Am Mittwoch fand im Festspielhaus zu Bayreuth die letzte Hauptprobe des „Fliegenden Holländers“ statt. Eine sogenannte Medienprobe. Bedeutet: Ausgewählte Journalisten, Fotografen, Kamerateams dürfen hinein, vorausgesetzt, sie unterschreiben zuvor eine Maulkorb-Erklärung, dass sie ja nichts weitererzählen über die Produktionskrümel, die man ihnen zu sehen, hören, drehen gibt. Ein bisschen erinnert das Verfahren an die guten alten Zeiten, als Wolfgang Wagner noch nimmermüd durchs Festspielhaus schnürte, um Hausausweise zu überprüfen und Spione zu enttarnen. Er hatte sich noch eigenhändig darum gekümmert, dass alles Neue heilig bleiben muss in der Kunst: Jede Premiere eine Gralsenthüllung!
Freitagnachmittag lief die Generalprobe zum „Lohengrin“. Diese süßen rosa Ratten kennt ja nun schon fast jedes Kind, diese Inszenierung ist nicht neu. Sie wird zum zweiten Male wiederaufgenommen, darüber ist erbittert diskutiert worden, sie wurde komplett im Fernsehen übertragen. Wer davon nun immer noch nicht genug hat, der kann sich sogar die DVD davon kaufen. Und trotzdem reisten eigens zu dieser Probe jede Menge interessierte, interessante Leute aus der internationalen Kulturszene an, um sich die Sache noch einmal live anzutun; Markus Hinterhäuser zum Beispiel war darunter, der letztjährige Salzburger Einjahres-Intendant und jetzige Intendant der Wiener Festwochen. Warum? Vermutlich aus dem gleichen Grund, aus dem wir gute Bücher zwei- oder auch sechsmal lesen oder manche Bilder, zum Beispiel die „Madonna del parto“ von Piero della Francesca im fernen Monterchi nicht oft genug im Leben besuchen können. Weil nämlich Kunststücke, die einen Sinn haben und eine Seele, immer wieder etwas Unerwartetes mit den Menschen anstellen. Weil sie sich verändern mit uns, weil sie uns bewegen und beeinflussen und auf Ideen bringen. Sie müssen nicht neu sein, erst recht nicht heilig. Aber sie sind unsterblich. Scheint so, als sei dem Regisseur Hans Neuenfels gemeinsam mit dem Dirigenten Andris Nelsons mit der Bayreuther „Lohengrin“-Lesart von 2010 so etwas Unsterbliches gelungen.
Ein Regisseur imitiert und übertrumpft den anderen
Nichts gegen die gepflegte Wiederholung: Seit den ersten Bayreuther Festspielen anno 1876 werden immer wieder die gleichen zehn Werke Richard Wagners aufgeführt, bisher ist das noch nicht langweilig geworden. Im Gegenteil, die Sache hat sich mächtig ausgeweitet, aus einer kleinen Sekte ist das Wagnerianersein zur Massenbewegung geworden. Aber erst, seit es hier so etwas wie das Regietheater gibt, genauer gesagt, seit der Erfindung der Weltenscheibe 1951 durch Wieland Wagner (auch Wielands „Kochplatte“ genannt) schlägt man sich in Bayreuth mit diesem Fetisch des Neuen und Einmaligen herum. Hatte es, bis zu diesem Zeitpunkt, niemanden ernsthaft genervt, wenn die Walküren jedesmal wieder in der gleichen Rüstung, mit den nämlichen Speeren fuchtelnd um den Walkürenfelsen preschten, so müssen sich neuerdings auch die Bayreuther Festspiele schutzimpfen gegen die Pest der Beliebigkeit und die Cholera der Austauschbarkeit.
Statt Speere: Handys. Statt Handys: Hühnerbeine. Statt Felsen: Atomschlagvideos. Statt Atomschlagvideos: Biogasanlagen. Ein Wagnerregisseur imitiert und übertrumpft den anderen in dem Bemühen, neu und einmalig zu sein. Nicht weniger als zehn „Ring“-Inszenierungen sind zur Zeit an deutschen Stadttheatern zu sehen oder in Arbeit. „Holländer“ und der „Lohengrin“ gehören, wie Mozarts „Zauberflöte“ und Puccinis „Bohème“, zum meistgespielten Kernrepertoire. Ist auch in Bayreuth heute nichts anderes mehr zu erleben, als das, was es sowieso überall gibt, nur etwas teurer und mit lauterem Yellow-Press-Tamtam, wieso sollte ein Wagnerianer noch die beschwerliche Reise in die fränkische Provinz auf sich nehmen? Schon klagt Frau Katharina Wagner über schlechte Bahnanschlüsse. Die Leute kämen nur noch für zwei Tage, nicht mehr für die Woche. Es bleiben Plätze leer.
Feste ohne guten Grund
Der neue Salzburger Intendant Alexander Pereira hat offenbar das gleiche Problem: Auch er kämpft gegen die Pest der Beliebigkeit, die Cholera der Austauschbarkeit, auch hier gibt es noch Karten. Und Pereira schießt mit großen Kanonen gegen den Feind. Eine Ausweitung des Angebots, Anhebung der Preise, Vermehrung des Etats, Zusicherung von absoluter Exklusivität. Pereira verspricht: Es werde keine Wiederaufnahmen und Reprisen mehr geben bei seinem Festival. Nur noch Neues, Originelles, noch nie Dagewesenes. Und sein Programm im ersten Jahr sieht aus wie ein Kessel Buntes oder wie die Liste eines amerikanischen Hochzeitsplaners. Es gibt etwas Blaues, etwas Geborgtes, etwas Altes, etwas Neues und so fort. Nur: Warum?
Feste im Leben werden gefeiert, weil es einen guten Grund dafür gibt. Diese Gründe sind existentiell, sie heißen Geburt, Taufe, Verlobung, Hochzeit, Geburtstag, Weihnachten und Ostern, Ein- oder Ausstand. Die großen Sommerfestivals haben längst ihren Grund vergessen. Sie haben damit ihre Seele verloren.
Naja..modern...
Dennis Sieberman (Sieberman)
- 21.07.2012, 13:58 Uhr