http://www.faz.net/-gs3-zh86
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Veröffentlicht: 19.07.2010, 14:53 Uhr

Probenbesuch in Bayreuth Diese Welt will nicht gerettet sein

Erstmals inszeniert Hans Neuenfels in Bayreuth. Mit „Lohengrin“ eröffnen die Wagnerschwestern ihre erste eigene Saison. Zeit des Aufbruchs? Oder der Regression? Trotz der im Vorjahr ausgerufenen „neuen Offenheit“ gehen die Türen wieder zu.

von
© dpa Hans Neuenfels bei der Probenarbeit in Bayreuth

Eine erste Gästeliste zum „Lohengrin“ wurde vor vier Tagen im „Nordbayerischen Kurier“ veröffentlicht. Viel muss da nicht mehr nachgebessert werden bis zur Eröffnung der 99. Bayreuther Festspiele am nächsten Sonntag. Alles ist, wie es war. Merkel und Mann werden kommen, Seehofer und Frau, außerdem Westerwelle, Guttenberg, Brüderle, Ramsauer, Schröder, Neumann und der Bamberger Erzbischof, die Vertreter des BDI, der Bertelsmann Music Group und der Deutschen Post, natürlich auch Ehemalige wie Stoiber und Genscher, und, wie immer, lassen sich befreundete Staaten, Frankreich oder die Vereinigten Staaten, durch ihre Botschafter vertreten.

Eleonore Büning Folgen:

Fast genauso sah es aus im vorigen Sommer, als Wolfgang Wagner noch lebte. Und ganz ähnlich schon vor zwanzig Jahren, als der Alte das Festspielhaus als Festung ausbauen ließ mit Kameras, Schleusen, Gesichtskontrollen. Und im Prinzip war es auch vor siebzig Jahren nicht anders, als Hitler zum letzten Mal die Kriegsfestspiele besuchte.

Mehr zum Thema

Warum ausgerechnet Bayreuth so wichtig ist fürs Flaggezeigen der Repräsentanten aus deutscher Politik und Wirtschaft, das wissen diese Gäste selbst am allerwenigsten. Danach befragt, pflegen sie zu sagen, dass sie Wagners Musik lieben. Tun sich aber sonst übers Jahr keine Wagneroper an (die Kanzlerin und Genscher vielleicht ausgenommen), obgleich doch jedes Stadttheater mittlerweile Wagneropern en suite spielt, und zwar oft in besserer Qualität als in Bayreuth. Nike Wagner, vertriebene Kusine, die das Politikum Bayreuth ebenso alarmierend findet wie den „Überwachungsstaat Festspielhaus“, kommt trotzdem gerne, wenigstens zur Generalprobe. Die Festspielleiterinnen, Katharina Wagner und Eva Wagner-Pasquier, haben viel zu viel zu tun, als dass sie ewig dieselben alten Fragen durchkämmen wollten. Zu der versprochenen Aufarbeitung der Bayreuther Nazi-Verstrickungen ist man vorerst noch nicht gekommen. Wo doch noch nicht einmal die amerikanischen Musikwissenschaftler herausgefunden haben, was genau „german music“ ist und wie sie „german identity“ beeinflusst!

Wagner-Töchter © dpa Vergrößern Vor ihren ersten eignen Festspielen mit einer Neuproduktion: Katharina Wagner (l.) und Eva-Wagner-Pasquier

„Neue Offenheit“ in Bayreuth? Nicht mehr so wichtig

Die Wagnerschwestern stehen jetzt vor ihren ersten eignen Festspielen mit einer Neuproduktion. Sie haben den Laden vor einem Jahr übernommen, mit harten Auflagen. Der Bau der dringend nötigen zweiten Probebühne wird blockiert von neuen Streitigkeiten in der „Gesellschaft der Freunde von Bayreuth e. V.“, die ja neuerdings nicht nur Mäzen ist, sondern zugleich auch Gesellschafter der Festspiele. Also wird jetzt verhandelt, genagelt, geschuftet. Interviews geben die beiden Damen keine. Gemeinsame schon gar nicht. Punkt. Das Schlagwort von der „neuen Offenheit“ Bayreuths, der „Aufbruch“, mit dem Katharina Wagner vor drei Jahren geworben hatte, als sie noch um die Erbfolge kämpfen musste, ist nicht mehr so wahnsinnig wichtig.

„Bayreuth ist für mich wie Zuckerbrot“, raspelt Hans Neuenfels in sein zweites oder drittes Glas Weißwein hinein. Jedes Wort, das er sagt, ist druckreif, und oft erklärt er durch die Hintertür, was nicht durch die Vordertür passt: „In der Ausschließlichkeit und manischen Besessenheit, die darin besteht, dass sich alles, was hier rumläuft, für ein paar Wochen nur und ausschließlich mit einem einzigen Komponisten beschäftigt, ist Bayreuth eine konzentrierte Kraftnahrungsquelle für uns. Das ist wichtig in einer Zeit, in der wir sonst so wenig haben, an dem wir uns stärken könnten.“

Es ist ein Vergnügen, dem Dirigenten zuzugucken

1 | 2 | 3 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Zubin Mehta wird 80 Von einem, der auszog, das Führen zu lernen

Schon als Kleinkind wünschte er sich, die vier Symphonien von Brahms zu dirigieren. Es ist ihm aber noch viel mehr geglückt. Zum achtzigsten Geburtstag des Dirigenten Zubin Mehta. Mehr Von Eleonore Büning

29.04.2016, 12:58 Uhr | Feuilleton
500 Jahre Reinheitsgebot Bierparadies Oberfranken

Es ist das Paradies für Biertrinker: Oberfranken. Eine Region zwischen Bayreuth und Bamberg. Mehr als 200 Brauereien kommen hier auf rund eine Million Einwohner – bezogen auf die Bevölkerung ist das die höchste Brauereidichte der Welt. Gebraut wird meist ganz traditionell. Mehr

15.04.2016, 15:44 Uhr | Wirtschaft
Tod einer Musiklegende Wenn Tauben lila Tränen weinen

Er hat die Black Music in eine andere Umlaufbahn gespielt – und dabei alles selbst gemacht. Zum Tod des amerikanischen Pop-Genies Prince. Mehr Von Edo Reents

22.04.2016, 17:47 Uhr | Feuilleton
Wer macht die beste Pizza? Dr. Oetker, Wagner und Co. im Check

Günstig, schnell und lecker: Die Tiefkühlpizza landet besonders bei Studenten gerne auf dem Tisch . Doch kann es die Pizza aus der Tiefkühltruhe mit dem italienischen Vorbild aufnehmen? Der Pizzatest des Bayerischen Rundfunk war auch in der Sendung mehr/wert am Donnerstagabend um 19 Uhr im BR zu sehen. Mehr

18.04.2016, 15:09 Uhr | Wirtschaft
Neue Studie Mogelpackung Ganztagsschule?

Eine neue Analyse versucht erstmals, die Lernbedingungen von Ganztagsschülern bundesweit zu vergleichen. Ergebnis: Wo Ganztag draufsteht, ist nicht immer Ganztag drin. Mehr

28.04.2016, 08:01 Uhr | Beruf-Chance
Glosse

Haben Sie auch schon einen Anteilsschein?

Von Michael Hanfeld

Nach der Geburt seiner Tochter schien es, als gebe Mark Zuckerberg seine Facebook-Anteile ab. Doch jetzt wird klar, dass er es nicht so meint. Dieser Konzernchef hat besondere Vorstellungen von Selbstlosigkeit. Mehr 12 56

Abonnieren Sie den Newsletter „Literatur“