundeste Gesangstechnik machtlos ist: Das extrem schwüle Salzburger Kesselklima mit schweißtreibenden Temperaturen um dreißig Grad schlug ihm, wie dieser Tage auch einigen anderen seiner prominenten Kollegen in der Opernsparte, derart auf die Stimmbänder, dass er im ersten Teil des Rezitals, bei Robert Schumanns Eichendorff-Liederkreis op.39, wie ein Schatten seiner selbst klang. Besucher des Meisterkurses konnten obendrein amüsiert feststellen, dass der Meistersänger, derart unter Druck, gleich in mehrere der Unarten verfiel, die er seinen Schülern tags zuvor so vehement ausgetrieben hatte. Stichwort: Zappeln, Stichwort: Händeringen. Und wie war das noch, werter Herr Dozent, mit dem Ansingen des Publikums? Alles wurscht.
Erst bei Antonín Dvořáks „Zigeunermelodien“ fand die Stimme zurück in den Fokus. Doch Hampson besaß immerhin die Souveränität, sich für die anfängliche Indisposition zu entschuldigen. Mehr noch: Bei der abschließenden Auswahl von Soldatenliedern aus Mahlers „Wunderhorn“-Sammlung wuchs er, unterstützt von Klavierbegleiter Wolfram Rieger, über sich hinaus - als habe er sich kurzerhand ein Beispiel an seinen begabten Schülern genommen.