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Nestroy bei den Salzburger Festspielen : Einen Jux will er sich schmieren

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Feen, Zauberer und Geister sind im Spiel: Katharina Knap, Mavie Hoerbiger, Maria Happel und Michael Maertens Bild: dpa

Der Wiener Burgtheaterdirektor inszeniert bei den Salzburger Festspielen Johann Nepomuk Nestroys „Lumpazivagabundus“ und macht aus dem Weltkomödiengenie einen Comedy-Volltrottel.

          Wenn die Welt auf dem Spiel „und auf kaan Fall mehr lang“ steht (Untergänge, abstürzende Kometen liegen in der Luft), dann werden im Himmel die perversesten Wetten aufs Glück abgeschlossen: Gelingt es Fortuna, der Göttin, die das Glück verkörpert, auf der Erde drunten von drei armen, abgebrannten, verkommenen, versoffenen, verhurten Handwerksburschen wenigstens zwei mittels eines immensen Lottogewinns zu ehrbaren, braven Leuten zu machen (bevor die Welt vollends zugrunde geht), hat die Liebe im Himmel, der hier „Feenreich“ heißt, keine Chance.

          Der Zauberersohn Hilaris darf die Fortuna-Tochter Brillantine nicht heiraten. Bleiben aber wenigstens zwei der drei armen, abgebrannten, verkommenen, versoffenen, verhurten und zu jeder Gewalttat bereiten Gesellen, allesamt im Banne des bösen Geistes Lumpazivagabundus, trotz oder gerade wegen des Lottogewinns beim Huren, Saufen, Toben und Verarmen, ist das Glück im Himmel vollkommen: Hilaris kriegt Brillantine. Fortuna hätte ihre Wette verloren, Amorosa, die Göttin, in der sich die Liebe verkörpert, gewonnen.

          Nestroy schuf das Muster einer pessimistischen Komödie

          So kommt es denn auch. Von dem umherstreunenden „liederlichen Kleeblatt“, bestehend aus dem Tischlergesellen Leim, dem Schustergesellen Knieriem und dem Schneidergesellen Zwirn, wird nur Leim ein ordentlicher Spießer, heiratet seine Peppi und mit ihr eine Schreinerei. Zwirn und Knieriem aber bleiben Spießgesellen des höllengeisterhaften Lumpazivagabundus, der stets das Böse will und manchmal das Gute schafft. Aber nur im Himmel. Ein Mephisto der metaphysischen Extraklasse.

          Johann Nepomuk Nestroy, der Alpen-Shakespeare, der in allen seinen 66 Stücken, die er mitten im umstürzlerischen neunzehnten Jahrhundert schrieb, die Welt von Wien und vom Wiener Theater aus gerade dadurch zum Taumeln und Tanzen an Abgrundkanten brachte, dass er ihr abgrundkomisch einredete, sie sei schon in Ordnung, schuf in seinem Drama „Der böse Geist Lumpazivagabundus oder Das liederliche Kleeblatt“ 1837 das Muster einer pessimistischen Komödie.

          Dass hier noch Feen, Zauberer und Geister im Spiel sind, höhere Mächte, die das Elend niederer Sphären mitsamt deren Lump-bleibt-Lump-Gewissheiten zu ihrem Glück ausbeuten, gibt dem Pessimismus nachgerade grandios zynischen Glanz. Und dem Elend Tragik. Auch wenn man über es lacht. Weswegen die Geister, Zauberer und Feen kein Witz sind, sondern eine Wirkung. Kein Jux, sondern eine Judikatur: Es wird Unrecht gesprochen über eine unrechte Welt - die „auf kaan Fall mehr lang steht“.

          Man sieht allenfalls, dass da allerlei wirr und schrill baumelt

          Auf der Bühne der Perner-Insel in Hallein, einer Nebenspielstätte der Salzburger Festspiele, wo gerade der Wiener Burgtheaterdirektor das Ur-Wiener Welttheaterstück „Lumpazivagabundus“ inszeniert, sieht man dagegen überhaupt keine Welt. Man sieht auch nichts stehen, also auch nichts, was auf dem Spiel, gar einem Untergangsspiel stehen könnte. Man sieht allenfalls, dass da allerlei wirr und schrill baumelt. An Einfällen des Regisseurs. Zum Beispiel Angela Merkel, deutsche Bundeskanzlerin, die 1837 ja noch nicht einmal ihr FDJ-Freischwimmerabzeichen hat machen können.

          Hier aber steht sie in Gestalt der Schauspielerin Maria Happel in langem blauem, bayreuthreifem Reifrockkleid (dekolletiert) samt Udo-Walz-Föhn-Frisur unter einem völlig weltlosen, so raumhoch wie irgendwie hilflos gezimmerten Holzgerüst, durch das blau angestrichene Wölkchen von rokokoperückentoupierten Engeln in blickdichten Ganzkörper-Strumpfhosen und Euro-Zeichen auf den Brüsten hereingeschoben werden. Wozu Frau Merkel, die hier seltsamerweise „Fortuna“ heißt, ihr berühmtes Verlegenheitsfingerzeichen, also die Raute vorm Bauch, macht.

          Bunt, teurer Freund, ist alle Perfidie: Max Meyer als Lumpazivagabundus und Michael Maertens als Zwirn
          Bunt, teurer Freund, ist alle Perfidie: Max Meyer als Lumpazivagabundus und Michael Maertens als Zwirn : Bild: Charlotte Oswald

          Später wird sie als Haushälterin Gertraud im Hause des Tischlermeisters Hobelmann in Schwarzwälder Bollenhut in grauenvollem Badisch sich als schwäbische (man leidet als Schwabe Höllenqualen!) Hausfrau auszugeben versuchen. Währenddessen nimmt der österreichische Bundeskanzler Faymann, der 1837 auch noch nicht von allen Wahlplakaten hat lächeln können, hier aber seltsamerweise als „Stellaris, Feenkönig“ firmiert, inmitten einer Europa-Sternengloriole in Gestalt des Schauspielers Peter Wolfsberger Fortunas Wette entgegen.

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