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Salzburger Festspiele 2011 : Der wahre Avantgardist heißt Gustav Mahler

  • -Aktualisiert am

Gustav Mahler lebte von 1860 bis 1911 Bild: AFP

In einer Zeit, die vor Lärm und Bilderflut zunehmend das wirkliche Hören verlernt, kommt Markus Hinterhäuser, der Intendant für einen Sommer, zum Erfolg - mit einer eigenwilligen Dramaturgie: Der Konzertreigen bei den Salzburger Festspielen.

          Der alte Intendant ging ein Jahr früher als geplant - der neue kommt erst im nächsten Sommer. Aber da war doch noch Markus Hinterhäuser, der in der Ära Flimm als Konzertchef ein Programm entwickelte, dessen eigenwillige Dramaturgie sich schnell zum Erfolg steigerte. Wichtige Komponisten der Neuen Musik erhielten für ihr Schaffen „Kontinente“, auf denen sie sich umfassend darstellen durften.

          Für Klassik und Romantik wurden „Szenen“ eingerichtet, in denen der jeweilige Komponist mit Zeitgenossen in einen Dialog treten konnte, auch mit Querverbindungen zur Moderne. Das alles besaß eine klare Struktur, war kenntnisreich und intelligent konzipiert. Wobei nicht vergessen werden soll, dass schon Hans Landesmann in der Mortier-Zeit und nach ihm Peter Ruzicka der Musik der Gegenwart den ihr gebührenden Platz zugewiesen haben.

          Hinterhäuser fand also ein bestelltes Haus vor, in das er dann seine eigenen Vorstellungen einbringen konnte. Hinterhäuser hat sich nach Jürgen Flimms Rücktritt um die Nachfolge als künstlerischer Leiter der Festspiele beworben. Leider vergeblich. Dem Festspiel-Kuratorium erschien Zürichs Erfolgsintendant Alexander Pereira als sicherere Bank, nicht zuletzt im Hinblick auf die Sponsoren-Akquisition. Für Hinterhäuser blieb das Interregnum dieses einen Sommers, das er dazu benutzte, seine Vorstellungen von einem festspielwürdigen Programm noch einmal eindringlich zu präsentieren.

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          Tragödie und Triumph des Hörens: Der französische Komponist Pierre Boulez :

          Etwas Nostalgie war auch dabei. 1993 organisierte Hinterhäuser mit seinem in die Festspiele integrierten „Zeit-fluss“-Festival eine Aufführung von Luigi Nonos „Prometeo“, die Kultstatus errang. Verständlich der Wunsch, die Erinnerung noch einmal zu beschwören. Nonos „Tragödie des Hörens“ ist unverändert aktuell in einer Zeit, die vor Lärm und Bilderflut zunehmend das „Hören“ im höheren Sinne verlernt. Das Motto der diesjährigen Festspiele, ein Satz von Nono, zielt genau darauf: „Das Ohr aufwecken, die Augen, das menschliche Denken“.

          Auf eine irritierende Weise historisch

          Gleichwohl wirkt „Prometeo“, ein Vierteljahrhundert nach der Uraufführung in Venedig, bei aller Dringlichkeit des „Appells“ heute auf eine irritierende Weise historisch: hoch manieristisch im Gestus der klanglichen Entfaltung über einer zugleich komplizierten wie reduzierten Textstruktur. Was das in der Kollegienkirche verteilte Ensemble Modern, die Schola Heidelberg, die Gesangssolisten Cynthia Sieden, Silke Evers, Susanne Otto, Noa Frenkel und Hubert Mayer leisteten, verdiente gleichwohl höchste Bewunderung: Nonos Raumklang-Vision wurde magische Wirklichkeit.

          Dass die Aufführung derart überragende Qualität gewann, lag natürlich auch an bewährten Kräften, die schon damals dabei waren: der Dirigent Ingo Metzmacher und André Richard mit dem Experimentalstudio des Südwestrundfunks. Beide waren Garanten für eine perfekte Aufführung, die zweimal gegeben wurde und beide Male ausverkauft war. Die Musik unserer Zeit hat in den letzten Jahren - und hoffentlich endgültig - ihren angemessenen Platz im Festspielbetrieb eingenommen.

          Seit der Mortier-Zeit gehört auch der Komponist und Dirigent Pierre Boulez zum modernen Erscheinungsbild der Salzburger Festspiele. Zwischen den angeblich so konservativen Wiener Philharmonikern und Boulez entwickelte sich fast so etwas wie Liebe. Die Musiker spendieren ihm denn auch großzügig ihren unverwechselbaren Klang. Zum Beispiel, wenn Mahler oder Alban Berg auf dem Programm steht, wie im ersten Konzert der Mahler-Szenen. Bergs „Lulu“- Suite überzeugte durch formale Stringenz ebenso wie die Feinzeichnung und Schattierung des Klanges. Selbst ein Pianissimo behält mit diesem Orchester klangliche Plastizität. Anna Prohaska sang das „Lied der Lulu“ glasklar im Ton und mit schlanker Expressivität.

          Der „Wiener Klang“

          Die Nähe Bergs zu Mahler trat in Boulez' Interpretation besonders hervor. Auf seinen Wunsch war Mahlers frühe Kantate „Das klagende Lied“ ins Programm aufgenommen worden. Die Geschichte, ein poetisches Schauermärchen, berichtet von einem Brudermord, einer Königstochter und einem Spielmann, der sich aus einem Knochen des Ermordeten eine Flöte schnitzt, die beim Spielen in unheimlichen Klängen die Tat offenbart. Die unerhörte Klangphantasie Mahlers tritt hier schon deutlich hervor, auch wenn der Wagner-Einfluss stellenweise nicht zu überhören ist. Boulez verstand es, die Klangsphären nahtlos zu überbrücken, wobei ihm die Solisten Dorothea Röschmann, Anna Larsson und Johan Botha sowie der Wiener Staatsopernchor wertvolle Helfer waren.

          Der „Wiener Klang“ war auch ein Leitmotiv bei der ersten „Mahler-Szene“: bei vier Johann-Strauß-Walzern, die hier in den Bearbeitungen von Schönberg, Berg und Webern zu hören waren. Victor Hugo hat einmal geschildert, wie in einem Pariser Tanzsaal beim Erklingen eines Strauß-Walzers die Tanzenden plötzlich nur noch zuhörten, mit Tränen in den Augen, regungslos und andächtig der Musik lauschend. Vor allem bei Schönbergs Adaption des Kaiser-Walzers wurde diese Melancholie spürbar.

          Von hier ist es kein weiter Schritt zu Mahlers Vierter Symphonie. In der Bearbeitung für Kammerensemble von Erwin Stein vermählte sich die Klangsphäre der Strauß-Bearbeitungen mit Mahlers höherer Ironie auf das Innigste. Und die zwölf Instrumentalisten sowie die Sopranistin Christiane Karg interpretierten das Stück mit einer so herrlichen Klarheit und Ausdrucksmächtigkeit, dass kein Zweifel mehr bestand: Das Werk, in dieser Form heute komponiert, würde auf jedem Avantgarde-Festival für Furore sorgen.

          Quelle: F.A.Z.

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