26.07.2010 · Opernzirkus als Weltpolitik: Ministervater und Gründungsintendant Enoch zu Guttenberg verlegt die „Zauberflöte“ bei den Festspielen in Herrenchiemsee an den bayerischen Hof und setzt Mozart damit gekonnt die Krone auf.
Von Christian WildhagenSogar der Himmel spielte mit und schickte einen gezielten Blitz. Der legte, recht unromantisch, aber höchst effektiv, die Stromversorgung im Chiemgau lahm - das Motto der diesjährigen Herrenchiemsee-Festspiele, „Sonnenkönige und Schattenreiche“, bekam da ganz neue Dimensionen. Doch es ist der Reiz von solchen Sommerfestivals an ungewöhnlichen Orten, dass nicht immer alles so glatt und steril vonstattengeht wie unter Konzertsaal-Bedingungen, und für die Interpreten sind solche Zwischenfälle die wahren Bewährungsproben. Der junge deutsch-rumänische Pianist Herbert Schuch, ein Schüler Alfred Brendels, ließ sich denn auch nicht weiter irritieren und trotzte - wie einst der selige Swjatoslaw Richter - beim Schein einer notdürftigen Funzel der unverhofften Finsternis.
Die versetzte das goldprunkende Märchenschloss Ludwigs II. mit seinem originalgetreuen Nachbau des Versailler Spiegelsaals in eine fahle Gegenwelt, verwandelte eben noch glitzernde Kronleuchter in imaginäre Spinnweben, unter denen die Zeit gleichsam gefror. Unbeschreiblich die Wirkung, die die flirrenden, in immer feinere Variationen und Trillerkaskaden zerfließenden Klänge der Arietta aus Beethovens Klaviersonate Opus 111 unter diesen nachtschwarzen Umständen entfalteten - eine Traumreise im Wachen. Solche Momente einer höheren Stimmigkeit kann kein Veranstalter bewusst planen und kein Künstler voraussehen, auch wenn Schuch seinem Programm den nun doppelt sinnigen Titel „Nachtstücke“ gegeben hatte. Gleichwohl gab es noch etliche weitere solcher magischen Augenblicke bei diesen außergewöhnlichen Festspielen auf der Herreninsel, Ludwigs weltentrücktem Traum-Eiland inmitten des Chiemsees.
Einer davon ereignete sich am Abend darauf bei der Premiere der „Zauberflöte“. Enoch zu Guttenberg, der Gründungsintendant und Spiritus Rector des Festivals, griff bei seiner halbszenischen Adaption von Mozarts Freimaureroper auf eine Tradition zurück, die sich einst an den Höfen Europas äußerster Beliebtheit erfreute: Liebhaberaufführungen bekannter Bühnenwerke, bei denen sich Hochadel und Majestäten, alle Standesschranken für kurze Zeit außer Acht lassend, an Rollen wie dem Rinaldo, der Dido oder dem Tamino versuchten. Zu Guttenberg zog das Amateurhafte dieser künstlerisch fraglos zweifelhaften Darbietungen ab, ließ aber tatsächlich den halben Gotha im bayerischen Versailles zum munteren Opernspiel antreten: Kaiser Franz Joseph, streng rot-weiß, als Tamino; Kaiserin Sissi als Pamina, Herzog Max von Bayern als lederbehoster Papageno und - eine besondere Boshaftigkeit - der eiserne Bismarck als Monostatos mit rußverschmiertem Antlitz und blitzender Pickelhaube.
Die Hauptrolle aber gebührte zweifelsohne dem Hausherrn, und so zog der „Kini“ höchstselbst als Sarastro im blauen Hermelinmantel in seine „heiligen Hallen“ ein. Das hätte ein ironisches Schauspiel abgeben können, und das blieb es bis zu einem gewissen Grad natürlich auch - aber der Genius Loci von Herrenchiemsee machte noch mehr aus dieser Szene: Der opernvernarrte Bayernmonarch, dessen Leben selbst Züge eines erzromantischen Wagner-Dramas trägt, im Mittelpunkt eines Opernspektakels - da schien es doch, als seien die seltsam kulissenhaften Räumlichkeiten seines letzten, unvollendeten Zauberschlosses nun erst ihrer eigentlichen Bestimmung zugeführt worden!
Der große Opernzirkus namens Weltpolitik
Man mochte einen Augenblick darüber nachsinnen, ob sich der menschenscheue Ludwig in der Rolle des weisen Oberfreimaurers wohl gefühlt hätte; aber Enoch zu Guttenberg und sein Dramaturg Klaus Jörg Schönmetzler ließen ohnehin nicht allzu viel Gutes an Sarastros Menschheitsbeglückungspathos: „Die Strahlen der Sonne vertreiben die Nacht!“, tönt der am Ende salbungsvoll - wie schade aber, so pflichtet man den Autoren unwillkürlich bei, um die Nacht und alle die Geheimnisse der Finsternis! Auch sind Weisheitslehren mit Absolutheitsanspruch und geheimbündlerisches Gutmenschentum ja nicht unbedingt jedermanns Sache, und so lassen Guttenberg und Schönmetzler kurzerhand den alt gewordenen Papageno alias Gerd Anthoff die „wahre“ Geschichte der „Zauberflöte“ erzählen - mit allerlei Sottisen, aber auch geistreichen Seitenhieben auf Gott, den Kini und den ganzen großen Opernzirkus namens Weltpolitik.
Dieser erfrischend leichte und kenntnisreiche Umgang mit Mozarts viel gedeutetem Wunderwerk fand eine schöne Entsprechung in der musikalischen Wiedergabe. Enoch zu Guttenberg leitete das Orchester der KlangVerwaltung München zu einem flüssigen und doch jederzeit klar artikulierten Spiel an; er steht dabei fest auf der Basis der historisch informierten Aufführungspraxis, stilistisch näher bei Harnoncourt als bei dem noch quirligeren Ansatz eines Gardiner oder René Jacobs. Dabei nimmt sich Guttenberg, typisch für sein Selbstverständnis als „Bekenntnismusiker“, immer wieder die Freiheit, Akzente gegen ein allzu leichtes Konsumieren der Musik zu setzen - etwa wenn er als erfahrener Kirchenmusiker die große Geharnischtenszene im zweiten Aufzug mit der unerbittlichen Strenge eines Bachschen Choralvorspiels interpretiert. Der von Mozart hier eingewobene Cantus firmus „Ach Gott, vom Himmel sieh darein“ entwickelt auf diese Weise eine geradezu apokalyptische Dimension.
Das Motto der Festspiele auf subtile Weise eingeholt
Das Sängerensemble lässt sich mit spürbarer Hingabe auf dieses hoch reflektierte Konzept ein. Zumal Katharina Persicke als Pamina gelingt eine berührende, auch vokal beglückende Deutung, die die Figur in die Nähe der großen Erlöserinnen wie Gretchen oder Elisabeth rückt - nicht die Sonnenlehre Sarastros nämlich, sondern allein die Liebe zu Tamino (Jörg Dürmüller) verhilft dem auserwählten Paar hier zum Sieg. Daneben blieben vor allem der sonore Sarastro von Alfred Reiter, der agile Papageno von Moritz Gogg und die verführerisch lockende Königin der Nacht von Olga Polyakova im Ohr.
Dass man bei den Herrenchiemsee-Festspielen ein gutes Gespür für Sänger besitzt, und zwar auch abseits der bekannten Namen, war zuvor schon bei der ebenfalls halbszenischen Aufführung von Verdis „Rigoletto“ zu spüren. Ljubka Biagioni leitete das Münchner Rundfunkorchester durch eine ungemein stringente Aufführung, die von Antje Bitterlich in der schwierigen Rolle der Gilda überstrahlt wurde. Der melancholisch getönte Rigoletto von Anton Keremidtchiev und der unbekümmert strahlende Herzog von Yosep Kang bildeten ein darstellerisch wie sängerisch überaus sinnfälliges Gegensatzpaar. Auf subtile Weise war damit das Motto der Herrenchiemsee-Festspiele eingeholt: Neben der unbeschwerten Sonnenwelt des Herzogs von Mantua mit seinem frivolen „La donna è mobile“ bleibt dem geschundenen Hofnarren Rigoletto nur ein Reich voller Schatten. Unsere Sympathien sind spätestens nach diesem Festival uneingeschränkt auf Seiten des Letzteren.