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Bregenzer Festspiele : Der Gott des Gemetzels im Weltall

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Diese Raumstation ist schon Schrott: Die psychedelischen Grenzerfahrungen der Sechziger lassen sich nur mit Verlust auf die Opernbühne beamen. Bild: Bregenzer Festspiele / Karl Forster

„Solaris“ von Detlev Glanert, komponiert für die Bregenzer Festspiele, befasst sich mit einem legendären Stoff - und scheitert an zu viel Papier und Text.

          Die Sowjetunion schoss 1957 den ersten „Sputnik“ ins All, 1961 folgte als erster Mensch Juri Gagarin. Und im selben Jahr erschien der Roman „Solaris“ des polnischen Science-Fiction-Autors Stanislaw Lem. 1969 landeten die Amerikaner auf dem Mond. Doch schon zur Epochen-Ikone wurde bereits 1968 Stanley Kubricks Film „2001 Odyssee im Weltraum“, unterlegt mit Musik von Richard Strauss, Johann Strauß und György Ligeti.

          Die russische Antwort ließ nicht auf sich warten: „Solaris“ von Andrei Tarkowski - mit Bachs Orgel-Choral „Ich ruf zu Dir, Herr Jesu Christ“ als hochsymbolischer Kombination von Glaubenssehnsucht und zumindest imaginierter Rückkehr zur Erde. Kubricks technizistischer Galaxien-Kälte wurde Bachs f-Moll als humaner Passions-Leitklang entgegengesetzt. Von Lem-Tarkowskis grüblerischem Kosmonauten-Seelengeflecht sind jedoch in Steven Soderberghs „Solaris“ mit George Clooney in erster Linie die erotischen Szenen zwischen dem Wissenschaftler Kelvin und seiner Frau Harey, die vor vierzehn Jahren Selbstmord begangen hatte, nun aber in der Raumstation leibhaftig mit ihm kommuniziert, übrig geblieben.

          Ebendiese Verbindung von intergalaktisch-technischer Horrorvision und metaphysischer Frage nach dem „Menschen“ hat nun, nach dem Komponisten Michael Obst, auch Detlev Glanert fasziniert, dessen Oper „Solaris“ bei den Bregenzer Festspielen uraufgeführt wurde, in Koproduktion mit Berlins Komischer Oper. Glanert ist Henze-Schüler, sein Faible für Literatur-Opern auf Fantasy-Sujets (etwa „Der Spiegel des großen Kaisers“ und „Das Holzschiff„) hat ihn schon lange auf „Solaris“ fixiert; wobei die Film-Vorbilder anscheinend keine sonderliche Rolle spielten, eher der Roman im Zentrum blieb. Ein halbes Jahrhundert alt, nicht frei von Patina, nötigt die Umwandlung ins Libretto zur Reduktion des futuristisch-philosophischen Motivgeflechts auf eine halbwegs realistische Handlung.

          So gerät der Psycho-Physiker Kelvin bei seiner Ankunft in der Raumstation auf dem geheimnisvollen Planeten Solaris in ein intergalaktisch-irdisches Beziehungs-Dramolett. Doch die Station ist völlig verrottet, das übriggebliebene Personal ein Freak-Ensemble: ein sadistischer Experiment-Direktor nach Art des „Wozzeck„-Doktors, ein zynischer Alkoholiker, von der Übermutter drangsaliert, eine atavistische „Negerin“, ein destruktiver „Zwerg“ - und als quasi „hohes Paar“ Kelvin und seine Phantom-Geliebte. Diese Eingeschlossenen im Kosmos lassen an Sartre, Bunuel, ja den „Gott des Gemetzels“ denken: die Hölle liegt im All, hier quält jeder jeden.

          Moralische Kollateral-Fragen

          Die phantastischen Interaktionen zwischen Kelvins Gehirn und dem gefährlichen Solaris-„Bewusstsein“ bleiben eher Behauptungen, zumal sie szenisch nur begrenzt darstellbar sind. Hinzu kommt, dass Reinhard Palms Text recht papieren und banal ist; vor allem im zweiten Teil ergeben sich Alltags-Tiraden, die noch nicht einmal ins comichafte überdreht werden und über matt-böse Beziehungskisteleien nicht hinaus kommen.

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