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„Rosenkavalier“ in Salzburg : Nur die Musik kann derart leuchten

Postkoitale Einsamkeit vor Fototapete: Krassimira Stoyanova als Feldmarschallin im ungekürzten Salzburger „Rosenkavalier“ Bild: Salzburger Festspiele/Monika Rittershaus

Ohne Huren und Nazistiefel, aber auch ohne Schönheitspflaster und in der selten zu hörenden ungekürzten Fassung: Harry Kupfer und Franz Welser-Möst erschaffen in Salzburg einen wunderbaren „Rosenkavalier“.

          Die Uhren wurden auf Anfang gestellt, speziell für diesen Salzburger „Rosenkavalier“: eine neue Stunde null. Zwar ist das geliebte Gründungsväterstück hier insgesamt schon 117 Mal gezeigt worden. Doch nie zuvor war es in der ungekürzten Originalfassung zu erleben, mit all den delikaten Textstellen, die der Zensor bei der Uraufführung 1911 gestrichen hatte. Mit bemerkenswerter Konsequenz, denn auch nachfolgende Generationen haben diese Striche im Wesentlichen beibehalten, sogar Herbert von Karajan dirigierte, als er mit einem prunkvollen „Rosenkavalier“ 1960 das große Festspielhaus in Salzburg eröffnete, die zensierte Fassung. Und die Wiener Philharmoniker, denen die „Rosenkavalier“-Musik doch längst so etwas wie ein Familientafelsilber sein dürfte, das regelmäßig geputzt und immer wieder sonntags aufgelegt wird, haben letztmalig vor sechzig Jahren, nämlich unter Erich Kleiber, einen vollständigen „Rosenkavalier“ gespielt.

          Eleonore Büning

          Jahrgang 1952, Redakteurin im Feuilleton.

          Gewünscht hatte sich die Fassung der Dirigent Franz Welser-Möst, der sich doch eigentlich längst beleidigt aus dem bunten Pereira-Festivalzirkus hatte zurückziehen wollen, dann aber doch wieder eingesprungen war für den erkrankten Zubin Mehta. Welser-Möst hatte außerdem durchgesetzt, dass luxurierenderweise neun Orchesterproben stattfanden. Und er hatte den Graben nach oben fahren lassen, auf die sogenannte „Karajan-Höhe“. Erstens kann man ihm so besser bei der Arbeit zusehen. Zweitens führt das zu einer Präsenz des orchestralen Anteils im Gesamtkunstwerk, streckenweise auch zu einer Dominanz.Doch nur sehr selten werden die Stimmen zugedeckt.

          Die Kunst des Hintergrundwalzerns

          Ja, selten ist ein „Rosenkavalier“-Personal so gut zu verstehen gewesen wie an diesem Premierenabend. Und selten agierte ein „Rosenkavalier“-Orchester so solistisch transparent, so rücksichtsvoll und dezent hintergrundwalzernd, so flink-geschmeidig sich wegblendend beim Liebesgeflüster oder bei der beiseite gesprochenen Intrige. Das Vorspiel dirigiert Welser-Möst mit einer überfallartigen Wucht, Schärfe und Klarheit, dass die berühmten ejakulierenden Hörnertriolen dem verdutzten Festspielpublikum wie Watschen um die Ohren flogen. Herrlich! Und: Passt perfekt! Denn das Öffentliche und das Private gehen auf Anhieb eine Allianz ein in diesem unmöglichen Stück.

          Als der Vorhang aufgeht, sehen wir das frisch zerwühlte Bett der Frau Marschallin im Freien stehen, hoch über den Dächern Wiens. Während sie selbst, ungefähr einen halben Kilometer entfernt, am anderen Ende der Breitwandbühne vor dem Spiegel ihre ersten Fältchen überprüft, umkreist ihr milchbubihafter Liebhaber, der entzückende Graf Oktavian, immer noch unruhig die Stätte seines Triumphs. Allein schon mit dieser eindeutigen Positionierung der Figuren zwischen den signalhaft vereinzelten Requisiten vor kühler, schwarzweißer Fototapete legt Regisseur Harry Kupfer ein Bekenntnis ab. Er wird, in aller Demut, auch im Folgenden nur das inszenieren, was das Opernmuseum und das erfahrene Musikerensemble ihm zu diesem Stück liefern. Die Charaktere liegen fest. Der Fortgang ist bekannt. Das Ende absehbar.

          Kurz vor Weltuntergang

          Ausgerechnet der psychologische Tiefentüftler, der Detaildidaktiker Kupfer liefert, gemeinsam mit seinem Bühnenbildner Hans Schavernoch, in Salzburg einen historistisch abgeklärten, werktreuen „Rosenkavalier“ ab, so leicht und unangestrengt, wie man sich ihn schon immer gewünscht hatte: Ohne Aktualisierungs-Schwitzerei und Weltkriegs-Marschiererei, ohne Nazistiefel, ohne rothaarige Nutten. Aber auch: ohne die obligatorischen Schönheitspflästerchen.

          Kupfers „Rosenkavalier“ spielt in einer abstrakten Heile-Welt. Imposant feiern einander überblendende Fototapeten in Schwarzweiß die Ringstraßenarchitektur ab: Straßen, Fronten, Treppenhäuser, Parks. Vereinzelt tanzen, wie von Zauberhand geschoben, Flügeltüren, Balustraden, Paravents über die Bühne und trennen Schauplätze voneinander. Die Möbel, die mit tanzen, waren mal modern zu Beginn des vorigen Jahrhunderts, wie auch die Kostüme, aus denen schon die Farbe herausgewaschen scheint.

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