27.07.2010 · Das Gestern spie ihn aus, weil er schwere Schuld auf sich lud. Das Heute kämpft um seine künftige Leiche, weil sie Heil bringen soll. Um diesen Spagat auszuhalten, benötigt „Ödipus auf Kolonos“ einen großen Regisseur und einen irrwitzigen Schauspieler: Peter Stein und Klaus Maria Brandauer.
Von Gerhard Stadelmeier, SalzburgDer alte Mann versteht nicht, dass die Welt ihn nicht versteht. Denn er hat die ganze Welt mit allen ihren Finten, Listen, Kämpfen, Strategien, Sternenträumen und Schicksalslüsten im Kopf. Als er den Kopf verliert, verliert er die Welt. So spielte 2007 Klaus Maria Brandauer den Wallenstein in Peter Steins Berliner Schiller-Inszenierung.
Der alte Mann versteht, dass die Welt ihn nicht verstehen kann. Denn die ganze Welt mit allen ihren Lüsten, Finten, Verbrechen, Erpressungen und Sündenfällen ist nur seine Kopfgeburt. Wenn die Blase platzt, verliert er den Kopf. So spielte 2008 Klaus Maria Brandauer den Dorfrichter Adam in Peter Steins Berliner Kleist-Inszenierung.
Der alte Mann versteht nicht, warum er auf der Welt ist. Er hat seinen Vater erschlagen, mit seiner Mutter Kinder gezeugt, ohne zu wissen, wen er da erschlagen, mit wem er da im Bett lag, weil seinen Eltern damals Orakel und Göttersprüche weissagten, ihr Sohn würde einst den Vater ermorden und das Mutterbett schänden. Worauf sie ihn als Baby im Gebirge aussetzten, er von Fremden gerettet wurde, als Erwachsener in seine Heimatstadt, von der er nichts wusste, heimkehrte, schuldlos Schuldiger eines Kriminalfalls wurde, den er selbst als Oberrichter untersuchte und in dem er auf sich selbst als Täter stieß. Worauf er sich die Augen ausstach, seine Mutter-Frau sich erhängte, er in die Fremde zog als von aller Welt Ausgestoßener, Vertriebener, Geschmähter. Nur gestützt auf seine Töchter-Schwestern Antigone und Ismene. Geschlagen von einem Fluch, über ihn verhängt. Von Göttern. Getrieben von Taten, die er „erduldet, nicht getan“.
Die gierige Welt von heute
Plötzlich aber soll er, gleichfalls verhängt von irgendwelchen Göttern, fremden, höheren Mächten, soll er, der Verbrecher, der große Schändliche, zum Segen werden. Soll der Ort, der den Leichnam des Ausgestoßenen, Vertriebenen, Vagabundierenden, Blinden, Hilflosen einst aufnehme, Unbesiegbarkeit, Wohlstand und Reichtum die Fülle garantiert bekommen. So wird der Unberührbare zum Sterbe-Star, sein kommender Kadaver zum Wucherpfand, um das dieselben, die ihn einst verstießen, jetzt schachern und kämpfen: Kreon, der Schwager des Ödipus, Tyrann von Theben; Polyneikes, Sohn (und Bruder) des Ödipus, der mit seinem Bruder Eteokles um die Macht in Theben intrigiert.
Die schnöde Welt von gestern und die gierige Welt von heute wachsen Ödipus, dem längst aller Welt Verlorenen und Abhandengekommenen, über den wirren Kopf, den er sich in einer letzten, großen, tollen, schönen Wahnsinnsanstrengung zu bewahren versucht: einmal noch „Ich“ und „Ich will“ sagen. Einmal noch gegen den Wahnsinn und die Willkür der Götter- und gegen die Kälte der Menschenwelt die letzten Denk-, Fühl- und Verstandeskräfte mobilisieren. Aber er hält dies kaum aus. Es will ihm schier den Kopf zerreißen. Wiewohl: um jedes Wort wird gerungen, jeder Ton in große Form gebracht, der Rhythmus und der Gesang der Textmelodie wunderbar gehalten, in aller Wahnsinnswirrnis und „Wer bin ich denn?“-Abgrundstocherei Halt gesucht. Und gefunden.
Ein Herrscher, ein irrwitziger Souverän
So spielt Klaus Maria Brandauer bei den Salzburger Festspielen den „Ödipus auf Kolonos“, das Endspiel des alten Mannes Sophokles, der, als er es im Jahr 406 vor Christus schrieb, an die neunzig war, in einer Inszenierung Peter Steins (in Koproduktion mit dem Berliner Ensemble). So hat Peter Stein aus dem Schauspieler Brandauer, der zu Zeiten immer nur sich selbst spielte, in einer überragenden Trilogie des Wiederspielens einen Schauspieler gemacht, der, von Schiller über Kleist zu Sophokles, das Wagnis einging, das Terrain zwischen Kopf und Welt zu durchforschen wie einen fremden, ganz unbrandauerischen Kontinent. Ein Wagnis, das mindere Theatergeister gar nicht mehr eingehen. Eine symbiotische Intelligenzverbindung auch zwischen Regisseur und Schauspieler, wie sie heute nur noch als aus aller Zeitgeisterei gefallene Tollheit denkbar ist.
Auf der weiten, offenen Bühne der Perner Insel in Hallein hat Steins Bühnenbildner Ferdinand Wögerbauer eine rostrote, abbröckelnde, niedere Barriere hingesetzt, hinter welcher der Ölbaumhain der Eumeniden des Stadtteils Kolonos nach Athen hin abfällt. Dorthin schleppt sich, gestützt auf Antigone, der blinde Ödipus. Hier, im Reich des Athenerkönigs Theseus, soll der Alte sein Grab finden, hier soll ihn ein Gott (gleichgültig welcher) in den Himmel aufnehmen unter Donner und Blitz, soll das Endspiel des Ödipus zum Erlösungsmärchen werden: Niemand außer Theseus wird die Stelle kennen dürfen, wo Ödipus hinüberging, aber dafür sorgen, dass die Nachwelt ihn nicht vergisst. Nur wer ewig um ihn trauert, soll den Segen von ihm haben.
Das Märchenhafte, Gotteskitschige treiben Stein und Brandauer dem Endspiel sofort aus. Auf dem stählernen Gartenstuhl vor der Götterhain-Barriere nimmt der zauselige Vagabund mit den schwarzen Augenhöhlen, dem aschschmutzgrauen Mantel, den wirren Haaren, den offenen Schnürstiefeln und den violetten Hosen Platz wie ein König, der dieser Ödipus schon immer war. Königlich in seiner Schuld, königlich in seiner Unschuld. Ein Herrscher, ein irrwitziger Souverän. Den hochfahrenden Ton vom tiefen, unmutigen Murmeln bis hin zum schrillen Angriff in allen Nuancen genießend. Ein tief Verzweifelter, ein an Göttern wie an Menschen wundgeriebener Einsamer, der die irre Chance ergreift, aus einem Götterspruch, der ihn einst verdammte und der ihn jetzt in den Himmel erhebt, die letzte, große Chance zu machen. Dieser Ödipus glaubt nicht mehr an Götter. Aber an die Verwertbarkeit ihrer Orakel. So macht er aus dem Segen, der er als Toter sein soll, noch zu Lebzeiten eine Rache.
Wut und Verachtung als große Musik
Den Chor der Athener Kleinbürger, die ihre bäuerlichen Bauchbinden, ihre Hüte und Stöcke so selbstgefällig tragen, wie sie in der lockeren, von Stein wunderbar beiläufig choreographierten Masse sich gefällig bewegen, im Kreis, in der Ballung, im Sichzerstreuen, und die Kommentare, die Nachfragen, die Ängste und die Schmiegsamkeiten dieses Bürgerhaufens in selbstverständlicher Kollektiv- und Einzelrede sich aufteilen – diese Gesellschaft hat der große, blinde Einsame bald ziemlich charmiert. Und den ganz in Weiß gewandeten, etwas harmlosen Edel-Schönling, als den Christian Nickel den König Theseus gibt, hat Ödipus rasch in der Tasche.
Da ist Brandauer ganz der alte Zauberer, der die Erbarmungs- und Demutsgesten aus dem Repertoire altköniglicher Unterwerfungsarroganz wunderbar draufhat: eine Wegwerfbewegung mit der Hand, die zur innigen Bitte, ein herrisches Armheben, das zum bitteren Flehen wird. Es geht darum in diesem Wahnsinnsspiel, verhängt von Wahnsinnsgöttern, wer besser spielt. Und Brandauer zeigt, dass Ödipus ein großartiger Spieler ist – noch im größten Elend.
Wenn aber der Kreon des Jürgen Holtz als asiatischer Despot im roten Schlafrock im Rollstuhl hereinkarioliert, böse, schneidende Ansprüche auf den noch lebenden Ödipus-Kadaver formuliert und räuberisch nach dem Blinden greift wie nach einer schnellen Beute, Zynismen im Doppeldutzend von sich gebend, den Athenern die alte Mutterschändungs- und Vatermordgeschichte als denunziatorische Offenbarungsarie hohnlachend hinheult und als Erpressungsgipfelung schnell noch von seiner Diktatorengarde die Ödipus-Mädchen Antigone und Ismene kidnappen lässt; wenn der kleine, schwache Polyneikes-Bubi des Dejan Bucin, ganz in Leder gewandet, hereinschneit und sich beim Vater, den er einst verstieß, ausweint und den Alten gern als Siegespfand im Kampf mit dem Bruder mit nach Hause nehmen möchte – dann macht Brandauers Ödipus aus dem Spiel Ernst, wird aus den Tricks ein Kampf, geht das Endspiel in den Endzorn. Werden Wut und Verachtung zu großer Musik.
Ein wahres Festspiel
Es waren Götter, die über Ödipus ein Schicksal verhängten. Aber es waren Menschen, die es vollzogen. Und so rächt sich der Alte mit dem, was ihm einzig bleibt auf dem leeren, trostlosen Kontinent zwischen Gottheit und Menschheit: seiner Wut, seinem Zorn, seinem Aufbegehren. Und da, herrlicher Moment, wird dieser Ödipus selbst zum Gott: Er ist es jetzt, der Flüche verhängt, Orakel ausspricht; ein großer Schmerzensgenießer dieses Augenblicks, höhnisch heulend und böse singend, alle Schuftigkeit der Götter- und Menschenwelten auf der Zunge des Einsamen sich zergehen lassend. Seine letzte, große Autonomie. Von innen. Denn sein Tod gehört schon nicht mehr ihm selbst.
Der Tod ist der letzte, große Coup. Von außen. Ein Riesenkrach. Ein Riesenblitz. Die Bühnenmaschinerie donnert, als habe ein Gott gesprochen. Ödipus ist tot. Hier aber lebt er weiter. Als ein Beispiel großen Theaters. Ein wahres Festspiel. Seit langem wieder.