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Veröffentlicht: 08.08.2017, 12:29 Uhr

Anna Netrebko in Salzburg Trifft sie das hohe C?

Die Salzburger Festspiele waren von Kopf bis Fuß auf Anna Netrebko eingestellt. Die Star-Sopranistin sang Verdis „Aida“. Würde sie die ins Unendliche gesteigerten Erwartungen erfüllen?

von Jürgen Kesting, Salzburg
© AFP „Kontrollierte Intensität“: Anna Netrebko in Verdis „Aida“.

„Und jetzt, wieviel Pomp für eine Oper!!! Journalisten, Solisten, Choristen, Direktoren, Professoren usw. usw. Alle müssen sie ihre Steine zum Gebäude der Reklame tragen und damit einen Rahmen aus elenden Nichtigkeiten formen, die das Verdienst einer Oper nicht im Geringsten mehren, sondern ihren wahren Wert, falls sie den hat, sogar vermindern.“

Diese Befürchtungen Giuseppe Verdis, ausgesprochen dreizehn Tage vor der Uraufführung von „Aida“ im Opernhaus von Kairo, waren in die Zukunft gesprochen, hinein in das Netrebko-trunkene Salzburg. Der Tempel der Reklame, der vor der Salzburger Festspielaufführung – inszeniert von der iranischen Künstlerin und Filmemacherin Shirin Neshat, dirigiert von Riccardo Muti – errichtet worden war, türmte sich höher als die Pyramiden von Gizeh. Und noch höher türmten sich die Erwartungen, die sich auf die Sängerin der Titelpartie richteten. Es ist eine Risikopartie – wegen eines einzigen Tons: des hohen C in der Arie „Qui Radamès verrà“, das die nur delikat begleitete Stimme pianissimo und dolce singen soll, das aber so laut-schmerzlich klingen muss wie ein Schrei der Seele. Primadonnen wie die legendäre Rosa Ponselle und Renata Tebaldi haben die Partie aufgegeben, nachdem ihnen der Ton entglitten war. Anna Netrebko verschenkte an uns das reine Glück des Gelingens, und nicht nur wegen des einen Tons.

47911043 © dpa Vergrößern Anna Netrebko ((links) und Ekaterina Semenchuk in Salzburg.

Das glamouröse Spektakel blieb gänzlich aus. Als Riccardo Muti die Aufführung von Verdis „schönster Oper“ (so der Komponist Dieter Schnebel) angetragen wurde, hatte er ironisch eine Bedingung gestellt: keine Pyramiden und Elefanten auf der Bühne, und ergänzt: „Wir müssen uns darauf einigen, dass ,Aida‘ Kammermusik ist.“ Dass er die Schönheit dieser Partitur vom Vorspiel mit seinen zart aufgefächerten Violinen bis zur verklärten Grabszene entfalten kann, verdankt er der Zurückhaltung der Regie. Regie? Jedenfalls keine Regie, die nach heiter-bös-politischen Subtexten sucht wie einst Hans Neuenfels in Frankfurt. Hier gibt es keine Verfremdung, keine Dekonstruktion, keine Entstellung der Figuren zur Kenntlichkeit wie bei Peter Konwitschny, der in Graz während des Triumphmarsches den König und den Oberpriester Ramfis in ihren Palasträumen beim Besäufnis zeigte.

Bei Shirin Neshat treten in den sieben Bildern der von Christian Schmidt gebauten Bühne, in deren Mittelpunkt ein variabel als Tribüne, Gerichtssaal und Grabkammer verwendeter Kubus steht, weniger Charaktere denn Typen auf, die sogar dramatische Dialoge oft über eine Entfernung von zehn, zwanzig Metern führen und meist an der Rampe singen.

47900518 © AFP Vergrößern Aida auf den Stufen: Anna Netrebko.

Sie alle sind uniformiert: Aida trägt durchgängig ein blaugraues, weit wallendes Kleid, Amneris lange Abendroben, deren Farben – Gelb für Neid, Rot für Liebe und Hass, Grün für Hoffnung und Weiß für das Flehen um Gnade für Radamès – sich von Akt zu Akt ändern. Selbst für die letzten zehn Minuten des „O terra, addio“-Duetts aus dem Dunkel der Grabkammer hat sie ein neues Kleid im Schwarz der Trauer angezogen. Ramfis und die Kaste der Priester sind bärtige Mullahs in langen Gewändern mit Turban. Die in den erlesen schön stilisierten Bildern singenden Figuren werden nicht durch dramatische Gestik individualisiert, sondern nur in der sängerischen Aktion. Man mochte sich an den Rat halten, den Richard Wagner dem jungen Friedrich Nietzsche vor der ersten Bayreuther Aufführung erteilte: „Nehmen Sie die Brille ab, Sie sollen die Musik nur hören.“

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