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„Jedermann“ in Salzburg : Es ist halt schon recht ärgerlich zu sterben

  • -Aktualisiert am

Die Buhlschaft (Stefanie Reinsperger) karessiert Jedermann (Tobias Moretti) Bild: dpa

Auf diese Seele kann der Teufel gut verzichten: Die Salzburger Festspiele eröffnen mit einem einem durch Videosequenzen neu in Szene gesetzten „Jedermann“.

          Pünktlich zum Premierenbeginn brach das Gewitter los. Den ganzen Tag über war der Himmel strahlend blau gewesen, aber jetzt, wo alles, was Rangkarten und Namensstolz besaß, sich in Richtung Domplatz aufmachte, begann der Regen. Bis zuletzt war die Festspielleitung (samt neuer Schauspielchefin) wild entschlossen geblieben, die Eröffnung unter freiem Himmel stattfinden zu lassen. Aber als eine halbe Stunde vor Vorstellungsbeginn die Blitze immer stärker zuckten, musste sie doch klein beigeben und die Aufführung ins Festspielhaus verlegen. Also schlidderte das durchnässte Publikum mit Stöckelschuhen und Trachtenjacken über den glitschigen Marmorboden des Foyers zu seinen Champagnergläsern, während draußen die Fotografen trotzig gegen ihre himmlische Konkurrenz anblitzten.

          So schnell fällt ein „Jedermann“ in Salzburg nicht ins Wasser. Dafür hat Hofmannsthals Stück über die Jahre zu viel Widerstandsgeist entwickelt, zu viel Kraft gesammelt, um sich von einem Regenschauer einschüchtern zu lassen. Mit allen Vorwürfen, die man ihm gemacht hat, mit allen Beschimpfungen als Kitsch und ästhetischer Populismus, als „aberwitziger Dreck und blasphemischer Hohn“ (Karl Kraus), ist dieser „Jedermann“ seit seiner Uraufführung 1920 immer nur stärker geworden. Lediglich während der Nazizeit war es für eine Weile abgesetzt, ansonsten hat das „Spiel vom Sterben des reichen Mannes“ alle Todsagungen überdauert. Ist inzwischen in eine Sphäre jenseits von Gut und Böse eingetreten. Ein bisschen so wie der „Hamlet“-Monolog. Oder „Dinner for One“.

          Das Stück hat seine Rezeption längst überwunden: Es nützt gar nichts mehr, sich über die schwache Dramaturgie, die schwülstige Didaktik des katholischen Mysterienspiels zu ereifern, nach Bearbeitung, Modernisierung zu rufen – der „Jedermann“ steht wie ein Fels in der Brandung. Geschrieben unter dem Eindruck von Georg Simmels 1900 erschienenem Traktat über die „Philosophie des Geldes“, wirkt Hofmannsthals Drama um einen wohlhabenden Geschäftsmann, der im irdischen Leben Erfüllung sucht, vom Tod überrascht wird und nur, weil er bereut und zum Glauben findet, seine Seele vor dem Teufel retten kann, zwar nach außen hin antikapitalistisch, ist aber in seinem ideellen Kern durch und durch spirituell. Kein Klassenkampf, sondern nur die religiöse Erbauung kann den Menschen retten, lautet die „konservativ revolutionäre“ Botschaft des Stücks.

          Rückwärtsgewandte Ordnungsutopie mit Aufbruchselementen

          Hugo von Hofmannsthal und Max Reinhardt wollten damit das Programm ihrer neu gegründeten Festspiele deutlich machen: Im Gegensatz zur sozialdemokratisch-modernen Großstadtkultur und zum puritanisch-naturalistischen Theater beriefen sie sich auf die barocke Idee des Theaters als Fest und betteten ihre rückwärtsgewandte Ordnungsutopie ein in die Forderung nach Aufbruch in Form und Wirkung. „Salzburg schließt das innerlich Gewöhnliche, das völlig Weihelose aus“, so lautete die Programmatik, als deren Konsequenz eben auch die Guckkastenbühne durch das Spiel unter freiem Himmel ersetzt wurde. Damit keine Rampe den Zuschauer emotional vom Geschehen trennt, er sich als Teilnehmer eines Festes, also Mitspieler fühlt.

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