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„Die Walküre“: Public Viewing in Bayreuth Das muss ja wohl der Wotan sein

22.08.2010 ·  Gestern, am Samstag, strömten Zehntausende auf den Volksfestplatz in Bayreuth, um beim Public Viewing unmittelbar an der zeitparallel stattfindenden „Walküre“-Aufführung auf dem Grünen Hügel teilzunehmen. Der Erfolg war groß. War der Preis dafür zu hoch?

Von Jochen Hieber
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Wie wichtig Katharina Wagner die Erweiterung der Bayreuther Festspiele in den großen öffentlichen Raum hinein ist, machte schon ihre Dauerpräsenz beim samstäglichen Public Viewing auf dem Bayreuther Volksfestplatz deutlich. Während ganz oben auf dem Grünen Hügel das gewohnte und gepflegte Ritual eines Festspieltages ablief, mischte sich weit unten in der Stadt die Co-Chefin des Ganzen schon vom frühen Nachmittag an unter die zu Zehntausenden auf das weitläufige Gelände strömenden Besucher.

Mit der Energie einer umtriebigen Organisatorin eröffnete sie dort den „Erlebnisparcour“, auf dem jene jungen und jüngsten Besucher, die gerade auf der großen Leinwand eine Kinderversion des „Tannhäuser“ gesehen hatten, nun in die Kostüme der Inszenierung schlüpften, mit den Geheimnissen einer Bühnenwerkstatt vertraut gemacht wurden und auch selbst Hand anlegen konnten. Gegen 15 Uhr leitete sie auch die beiden Erwachsenen-Ereignisse ein: die Live-Übertragung der „Walküre“ in Tankred Dorsts Inszenierung von 2006 direkt vom Festspielhaus auf den Volksfestplatz – und zudem die weltweit zeitparallele Ausstrahlung dieser Aufführung über das Internet, im da schon spätabendlichen Japan zudem über eine große Fernsehstation.

Parallelaktion aus Hochkultur und Massenmedialität

Diese Parallelaktion aus Hochkultur und Massenmedialität gab es nun bereits zum dritten Mal, 2008 wurde sie mit den „Meistersingern“ begonnen, im vergangenen Jahr mit „Tristan und Isolde“ fortgeführt. Katharina Wagner, die sich temperamentvoll gegen die Formulierung wehrt, sie sei eine „Propagandistin des Popularisierens“, macht überdies kein Hehl daraus, dass sie den Weg der Wirkungserweiterung weitergehen wird – kurz vor dem Abschluss steht der Vertrag mit einem deutschen Fernsehsender.

Operninszenierungen simultan auch im offenen urbanen Raum zu präsentieren, ist keine Bayreuther Erfindung, in Berlin oder München etwa gibt es dergleichen schon länger. Aber naturgemäß ist die Aufmerksamkeit, die ein solches Unterfangen auf sich zieht, in Bayreuth ungleich größer – gerade hier ist deshalb auch die Kritik besonders naheliegend, das Elitäre, Erhabene, in jedem Fall aber Anspruchsvolle werde den Effekten eines bloßen Freizeitspektakels preisgegeben.

Solche Kritik ficht den Erfolg beim Publikum nicht an. In Scharen und in der Tat mit Kind, Kegel und Picknickkoffer, mal in höchst legerer, bisweilen fahrlässiger Freizeitkleidung, mal annähernd so ambitioniert gekleidet wie im Festspielhaus selbst, treffen die Besucher ein. Der Eintritt ist frei, aus Sicherheitsgründen werden zeitgleich nie mehr als zwanzigtausend Gäste auf das städtische Gelände gelassen.

Aus drei Gruppen besteht das Publikum

Drei Gruppen lassen sich dabei unterscheiden. Da sind zunächst diejenigen Zuschauer, die wohl lieber zu den glücklichen Kartenbesitzern auf dem Grünen Hügel zählten. Vor allem sie schienen die etwa zweitausend Sitze direkt vor der großen Leinwand zu belegen. Weitläufig um dieses Zentrum herum gruppiert sich eine Art Gartenmöbelgesellschaft auf Klapp- und Liegestühlen oder ausgebreiteten Decken, fast immer jedoch mit eigens mitgebrachter Verpflegung. Auch diese Gruppe hört und sieht während der drei Aufzüge der „Walküre“ konzentriert zu, belässt es also meist beim Konsum in den Pausen. Die dritte Gruppe schließlich bildet die fränkische Variante der bayerischen Biergartensozietät – sie ist weiter von der Leinwand entfernt und verbindet unbefangen Musikgenuss mit Tafelfreuden: „Der mit der Augenklappe“, sagt ein offenkundig Einheimischer, „muss ja wohl der Wotan sein“.

Technisch und akustisch ist das Bayreuther Wagner Viewing auf dem bestmöglichen Stand. Für den Raumklang im offenen, mithin nirgends reflektierenden Geläuf hatte man den Tonspezialisten Alfred Toegel engagiert – es war keineswegs unbeeindruckend, wie er das Spiel des Festspielorchesters unter Christian Thielemann und die Stimmen der Sänger ins wirklich Offene hinaus transponierte und transportierte. Für die Bildübertragung vom Grünen Hügel herunter und zugleich hinein in den Livestream des Internets zeichnet eine Firma verantwortlich, die im Auftrag der Siemens Stiftung wirkt.

Sie hatte während des ersten Aufzugs einige ohrenquälende Tonaussetzer zu überstehen, bewältigte ihre Pflichten danach aber adäquat. Paradoxerweise spielte das herrliche Sommerwetter den Organisatoren aber den wohl größten Streich. Als die Live-Übertragung um 16 Uhr begann, fiel soviel Sonne auf den Riesenbildschirm, dass man nur schemenhaft erkennen konnte, war dort geschah. Die durchaus mögliche Magie konnte sich mithin erst im dritten Akt entfalten, als der Mond dann zunehmend über dem Festplatz stand.

Man soll das Wagner Viewing nicht schmähen. Es bietet eine Mischung aus pädagogischem Bemühen, musikalischem Sommermärchen und realem Gemeinschaftserleben. Dass es in der „Walküre“ um Inzest, töchterliche Gehorsamsverweigerung sowie um die Fähr- und Schrecknisse göttlicher und politischer Macht geht, ging wohl wenigen der Zwanzigtausend unter die Haut. Aber dies, darf man vermuten, war auch nicht bei allen der Fall, die der Oper oben auf dem Hügel lauschten.

Der Webstream der „Walküre“-Vorstellung vom 21. August ist unter www.siemens.com/festspielnacht noch bis zum 5. September abrufbar.

Quelle: F.A.Z.
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