Home
http://www.faz.net/-gs4-7bsab
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, HOLGER STELTZNER

Auftakt der Bayreuther Festspiele Keiner von den Wagners da?

Die Festspiele eröffnen mit dem „Fliegenden Holländer“ aus dem vergangenen Jahr. Neu ist aber, dass der Regisseur einen kleinen untertänigen Gruß an die anwesende Bundeskanzlerin eingebaut hat.

© dpa Vergrößern Die Fahrbereiten grüßen dich? Angela Merkel muss nicht alles aus dem „Fliegenden Holländer“ auf sich beziehen. Sie hört jede Oper aber mehrmals

Im Wahlsommer hat die Kanzlerin ihr halbes Kabinett mitgebracht nach Bayreuth. Es ist brüllend heiß. Frau Merkel trägt etwas Hochgeschlossenes in Mittelblau. Frau Schröder trägt etwas Langes in Knallrot, Frau Leutheusser-Schnarrenberger etwas Meliertes mit Raffung. Smoking und Lackschuhe sind obligatorisch für Innen- , Außen-, Wirtschafts-, Gesundheits- und Verkehrsminister wie auch für den Bundespräsidenten, der erstmalig dabei ist, als Letzter kommt, am längsten winkt und sich gerne fotografieren lässt.

Eleonore Büning Folgen:  

Gauck ist, wie der „Nordbayerische Kurier“ dankbar feststellt in seinem Extrablatt - das, eine journalistische Turboleistung, druckfrisch schon viereinhalb Stunden später beim Staatsempfang verteilt wird -, derjenige, der sich am schönsten freut. Ehrliche Sorgen bereitet dagegen der Bayreuther Presse und auch dem Rest der Wagner-Welt, dass niemand verlässliche Angaben machen kann über Kleider und Frisuren von Eva Wagner-Pasquier und Katharina Wagner.

Ausgerechnet im Jubeljahr, zum zweihundertsten Geburtstag ihres Urgroßvaters, zeigten sich die festspielleitenden Schwestern nicht winkend an der Seite der politischen Gäste in der Öffentlichkeit. „Von den Wagners ist wohl heute keiner da!?“, ruft ein Fotograf an der Absperrung enttäuscht, als sich die Türen zum Festspielhaus schließen und die Vorstellung beginnt. Man sollte ihn nicht auslachen. Hatte nicht Katharina noch am Morgen im „Kurier“-Interview verkündet: „Wir sind da, wenn wir gebraucht werden“? Wann und wo, wenn nicht hier und heute, werden die beiden gebraucht?

Hier sind die Regierenden Stammgäste

Eine Hauptaufgabe der Festspielleitung in Bayreuth besteht zweifellos darin, die Finanzierung dieses nur fünfwöchigen, auf nur einen einzigen Komponisten spezialisierten Sommerfestivals zu sichern. Sie ist deshalb ebenso dringend angewiesen auf das Wohlwollen der steuerzahlenden Öffentlichkeit, wie sie den Zuspruch der Politiker benötigt, die den Löwenanteil des Festspieletats bestreiten, teils aus dem Säckel des Bundes, teils aus dem des Freistaats Bayern. Diese Kausalität ist leicht zu begreifen, Lächeln oder Winken sind ja ebenfalls keine allzu komplexen Arbeitsvorgänge. Schwieriger ist zu erklären, was die Politiker jedes Jahr wieder am 25. Juli in die oberfränkische Provinz führt.

Die Kontinuität der Anwesenheit deutscher Regierender auf dem roten Teppich in Bayreuth reicht von Kaiser Wilhelm I. über Hitler, Lübke, Scheel und Brandt bis hin zu Gauck und Merkel. Es handelt sich um ein Phänomen, dessen Rätselhaftigkeit die Historiker schon länger beschäftigt. Ist dies nun eine Win-win-Situation? Und was wird dabei gewonnen? Liebe zur Musik kann es jedenfalls kaum sein. Adolf Hitler beispielsweise liebte eigentlich nur den „Rienzi“, der in Bayreuth gar nicht gespielt wird. Goebbels schätzte grundsätzlich den kraftvollen Beethoven mehr als den Neutöner Wagner mit seiner verminderten Harmonik am Rande der Tonalität.

Von Merkel weiß man, dass sie zum ersten Mal ihrem Ehemann zuliebe nach Bayreuth kam, der ein echter Kenner und Verehrer des Wagnerschen Œuvres ist. Die beiden bleiben deshalb auch gerne länger vor Ort, für mehrere Aufführungen, auch wenn der rote Teppich schon wieder eingerollt ist. So gucken die Merkels sich auch vieles zwei oder dreimal an, wie es alle echten Wagnerianer tun, denen dies Musikfest am authentischen Ort ihr Allerheiligstes ist.

1 | 2 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Hänsel und Gretel in der Oper Frankfurt Auf dem Weg zur nächsten Elternversammlung

Der Regisseur als Entwicklungspsychologe: Keith Warner führt Humperdincks Hänsel und Gretel an der Oper Frankfurt vom Traumspiel in die Wirklichkeit. Sieht deshalb das Hexenhaus nun wie ein Betonbunker aus? Mehr Von Gerhard Rohde

17.10.2014, 11:23 Uhr | Feuilleton
Video-Pressekonferenz im All Astronaut Gerst sieht Explosion der Rakete nüchtern

Video-Pressekonferenz auf der Internationalen Raumstation ISS: Astronaut Alexader Gerst äußert sich zur Explosion der Trägerrakete. Er glaubt, dass die Menschen nicht mehr weit davon entfernt sind, auch für längere Zeit ins Weltall zu fliegen. Mehr

30.10.2014, 16:43 Uhr | Gesellschaft
Katharina Grosse in Düsseldorf Wo die Besucher im Bild spazieren gehen

In diesem Museum darf man die Kunst anfassen: Die Malerin Katharina Grosse stellt in Düsseldorf aus. Ihre Bilder entspringen nicht nur der eigenen Spraydose, sondern sind auch Produkte des Zufalls und der Zerstörung. Mehr Von Noemi Smolik

29.10.2014, 16:36 Uhr | Feuilleton
Nach Streik Lufhansa fliegt erstmal wieder

Nach dem Ende des Pilotenstreiks bei der Lufthansa will die Fluggesellschaft wieder fast alle Verbindungen anbieten. Das könnte sich aber bald wieder ändern, denn die Pilotengewerkschaft Vereinigung Cockpit hatte weitere Arbeitsniederlegungen noch in dieser Woche nicht ausgeschlossen. Mehr

22.10.2014, 12:26 Uhr | Wirtschaft
FernsehfilmMomentversagen im Ersten Ein Mann, drei Frauen, ein Albtraum

Das Drama entwickelt sich in den Köpfen der Figuren und ist am Ende doch kein Psycho-Thriller, wie angekündigt: Der Fernsehfilm Momentversagen im Ersten steht im Zeichen des Kontrollverlusts. Mehr Von Ursula Scheer

21.10.2014, 17:21 Uhr | Feuilleton
   Permalink
 Permalink

Veröffentlicht: 26.07.2013, 17:14 Uhr

Warhol mit Zeitungsbeilage

Von Patrick Bahners

Wie kann man Leser noch schockieren, die man an optische Sensationen gewöhnt hat? Mit der Mittwochsausgabe dieser Woche gelang der „New York Times“ das Kunststück: Die Zeitung wurde in eine Anzeige verpackt. Mehr