http://www.faz.net/-gs3-8639v

Die Villa Richard Wagners : Einzug der Götter nach Wahnhall

  • -Aktualisiert am

Von Königs Gnaden: Büste Ludwigs II. vor der Bayreuther Villa Wahnfried Bild: dpa

Die Villa Wahnfried in Bayreuth ist als Museum wiedereröffnet worden. Ursprünglich Rückzugsort Richard Wagners, ist sie heute Wallfahrtsort seiner Verehrer - und war einst Villa Kunterbunt seiner Nachfahren.

          Die „Gesänge“ des expressionistischen Dichters Gottfried Benn gehörten nicht zum lyrischen Hausschatz in Wahnfried. Dennoch seien einige Zeilen daraus zitiert. Sie gingen mir früh im Leben durch den Kopf und haben mich nie verlassen: „O daß wir unsere Ururahnen wären. / Ein Klümpchen Schleim in einem warmen Moor. / Leben und Tod, Befruchten und Gebären / glitte aus unseren stummen Säften vor.“

          Die Sehnsucht zurück - vor alle Reflexion und Zeit, in ein Paradies von Wärme, Natur und Selbstreproduktion - diese totale Regression in ein Utopia ohne Schmerz ist selbstverständlich dichterisches Wunschbild. Nicht anders als der Wahn, die Wahnvorstellung, dass man in einem Haus - und sei dies eine Villa - „Frieden“ finden könne oder gar ein vorzivilisatorisches Behagen in tiefstem Es-Dur, Frieden vor Krankheiten und Gläubigern und auch den devoten Haltungen vor dem Großsponsor, vor Schuld und Schulden, vor den eigenen Obsessionen und dem Unverständnis der Welt, dem ewigen Herumjagen in den Ländern und Wohnungen Europas, immer auf der Suche nach bedingungsloser Liebe und den Aufführungsmöglichkeiten für das laufend entstehende Werk, für den viertägigen Riesen-Zyklus. Nun aber, 1874, war er, Richard Wagner, da, angekommen in der eigenen schützenden Villa, Bedingung der Möglichkeit für den Frieden innen und außen, aufgehoben im warmen Schoß einer eigenen Familie. Leben und Tod, Befruchten und Gebären, Werk um Werk entstünde nun in diesen schützenden Mauern, dem Bayernkönig sei Dank. Mit Strohhut auf dem Kopf, in einer Haltung des patriarchalischen „Enfin!“ präsentierte sich Richard Wagner mit Gattin und seiner ganzen Patchworkfamilie auf der Eingangstreppe zu Wahnfried. Noch waren, in der Tat, seine „Säfte“ nicht stumm, die „Götterdämmerung“ glitt aus seiner Feder noch hervor, der „Parsifal“, und manches Schriftwerk. Das Grab im Garten war fertig noch vor dem Einzug dieser Götter in ihr Wahnhall.

          Das Wohl der Festspiele abhängig vom Herd

          Und nach ihm standen abermals Väter und Mütter und Großmütter, Kinder und Kindeskinder, Cousins und Kusinen auf diesen Stufen. Sie stiegen und sie fielen gemäß den Gezeiten der Generationen und je nach Glück oder Unglück. Wie wir aus der Bibel wissen, sind Generationen nicht nur den historischen Wechselfällen unterworfen, sondern auch ihren eigenen biopsychologischen Aufbau- und Zersetzungsprozessen.

          Neue App Der TAG jetzt auch auf Android
          Neue App Der TAG jetzt auch auf Android

          Das neue Angebot für den klugen Überblick: Die wichtigsten Nachrichten und Kommentare der letzten 24 Stunden – aus der Redaktion der F.A.Z. – bereits über 100.000 mal heruntergeladen.

          Mehr erfahren

          Die Villa war Gründersitz und Mitte des geselligen, geistigen und vor allem musikalischen Lebens der Familie Wagner für lange - wenn man großzügig sein will, bis 1976, bis zur Überführung in eine Stiftung und ins Eigentum der Stadt. Wahnfried war Sinnbild des Erreichten und Etablierten dieser Künstlerfamilie, Wahnfried war aber auch Arbeits- und Kommandozentrale der Wagner-Festspiele. Das geographische „Unten“ des Wohnhauses stand immer in glühendem Bezug zum „Oben“ des Festspielhauses. „Unten“ war das Kraftzentrum für „oben“, Wohl und Wehe der Festspiele waren vom „Frieden“ am Herd abhängig. Kein Zufall, dass der jeweils regierende Familienzweig die nicht Genehmen und nicht Bequemen deshalb auch ausmusterte.

          Weitere Themen

          Mafiaboss Riina beigesetzt Video-Seite öffnen

          Italien : Mafiaboss Riina beigesetzt

          Der italienische Mafiaboss Riina, bekannt auch als „die Bestie“, war am 17. November im Alter von 87 Jahren in einem Gefängnis in Parma gestorben. Sein Sarg hatte mit einer Fähre Sizilien vom italienischen Festland aus erreicht.

          Topmeldungen

          Wirklich so schlimm? Nein! Der Psychiater Christian Dogs sagt, die Deutschen sind nicht so krank, wie seine Zunft es ihnen einreden möchte.

          Psychiater Christian Dogs : „Rennt nicht sofort zum Therapeuten!“

          Wie krank sind die Deutschen? Auf jeden Fall weniger krank, als Therapeuten es ihnen einreden wollen. Ein Gespräch mit dem Psychiater Christian Dogs über das Geschäft mit der eingebildeten Depression, die tristen Ehen von Managern und die lahme Generation Y.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.