Home
http://www.faz.net/-gs4-zh86
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Probenbesuch in Bayreuth Diese Welt will nicht gerettet sein

19.07.2010 ·  Erstmals inszeniert Hans Neuenfels in Bayreuth. Mit „Lohengrin“ eröffnen die Wagnerschwestern ihre erste eigene Saison. Zeit des Aufbruchs? Oder der Regression? Trotz der im Vorjahr ausgerufenen „neuen Offenheit“ gehen die Türen wieder zu.

Von Eleonore Büning
Artikel Bilder (7) Lesermeinungen (1)

Eine erste Gästeliste zum „Lohengrin“ wurde vor vier Tagen im „Nordbayerischen Kurier“ veröffentlicht. Viel muss da nicht mehr nachgebessert werden bis zur Eröffnung der 99. Bayreuther Festspiele am nächsten Sonntag. Alles ist, wie es war. Merkel und Mann werden kommen, Seehofer und Frau, außerdem Westerwelle, Guttenberg, Brüderle, Ramsauer, Schröder, Neumann und der Bamberger Erzbischof, die Vertreter des BDI, der Bertelsmann Music Group und der Deutschen Post, natürlich auch Ehemalige wie Stoiber und Genscher, und, wie immer, lassen sich befreundete Staaten, Frankreich oder die Vereinigten Staaten, durch ihre Botschafter vertreten.

Fast genauso sah es aus im vorigen Sommer, als Wolfgang Wagner noch lebte. Und ganz ähnlich schon vor zwanzig Jahren, als der Alte das Festspielhaus als Festung ausbauen ließ mit Kameras, Schleusen, Gesichtskontrollen. Und im Prinzip war es auch vor siebzig Jahren nicht anders, als Hitler zum letzten Mal die Kriegsfestspiele besuchte.

Warum ausgerechnet Bayreuth so wichtig ist fürs Flaggezeigen der Repräsentanten aus deutscher Politik und Wirtschaft, das wissen diese Gäste selbst am allerwenigsten. Danach befragt, pflegen sie zu sagen, dass sie Wagners Musik lieben. Tun sich aber sonst übers Jahr keine Wagneroper an (die Kanzlerin und Genscher vielleicht ausgenommen), obgleich doch jedes Stadttheater mittlerweile Wagneropern en suite spielt, und zwar oft in besserer Qualität als in Bayreuth. Nike Wagner, vertriebene Kusine, die das Politikum Bayreuth ebenso alarmierend findet wie den „Überwachungsstaat Festspielhaus“, kommt trotzdem gerne, wenigstens zur Generalprobe. Die Festspielleiterinnen, Katharina Wagner und Eva Wagner-Pasquier, haben viel zu viel zu tun, als dass sie ewig dieselben alten Fragen durchkämmen wollten. Zu der versprochenen Aufarbeitung der Bayreuther Nazi-Verstrickungen ist man vorerst noch nicht gekommen. Wo doch noch nicht einmal die amerikanischen Musikwissenschaftler herausgefunden haben, was genau „german music“ ist und wie sie „german identity“ beeinflusst!

„Neue Offenheit“ in Bayreuth? Nicht mehr so wichtig

Die Wagnerschwestern stehen jetzt vor ihren ersten eignen Festspielen mit einer Neuproduktion. Sie haben den Laden vor einem Jahr übernommen, mit harten Auflagen. Der Bau der dringend nötigen zweiten Probebühne wird blockiert von neuen Streitigkeiten in der „Gesellschaft der Freunde von Bayreuth e. V.“, die ja neuerdings nicht nur Mäzen ist, sondern zugleich auch Gesellschafter der Festspiele. Also wird jetzt verhandelt, genagelt, geschuftet. Interviews geben die beiden Damen keine. Gemeinsame schon gar nicht. Punkt. Das Schlagwort von der „neuen Offenheit“ Bayreuths, der „Aufbruch“, mit dem Katharina Wagner vor drei Jahren geworben hatte, als sie noch um die Erbfolge kämpfen musste, ist nicht mehr so wahnsinnig wichtig.

„Bayreuth ist für mich wie Zuckerbrot“, raspelt Hans Neuenfels in sein zweites oder drittes Glas Weißwein hinein. Jedes Wort, das er sagt, ist druckreif, und oft erklärt er durch die Hintertür, was nicht durch die Vordertür passt: „In der Ausschließlichkeit und manischen Besessenheit, die darin besteht, dass sich alles, was hier rumläuft, für ein paar Wochen nur und ausschließlich mit einem einzigen Komponisten beschäftigt, ist Bayreuth eine konzentrierte Kraftnahrungsquelle für uns. Das ist wichtig in einer Zeit, in der wir sonst so wenig haben, an dem wir uns stärken könnten.“

Es ist ein Vergnügen, dem Dirigenten zuzugucken

Neuenfels inszeniert zum ersten Mal in Bayreuth, er inszeniert erstmals „Lohengrin“, und er arbeitet mit lauter Bayreuth-Debütanten. Musikalisch könnte die Besetzung die beste sein, die seit Jahren in Bayreuth zu hören gewesen sein wird. Futur, Konjunktiv. Genaueres wissen wir nach der Premiere.

Andris Nelsons ist Lette, 31, und ein Traum von Dirigent. Gerade hat er, mit Daniel Barenboim am Klavier, in Essen die Chopin-Klavierkonzerte dirigiert. Jetzt latscht er so unmaestrohaft freundlich und bescheiden durchs Gelände, dass man ihn leicht mit einem verirrten Korrepetitor verwechseln könnte. Nelsons ist schnell in der Auffassung, gelenkig in der Auseinandersetzung, biegsam und variabel in den Tempi, lustig, intelligent und, was nicht oft der Fall ist bei Dirigenten: Es ist ein Vergnügen, ihm zuzugucken.

Diese ästhetisch klare, frei fließende Bewegungssprache! Man müsse, meint Neuenfels, für den Andris jetzt mal eine Ausnahme machen und ein Loch in die Wand zum mystischen Orchesterabgrund hineinsägen, damit auch das Publikum in diesem Jahr in den Genuss käme, dem Mann beim Dirigieren zu beobachten.

Daraus könnte man locker zwei Lohengrins schnitzen

Annette Dasch dagegen fühlt sich an diesem Morgen gar nicht richtig bayreuthkompatibel. Draußen in der weiten Welt der Talkshows ein Glamourstar, verwandelt sie sich in Klausur auf dem Hügel in ein scheues, schlecht gelauntes Reh. Das Wort „Reh“ bezieht sich aber mehr auf die inneren Werte. Elsas Held und Retter, Schirm, Engel und Erlöser ist ärgerlicherweise körperlich etwas kleiner als sie. Und hatte Dasch nicht schon vorab in einem Interview gewarnt, sie sei das „Alien“ unter den Wagnersängerinnen? Alle wissen es, sie selbst am besten: Sie muss sich anstrengen und schonen zugleich, um die Elsa-Höhe und die Elsa-Durchschlagskraft im entscheidenden Augenblick zu erreichen. Als Darstellerin aber wirkt die Dasch, auch wenn sie nur markiert und zwischendurch vor sich hinmault, schon ungeheuer anwesend, selbst wenn sie uns den Rücken zudreht.

Aus dem gutaussehenden Frechdachs Jonas Kaufmann könnte man locker zwei Lohengrins schnitzen. Er hat das Selbstbewusstsein für zwei, er hat die Dynamik für zwei, er singt auch sowieso gerade zwei Rollen parallel: die Proben mit Neuenfels heute hier, dann wieder den Cavaradossi morgen Abend in Bondys „Tosca“ in München. Und Kaufmann hat auch zwei verschiedene Stimmen: eine tiefe, baritonal gefärbte, kräftige, unverwechselbar. Und eine trompetenschmetternde hohe mit einem Peng, ebenfalls unverwechselbar. Dazwischen liegen Farbpaletten in verschiedensten Nuancen, die er gescheit einzusetzen weiß. Er ist der Beste, zurzeit. Hat vielleicht nicht die glatteste, aber auf jeden Fall die stärkste und interessanteste Tenorstimme.

Auf einmal war der Buschi weg. Schade eigentlich

Während die Dasch sich schnell wieder unsichtbar macht, eilt Kaufmann durch die Mittagspause, von einem Kurzinterview zum nächsten, um Auskunft zu geben über alles, was die Leute da draußen eventuell wissen wollen über so einen tollen Hecht. Vielleicht weiß er gar nicht, dass es streng verboten ist, hungrige Presse in die Kantine mitzuschleppen. Wahrscheinlich ist es ihm egal.

Das Wachpersonal an der Schleuse benimmt sich fast wie in alten Zeiten. Als ein erstes Signal dafür, dass die „neue Offenheit“ wieder alter Geschlossenheit weicht, ist eine Personalie aus der BF-Medien-Gesellschaft zu vermelden. Vor vier Wochen ging Katharinas engster Mitarbeiter Alexander „Buschi“ Busche von Bord, eine unfassbar kommunikative, effektive Betriebsnudel, die sogar die korrekten Emmerichs vom Pressebüro um den Finger wickeln konnte. Vor vier Wochen wurde zufällig auch die IM-Tätigkeit Peter Emmerichs verhandelt, was, wie die Chefin Katharina im Radio erklärte, „seine Privatsache“ sei.

Herr und Frau Emmerich waren schon immer da. Sie sind immer noch da. Ihre Aufgabe war es früher, nein zu sagen, die Pressekarten hilfreich zu verteilen und das Archiv zu führen. Sie sind zuverlässige Stützen des Hauses, quasi mit eingebaut, wie die Fachwerkbalken. Schade, sagen sie, dass der Buschi weg ist. Wie heißt noch mal schnell sein Nachfolger? Irgendwer muss ja den Podcast auf der Website der BF-Medien betreut haben, auch sind vier Fotos von den „Lohengrin“-Proben zur Veröffentlichung freigegeben, darunter das von Neuenfels auf der kleinen Probebühne, mit dem König Heinrich (Georg Zeppenfeld) in seinem orangeroten König-Heinrich-Stuhl. Als der Stuhl später wieder weggefahren wird, quer über den Hof, ist das schon wieder top secret.

Und ja kein Wort über den Schwan

Alles unterliegt hier absurd strenger Geheimhaltung, als würden Neuenfels und Nelsons gerade die ultimative „Lohengrin“-Formel erfinden, mit der man zum Beispiel das Bohrloch im Atlantik dauerhaft stopfen oder sonst wie etwas Weltrettendes anstellen könnte. Vielleicht ist da was dran. Schließlich sei es ja explizit der Auftrag Lohengrins, sagt Neuenfels, dass er die Welt retten müsse: „ eine Riesenanstrengung“. Und deswegen stellt Lohengrin auch diese unmögliche Forderung, die gar nicht einzuhaltende Geheimhaltungs- und Vertrauensforderung an Elsa: Nie soll sie ihn befragen. Das kann nicht gut gehen. „Wagner sagte einmal, dies sei seine allertraurigste Oper. Weil die Welt nicht zu retten ist, wie wir wissen, nicht wahr. Auch Lohengrin geht bei mir am Ende zugrunde.“ Fährt er nicht mit dem Schwan einfach nach Hause, in die Gralsburg, zu seinen Kumpels? „Bei mir nicht. Ich glaube, Lohengrin verirrt sich.“

Und was ist mit dem Schwan? Jeder Mitwirkende, jeder, der ausnahmsweise mal mitlaufen und reingucken darf, wird dazu verpflichtet, keine Silbe zu verraten. Das führt zu grotesken Situationen. Einerseits ist es wirklich langweilig, nur über launische Diven und den Saftgulasch in der Kantine zu schreiben oder die Zigaretten und Weingläser des Regisseurs durchzuzählen. Wen interessiert's? Andererseits sprießen von ganz allein die herrlichsten Gerüchte.

Doch ein Wort über den Schwan

„Eines ist sicher: Es wird kein Schwan auf der Bühne sein!“ Das sagte vor ein paar Wochen der Dirigent Nelsons im Brustton der Überzeugung zu der Zeitschrift „Crescendo“. Dann hieß es plötzlich, Neuenfels bringe Ratten statt der Schwäne ins Spiel, pfui Spinne. Er selbst sagt: „Ohne Schwan geht gar nichts bei mir. Man wird viele Variationen von Schwänen sehen. Der Schwan geht durch!“

Was ist nicht schon alles geschehen auf der Opernbühne, um genau das zu vermeiden! Wenn die Edlen von Brabant ihren herzklirrenden Wonnegesang: „Ein Wunder! Ein Wunder!“ anstimmen, tauchte der Schwan auf als ein purer Lichtstrahl oder aber als ein gefalteter Papierflieger oder als aufblasbares Quietscheentchen. Wer diese Mythenmärchenoper (in der man sich mit keiner einzigen Person identifizieren kann, weil alle einfach alles falsch machen) tatsächlich ernst nimmt, der kann nicht ohne Schwäne.

Einen Schwan habe ich letzte Woche in Bayreuth gesehen. Das kann ich bekennen, weil ich kein Schweigegelübde abgelegt habe. Dieser Schwan schwamm durch die Luft in einem schwarzen Sarg. Vielleicht verwandelt er sich bis zum 25. Juli noch in eine Ratte.

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel

Jahrgang 1952, Redakteurin im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin

Jüngste Beiträge

Wieder federführend

Von Sandra Kegel

Immer mehr Menschen schwärmen für das Schreiben mit spitzer Feder, Füllhalter-Produzenten und Versandhändler verzeichnen eine Verdopplung der Nachfrage. Was ist zu halten von der neuen Liebe zur Tinte? Mehr 3