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Mittwoch, 19. Juni 2013
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Cecilia Bartoli, Regentin in Salzburg Die Perücke der Liz Taylor kleidet sie gut

 ·  Herzhafte Blicke ins Blut-und-Sperma-Theater: Cecilia Bartoli geht mit Händels „Giulio Cesare“ in ihre erste Saison als singende Prinzipalin der Salzburger Pfingstfestspiele.

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© Hans Jörg Michel Der Blick sucht nicht die Lieblingskatze: Cecilia Bartoli als Cleopatra hat ernstere Dinge im Kopf und höhere Töne im Herzen

Du kamst, sahst sie: und warst besiegt. Oh Caesar, edler Römer, was vertrautest du auch den machtbewussten Frauen! Vor allem dieser einen, der glutäugigen Ägypterin mit dem Schlangentick, die um ihres Thrones willen erst dich verlockte und nach dir auch noch deinen Erben mit sich in den Untergang riss. Hättest du schon gewusst, erhabener Imperator, was ganz großes Kino ist, du hättest dich erst recht in Acht genommen vor dem raffinierten Weibsbild! So aber bleibt uns Nachgeborenen immerhin das Kino - und nicht nur das: Noch immer nämlich, seit Jahrhunderten schon, verdreht deine liebliche Schlange den Männern die Köpfe und vergiftet unseren Dichtern und Musikern ihre Tinte. Gerade jetzt ist es wieder passiert, im schönen Claudium Iuvavum, wie der Lateiner gesagt hätte. Wir Heutigen nennen es schlicht Salzburg; dort herrscht seit Wochen die reinste „Cleomanie“!

Kein Wunder, denn Cecilia Bartoli, die weltweit erfolgreiche Sängerin und immer auch Entdeckungsreisende in Sachen Musik, ist für ihr erste Saison als künstlerische Leiterin der Pfingstfestspiele mutig hinabgestiegen ins „Labyrinth von Eros und Macht“.

Ein stringent durchdachtes Konzept

Und aus dessen Untiefen hat sie sich sozusagen am roten Faden der Königin Kleopatra siegreich wieder daraus hervorgehangelt. Das Ergebnis hält nun tatsächlich eine ganze Stadt in Atem: als sei da unversehens die totgeglaubte Ägyptenmode vergangener Epochen mit ihrem Mumien- und Pharaonenkult über das mondäne Mozart-Dorf an der Salzach hereingebrochen. Überall im Festspielbezirk, auf Plakaten, in Schaufenstern, meint man die singende Prinzipalin zu erblicken, wie sie mit lasziver Schlangen-Geste und verheißungsvoll geschmückt mit Liz Taylors legendärer Pharaoninnenperücke ihrem Spaß an ironischen Verkleidungsspielen nachgeht.

Doch das alles ist nicht bloß eine große, gewohnt herzerfrischende Cecilia-Show. Vielmehr trägt ein stringent durchdachtes dramaturgisches Konzept diese erste Bartoli-Saison an Pfingsten, bei der ihr der neue Salzburger Intendant, Alexander Pereira, ganz chevaleresk die Bühne überlassen hat. Von einer szenischen Lesung des Shakespeare-Dramas „Antony and Cleopatra“ mit Sunnyi Melles, Jens Harzer und dem neuen Schauspielchef Sven-Eric Bechtolf spannt sich der historische Bogen weiter über die hinreißende Rompreis-Kantate „La Mort de Cléopâtre“ von Berlioz (mit Vesselina Kasarova und John Eliot Gardiner am Pult des BR-Orchesters) und Jules Massenets Opernvermächtnis „Cléopâtre“ (mit Sophie Koch in der Titelrolle) bis zu der dramatischen Szene „Kleopatra und die Schlange“ von Rodion Schtschedrin, einem anspruchsvollen Auftragswerk der Pfingstfestspiele, das beim gestrigen Abschlusskonzert von Mojca Erdmann (anstelle der erkrankten Anna Netrebko) uraufgeführt wurde.

Die Ulknudel-Entertainerin

Als Eröffnungsstück hingegen hatte Cecilia Bartoli die Kleopatra-Oper gewählt, die nach wie vor alle späteren Vertonungen des Stoffs - seien sie von Carl Heinrich Graun (1742 zur Eröffnung der Lindenoper) oder Samuel Barber (1966 zur Einweihung der neuen „Met“) - in den Schatten stellt: Händels „Giulio Cesare in Egitto“ von 1724. Natürlich ließ es sich die Künstlerin nicht nehmen, selbst in der zentralen Rolle der letzten Ptolemäer-Herrscherin aufzutreten. Und eine Auswahl der größten Arienwunder aus diesem überreichen Werk, darunter ihr „Se pietà di me non senti“ und das nicht nur Cäsaren betörende „V’adoro, pupille“, gab sie am nächsten Tag gleich noch einmal bei ihrem fulminanten Soloabend „Cleopatra virtuosa“ zum Besten. Bei solchen Potpourri-Konzerten, in denen sie ihre musikalische Sensibilität ebenso unter Beweis stellen kann wie ihre geläufige Gurgel, ist die Bartoli unschlagbar in ihrem Element. Bei der Festspielpremiere am Vortag sah sie sich dagegen harter männlicher Konkurrenz gegenüber - waren bei dieser Aufführung doch gleich vier herausragende Countertenöre unserer Zeit versammelt.

Namentlich Andreas Scholl legte als Cesare früh die sängerische Messlatte hoch - seine Präzision im Umgang mit den halsbrecherischen Koloraturen blieb den ganzen, gut fünfstündigen Abend über unerreicht. Leider hat das Regieteam um Moshe Leiser und Patrice Caurier ihm szenisch kein ähnlich überzeugendes Profil verliehen: Der Ahnherr aller späteren Kaiser und Despoten, der am Rubikon die gesamte seinerzeit zivilisierte Welt in einen Bürgerkrieg stürzte, erscheint hier als flapsiger Startup-Unternehmer im himmelblauen Zweireiher, der offenbar für die EU am Nil nach Ölquellen forscht und sein notorisches „Veni, vidi, vici“ quasi nebenbei der Titelseite einer einschlägigen Zeitung für kluge Köpfe entnimmt. Suum cuique! Weit ärger freilich demontiert die Regie Kleopatra selbst, indem sie Cecilia Bartoli im schwarzen Schlangenlederkostüm allgegenwärtige Gummi-Krokodile liebkosen und immer wieder die Ulknudel-Entertainerin geben lässt.

Zu Comicfiguren erstarrt

Wäre da nicht die wunderbare Anne Sofie von Otter, die in der Rolle der Pompeius-Witwe als große Tragödin und lebende Anklage durchs Geschehen wandelt, und wäre da nicht Philippe Jaroussky, der die Wandlung ihres Sohnes vom Bübchen zum fanatisierten Rächer allein mit stimmlichen Mitteln glaubhaft macht - die Produktion streifte mehr als einmal die Grenze zum Klamauk. Mag sein, dass das Regieteam mit der scharfen Konfrontation von komischen und tragischen Momenten die ähnlich unvermittelten Wechsel der Affekte in Händels Musik nachzeichnen wollte.

Mag auch sein, dass die Inszenierung mit ihrem beherzten Blick ins Horrorkabinett des Blut-und-Sperma-Theaters eine zitathaft-ironisierende Absicht verfolgte, analog zum antiillusionistischen Erzählprinzip der Barockoper. Wie das überzeugend geht, hat Stefan Herheim jedenfalls gerade bei Händels „Xerxes“ gezeigt (F.A.Z. vom 15. Mai). Dem hiesigen Abend fehlt dagegen dessen souveränes Gespür für Timing und jene höhere Sinnhaftigkeit, die verhindert, dass die Protagonisten zu Comicfiguren erstarren.

Cäsars späte Revanche?

Umso beeindruckender das Stilbewusstsein und der Ernst, den alle Sänger musikalisch aufbringen. Der Counter Christophe Dumaux etwa, der als ewig notgeiler Widerling Tolomeo zwar ständig die Hosen fallen lassen muss, in seinen Arien aber die ganze dialektische Seelenpein des Bösewichts vermittelt. Oder auch der hochverdiente, szenisch ungemein präsente Jochen Kowalski in der eigens geschaffenen Rockrolle einer Kammerdienerin. Nicht zuletzt aber La Bartoli selbst - sie verschmilzt immer wieder fast symbiotisch mit dem farbtiefen Klang des Ensembles „Il Giardino Armonico“, das unter der Leitung von Giovanni Antonini straff, rhythmisch pointiert, aber auch mit zeitvergessener Ruhe spielt.

So wird das berühmte „Piangerò“ der Kleopatra zu einem paradoxen Moment verzaubernder Ernüchterung: Wir erleben eine Machtpolitikerin, die mit ihren Plänen und ihren Träumen von echter Liebe gescheitert ist. Zum historisch falschen „lieto fine“ werden folglich die Kulissen abgeräumt, und ein echter Panzer steckt sein überlanges Geschützrohr von außen in das Haus für Mozart. Cäsars späte Revanche? Wer weiß. Womöglich bloß schlechtes Kino von Männern, die mit ihrem Latein am Ende sind. Das Motto der nächsten Pfingstfestspiele lautet übrigens „Opfer“.

Händels „Giulio Cesare In Egitto“ ist auf den diesjährigen Salzburger Festspielen am 23. August um 18.30 Uhr, am 25. August um 15.00 Uhr, sowie am 27., 29. und 31. August 2012 jeweils um 18.30 Uhr zu sehen.

Quelle: F.A.Z.
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