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„Elektra“ in Salzburg : Die gleißende Klinge des Mörderbeils

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Ein in jeder Hinsicht beeindruckendes Rollendebüt: Irène Theorin als Elektra Bild: REUTERS

Die vierte und letzte Opernpremiere in Salzburg wird zur überzeugendsten Produktion der diesjährigen Festspiele. Den Triumph seiner „Elektra“ verdankt Regisseur Nikolaus Lehnhoff nicht zuletzt seinem großartigen Sängerensemble.

          Dreißig Tonnen Stahl und Holz hat der Bühnenbildner Raimund Bauer auf die Bühne des Großen Festspielhauses wuchten lassen, um diesen Seelenkerker, der wie eine Betonwüste aussieht, zu errichten. Bis in den Schnürboden hinein erheben sich die Mauern, hinter denen Klytämnestra und ihr weibischer Liebhaber Aegisth nach dem Mord an Agamemnon ihr verrottetes Palastleben führen. Die kleinen, fensterartigen Luken geben vom Grauen, das man dort vermutet, nichts preis, doch scheint der ganze Raum apokalyptisch gekippt und perspektivisch verzerrt wie nach einer Katastrophe. Steinlöcher klaffen wie offene Gräber auf dem wellenartig aufgeworfenen Boden. Hier haust Elektra, die Tochter Agamemnons und Klytämnestras: verbittert, verzweifelt, eingesperrt in das Gefängnis ihrer eigenen Psyche. Tag um Tag vermählt sie sich in Ritualen aufs Neue dem toten Vater und fiebert der Wiederkehr ihres Bruders Orest entgegen, der den Königsmord rächen soll.

          Die Salzburger „Elektra“, die vierte und letzte Neuinszenierung der diesjährigen Festspielsaison, geriet zum Triumph für den Regisseur Nikolaus Lehnhoff und ein famos besetztes Sängerensemble. Und dies mit einer Produktion, die auf den ersten Blick ganz unspektakulär und traditionalistisch wirken könnte. Denn Lehnhoff hat sich in seiner Deutung dieser kühnsten und musikalisch radikalsten Oper von Richard Strauss und Hugo von Hofmannsthal nicht dazu hinreißen lassen, bloß das sensationsträchtige Bild einer furienartigen Terroristin auszuschlachten, die raubtierartig rast und unentwegt die Axt schwingt. Stattdessen versenkt er sich sensibel und zutiefst musikalisch in das Innere der agierenden Figuren, gesteht ihrem Fühlen und Handeln Ambivalenzen zu – und fördert auf diese Weise Wahrheiten zutage, die ungleich schockierender sind, als es das krude Seelenschlachtengemälde um drei hysterische Frauen und zwei von ihnen instrumentalisierte Männer sein könnte.

          Wie diese Elektra verloren in ihrem Steinloch kauert, wie sie sich vor der eigenen inneren Kälte schützen möchte, indem sie sich in den Mantel Agamemnons, später gar in den purpurfarbenen Umhang ihrer verhassten Mutter hüllt, wie sie ihre Zärtlichkeitsbedürfnisse auf die liebliche Schwester Chrysothemis projiziert, um dann, in der Wiedererkennungsszene mit Orest, vom plötzlichen Wirklichwerden ihres obsessivsten Wunsches schier erschlagen zu werden, so dass sie nur mehr apathisch und fassungslos in sich hineinsingen kann, obwohl sie doch eigentlich jubeln sollte – wie also diese in ihrer geraubten Kindheit wie in einer Sackgasse Steckengebliebene an sich selbst leidet, das hat man selten so berührend gesehen. Die stimmmächtige Irène Theorin, die ihren Sopran ebenso zur gleißenden Klinge des Mörderbeils schärfen kann, wie sie Töne des Flehens, des Verführens, des Ekels und der Trauer findet, führt das mit großer Eindringlichkeit vor Augen und gibt damit ihr in jeder Hinsicht beeindruckendes Rollendebüt.

          Eva-Maria Westbroek als Chrysothemis: ein von Elektra zutiefst verwirrtes und wie ein aufgescheuchtes Reh hin und her huschendes Kind

          Töne des Flehens, des Verführens, des Ekels und der Trauer

          Eine in entsetzlichster Einsamkeit Befangene ist Elektra hier vor allem, wie Lehnhoffs szenische Diagnose letztlich alle Figuren in sich selbst verkapselt und geknebelt erscheinen lässt. Die Chrysothemis der füllig und geschmeidig singenden Eva-Maria Westbroek: ein den Sehnsüchten seines aufblühenden Leibes wehrlos ausgeliefertes, von Elektra zutiefst verwirrtes und wie ein aufgescheuchtes Reh hin und her huschendes Kind. Sodann René Papes stimmgewaltiger und vorbildlich textverständlicher Orest: ein Mann wie ein Felsen, ein blaubartartiger, undurchdringlicher, ja regungslos anmutender Zombie, der blind einer inneren Programmierung zu folgen scheint.

          Schließlich die großartige Klytämnestra von Waltraud Meier: eine exzentrische, ihre nervliche Zerrüttung hinter einer Sonnenbrille und grandiosen Divenallüren versteckende, albtraumgebeutelte und monströs abergläubische psychische Ruine. Waltraud Meiers unvergleichliche Bühnenpräsenz und vokale Souveränität in diesem szenischen Rollendebüt zogen die Aufmerksamkeit des Publikums magnetartig an. In der zentralen Szene mit Elektra, der Symmetrieachse der Oper, leuchtet Lehnhoff die verquere Mutter-Tochter-Beziehung ungemein facettenreich aus: die wechselseitige Abhängigkeit noch im bittersten Hass, die so weit geht, dass beide einen Moment lang fast versucht sind, sich zu umarmen, bevor sie sich wieder auf die egomanische Verfolgung ihrer brutalen Interessen besinnen.

          Ein zu Recht umjubelter Premierenabend

          Am Ende gibt es in Lehnhoffs illusionsloser Deutung weder Jubel noch einen dionysischen Todestanz. „Der zwanzigfache Ozean begräbt mir jedes Glied mit seiner Wucht, ich kann mich nicht heben“, singt Elektra – und schleppt sich folglich nur noch über die Bühne. Ein großes Stahltor in der Palastmauer öffnet sich und gibt den Blick frei auf die blutbespritzten Kacheln eines Schlachthauses, in dem die von Orest ermordete Klytämnestra kopfüber von der Decke baumelt. Aegisth (klangschön: Robert Gambill) strauchelt zu den fiepsenden Bläserfiguren und dem metrischen Stolpern, das Strauss ihm komponiert hat, über die Bühne. Elektra zieht ihrem Bruder Agamemnons Mantel über und bricht tot vor ihm zusammen. Orest starrt ausgelöschten Blickes ins Publikum. Chrysothemis schreit verzweifelt seinen Namen. Dann kriechen auch schon die Erinnyen als schwarze, schattenhafte Todesvögel aus allen Luken und nehmen den Palast in ihren Besitz.

          Daniele Gatti ermunterte die Wiener Philharmoniker zu einem Spiel, dass alle Ungeheuerlichkeiten der hoch dissonanten Partitur hörbar machte und in dem die Schrecklichkeiten des Geschehens mit expressionistischer Wucht bis ins Geräuschhafte hinein verfolgt wurden. Das klang dann mitunter leider auch recht grob. Die ins Extrem getriebene Lautstärke des ohnehin gigantisch besetzten „Elektra“-Orchesters begrub zudem die fabelhaften Sängerleistungen mehr als einmal schier rücksichtslos unter sich. Einziges Manko eines zu Recht umjubelten Premierenabends.

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