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Bayreuth Der Nimbus muss immer heller strahlen

21.07.2010 ·  Man soll hier das Außerordentliche erleben: Am kommenden Wochendende beginnen die Richard-Wagner Festspiele auf dem Grünen Hügel. Hier lesen Sie, worauf man sich in Bayreuth freuen können sollte.

Von Holger Noltze
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Ein paar Tage noch, und wie alle Jahre am 25. Juli ist Wagner-Tag. Egal ob Sonntag, Montag oder Mittwoch, für Wagnerfreunde ist dies immer ein Sonn- und Feiertag, die Eröffnung der Festspiele in Bayreuth – um 16 Uhr geht es los. Aber los geht es tatsächlich schon vorher, mit der Auffahrt der Premierengäste auf den Grünen Hügel, vorbei an den Breker-Büsten von Richard und Cosima, die da rechts und links ein bisschen versteckt stehen. Richards Bronzekopf sieht aber aus, als hätte Breker nicht den großen Musikdramatiker, sondern die Grünen-Politikerin Renate Künast porträtiert. Ob ihr die Ähnlichkeit, sollte sie dieses Jahr kommen, selbst auffällt? Dass um 16 Uhr alle am Platz sind und es wirklich pünktlich beginnt, gehört zu den Bayreuther Dispositionswundern; dieses jedenfalls ist lange geübt. Das Volk von Bayreuth steht hinter weißroten Absperrgittern, es demonstriert aber nicht (ein paar Demonstranten gibt es immer, aber die müssen ihr Protestgeschäft am Fuße des Hügels erledigen). Oben also demonstriert das Volk vor allem fein dosierte Zustimmung – den stärksten Applaus bekommen meist Thomas Gottschalk und Hans Dietrich Genscher.

Dieses Jahr wird nun das erste sein ohne Wolfgang Wagner; das erste, das die Halbschwestern Eva und Katharina allein verantworten müssen, ganz ohne den Rat des Alten – es ist ein bisschen wie Suhrkamp nach Unseld: Weiß wer, wie das wird? An diesem 25. Juli jedenfalls werden die Festspiele wieder die Aufmerksamkeit der Medienwelt haben, und man muss dafür recht wenig tun. Es muss nicht neu oder anders sein, weil in diesem einen Fall nicht das Neue die Nachricht ist, sondern die Einhaltung der Liturgien des Allbekannten. Der rote Teppich, die Schwestern am Königsportal, die Bundeskanzlerin. Dazu womöglich ein Interview mit der kritischen Nichte Nike, etwa im „Nordbayerischen Kurier“. Ein paar Unentwegte des Klatsch-und-Tratsch-Geschäfts werden ihr Glück versuchen, um der Welt eine weitere Folge der erfolgreichsten Seifenoper des internationalen Kulturbetriebs zu verkaufen. Unschwer vorherzusagen, dass es jetzt zu ermitteln gilt, wie es um die Harmonie der so ungleichen Wagner-Schwestern steht.

Ein Ereignis, das außerhalb der Routinen stattfindet

Aber soll uns das noch interessieren? Hinter den kurzzeitigen Erregungen des Tages – zuletzt über die Sitzordnung bei der Trauerfeier für den verstorbenen Patriarchen – wird eine gewisse Erschöpfung spürbar. Hier dabei und auf dem Laufenden zu sein ist längst nicht mehr alles. Doch zugleich wächst das Bedürfnis, ja die Sehnsucht danach, im Meer der Überreizung an einem Ereignis teilzuhaben, das außerhalb der Routinen stattfindet; das nicht flüchtig ist, weil es eine Erinnerung hervorbringt – etwas, das bleibt. Im Karussell der überall gefragten Namen von Regisseuren, Sängern, Dirigenten wird Einmaligkeit zum kostbarsten Gut: das wirkliche und nicht nur behauptete Ereignis.

Ereignis – auf Englisch wird ein Marketing-Begriff daraus, zugleich ein Kampfbegriff der kulturkritischen Debatte: Event. Die Diskussion um die „Eventisierung“ des Kulturbetriebs kann eine historische Facette gewinnen, indem an einen entschiedenen Kritiker des Kulturbetriebs seiner Zeit erinnert wird, der zugleich als Erfinder des neuzeitlichen Festspielwesens gelten kann: „An einem eigens dazu bestimmten Feste gedenke ich dereinst im Laufe dreier Tage mit einem Vorabende jene drei Dramen nebst dem Vorspiele aufzuführen“, schrieb Richard Wagner 1851 in der „Mitteilung an meine Freunde“ aus dem Zürcher Exil über sein „Ring“-Projekt. Er wusste, was er wollte: Im Jahr zuvor war Wagner in einem Brief an den Freund Ernst Benedikt Kietz noch deutlicher gewesen. Darin träumte er von „10 000 Thalern“: „Dann würde ich nach meinem Plane aus Brettern ein Theater errichten lassen, die geeignetsten Sänger dazu mir kommen und alles Nötige für diesen einen besonderen Fall mir so herstellen lassen, dass ich einer vortrefflichen Aufführung der Oper gewiss sein könnte. Dann würde ich – natürlich gratis – drei Vorstellungen in einer Woche hintereinander geben, worauf dann das Theater abgebrochen wird und die Sache ihr Ende hat.“

In Bayreuth soll man das Außerordentliche erleben

Ein Vierteljahrhundert später wird unser Opernrevolutionär in einem oberfränkischen Städtchen ein Theater nur für seine Musikdramen eröffnen, finanziert von einem königlichen Anhänger. Beileibe keine Bretterbude – sie wurde bis heute nicht abgerissen –, und auch der Eintritt war und ist nicht gratis. Warum auch? Die Bayreuther Festspiele sind die nachhaltig erfolgreichste Materialisierung eines Künstlertraums: nämlich außerordentliche Kunst als Ergebnis von außerordentlichen Umständen, Begabungen und Anstrengungen hervorzubringen. Der Erfolg gründet darin, dass damit auch ein Bedürfnis des Publikums angesprochen war. Und auch dies hatte der Event-Manager Wagner genau geplant: „Im vollen Sommer wäre für jeden dieser Besuch zugleich mit einem erfrischenden Ausfluge verbunden, auf welchem er, mit Recht, zunächst sich von den Sorgen seiner Alltagsgeschäfte zu zerstreuen suchen soll.“

Erstaunlich präzise ist damit eine Bestimmung von Festspielen gegeben, die doch sehr zeitgemäß erscheint: „Da, wo er“ – der Besucher – „sonst mit ermüdetem Hirn, zerstreuungssüchtig angelangt, neue Anspannung, und somit schmerzliche Überspannung finden musste, wird er jetzt zu dem wohltätigen Gefühle der leichten Tätigkeit eines bisher ungekannten Auffassungsvermögens gelangen, welches ihn mit neuer Wärme erfüllt und ihm das Licht entzündet, in welchem er deutlich Dinge gewahrt, von denen er zuvor keine Ahnung hatte“. So Wagner, im Vorwort zur „Ring“-Dichtung, schon 1862.

Goldene Worte. Bayreuth ist der exemplarische Fall von Festspiel als Gegenteil von Routine. Man soll hier das Außerordentliche erleben. Es ist auch ein Sonderfall, weil hier eine Authentifizierung durch besonders starke Beglaubigungsfaktoren wirkt: die Aufführungen finden statt in Wagners Originaltheater und unter der Intendanz leibhaftiger Nachfahren, jetzt gleich zweier seiner Ur-Enkelinnen. Bayreuth ist ein Wunder, nicht wiederholbar. Doch umgekehrt stehen die Ur-Festspiele heute unter einem Anpassungsdruck an einen „Betrieb“, dessen Ausnahme, Einspruch, ja Gegenteil sie eigentlich sein sollten.

Plus an Nimbus, Minus an Gage

Nichts gegen „Public Viewing“ und „Merchandising“. Gemessen an der übertriebenen Zurückhaltung der Wagner-Festspiele in der Vergangenheit, sind das eher Nachholmaßnahmen. Auch die verspätete Einladung an Hans Neuenfels, der den Aufführungsreigen in diesem Jahr mit einem neuen „Lohengrin“ eröffnet, gehört dazu. Wie der junge Andris Nelsons die silberblauen Wunderklänge des Vorspiels in den unerhörtesten Resonanzraum der Musikgeschichte zaubern wird, ist allerdings wohl die spannendere Frage als die nach Neuenfels Sicht auf den Schwanenritter, die man so früher oder später wahrscheinlich auch anderswo sehen würde. Das Bayreuth-Debüt des Ausnahmetenors Jonas Kaufmann wird bestimmt „mit Spannung erwartet“, sein zart-inniger „Lohengrin“ war aber schon in München zu hören. Wer darüber die Nase rümpft, verkennt die realen Verhältnisse des Marktes und dass auch Bayreuth längst dessen Bedingungen unterliegt.

Auf dem Grünen Hügel sind schon lange nicht mehr die weltbesten und „geeignetsten“ Sänger zu hören, was vor allem damit zu tun, dass das Plus an Nimbus, das Auftritte auf dem Grünen Hügel verheißen, das Minus an Gage nicht mehr ausgleichen kann: Es ist hier durchaus weniger zu verdienen. Auch die Bereitschaft der geeignetsten Orchestermusiker, ihren Sommerurlaub im Bayreuther Graben zu verbringen, scheint zu schwinden. Nach dem Tod des Prinzipals Wolfgang, dem viele sich noch persönlich verpflichtet fühlten, könnte sich diese Tendenz verschärfen. Eva und Katharina Wagner werden auf solche schwindende Bindungskraft reagieren müssen. Wie aber die Einmaligkeit der kühnsten aller Festspiele erhalten, wenn die Marktkräfte der Globalisierung und des Mainstream mächtig dagegenstehen?

Mittelmäßigkeit kann gar nichts retten

Wer nach wie vor jeden Platz zehnfach verkaufen könnte, muss sich um „Quoten“ nicht kümmern. Eben das aber eröffnet einen heutzutage unerhörten Spielraum für Kunst – von dem sich selbst in Salzburg nur träumen lässt. Zu wünschen wäre, dass die neuen Festspielleiterinnen ihre Erneuerungsarbeit nicht für erledigt hielten, wenn sich Tausende mit Wagner-T-Shirts vor Großbildwänden versammeln oder „Lohengrin“ per Livestream im Netz verfolgen – das können andere auch. Bayreuth steht nicht jenseits des Marktes; aber es könnte künstlerisch mehr riskieren.

Es ist eine Frage der Haltung. Bayreuth ist ein Wunder, und der Weg in ein neues Neu-Bayreuth sollte sich an den bisweilen hellsichtigen Schriften des Ahnen inspirieren: „Kind! Dieser Tristan wird was Furchtbares!“, schreibt Wagner im April 1859 an seine Muse Mathilde Wesendonck. „Ich fürchte die Oper wird verboten – falls durch schlechte Aufführung nicht das Ganze parodiert wird: Nur mittelmäßige Aufführungen können mich retten! Vollständig gute müssen die Leute verrückt machen ... “ Das könnte es, und Bayreuth wäre der beste Ort dafür: uns ein wenig verrückt zu machen. Uns zu erzählen, wovon wir noch keine Ahnung hatten. Dies muss uns in höchstem Maße interessieren. Mittelmäßigkeit kann dagegen gar nichts retten. Wagner wusste das selbst am besten.

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