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Festival in Aix Klangsauce an Herzmenu

 ·  Das Festival d’Aix startet neu mit Mozart, Charpentier und George Benjamin. Während Brunels Figaro von Heute nur wenig inspiriert, überzeugen letztere als energetisch und modern.

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© AFP/Boris Horvath Mörderische Eheschlachten par excellence: In „Written on Skin“ kämpfen dominierender Mann (Christopher Purves) und sensibler Kümmerer (Bejun Mehta) um emanzipierte Frau

Zwei Jahre nach dem Krieg, Ende 1947, entdeckten vier gutgekleidete Herren im säkularisierten Erzbischöflichen Palast zu Aix-en-Provence einen zauberhaften Innenhof. Hier sollte man, fanden sie, eine Mozartoper aufführen, unterm nächtlichen Sternenhimmel. Gedacht, gesagt, getan - schon im nächsten Jahr war es so weit. Eine kleine Bühne schräg übers Eck gezogen, ein provisorischer Vorhang: das war die Szenerie für „Cosí fan tutte“. Und der Dirigent Hans Rosbaud, einer der vier Gründer des neuen „Festival International d’Art Lyrique et de Musique Aix-en-Provence“, prägte in der Folgezeit bis 1958 den „style mozartien d’Aix“ mit jener leicht kühlen Spiritualität, bei äußerster Notentexttreue, aufgeladen mit dramatischer Energie.

Mit Rosbaud kam aber auch die Moderne nach Aix, die „Klassiker“ Strawinski, Webern, Schönberg ebenso wie die Avantgardisten: Stockhausen, Boulez, Pousseur. Und natürlich wurde Darius Milhaud aufgeführt, Sohn der Stadt, um später dann, und zwar bis heute, sträflich vernachlässigt zu werden vom Festival. Auch sein Sinfonieorchester des Südwestfunks Baden-Baden, dessen Chefdirigent er war, brachte Rosbaud mit nach Aix, als Botschafter eines anderen, besseren Deutschland. Heute muss ebendieses Orchester um seine Existenz fürchten - viel hat sich seither verändert im „Kulturland Deutschland“.

„Figaro“ in Umdekorierung

Die weitere Geschichte des Festival d’Aix verlief wechselhaft, je nach wechselnden Intendanzen. Große Sänger kamen und verliehen dem Festspiel stimmlichen Glanz, und die neue Musik trat mehr und mehr dahinter zurück. Auf die Idee, Wagners „Ring“ in Aix aufzuführen, kam Intendant Stéphane Lissner, er holte dazu die Berliner Philharmoniker mit Simon Rattle ins Boot, eine Koproduktion mit den Salzburger Osterfestspielen. Das Unternehmen blockierte das Aixoiser Festspielprogramm vier Sommer lang. Es brachte künstlerisch nichts ein, wurde aber, da Lissner vorzeitig zur Mailänder Scala entschwand, zu einem Danaer-Geschenk für dessen Nachfolger Bernard Foccroulle. Der machte gelassene Miene zum öden Spiel, plante aber unterdessen für eine neue Aixoiser Zukunft, unter Rückbesinnung auf die Aixoiser Tradition und die drei tragenden Programmsäulen: Mozart, Barockes, Neues. Gleich fünf Produktionen stehen 2012 auf dem Plan, einen weiten Spannungsbogen umschreibend: Mozarts „Le Nozze di Figaro“ und „La finta gardinera“, Marc-Antoine Charpentiers „David et Jonathas“, Maurice Ravels „L’enfant et les sortilèges“ sowie, zum Auftakt und als Uraufführung, George Benjamins erste abendfüllende Oper „Written on Skin“.

Die neue „Figaro“-Inszenierung in der Regie von Richard Brunel (Bühnenbild: Chantal Thomàs) beschränkte sich leider nur aufs Umdekorieren: ein Figaro von Heute, mit Aktenordnern für die gräfliche Schlossverwaltung und so fort. Keine plastische Personenzeichnung, viel Sängerroutine und ein enttäuschend flaches Orchesterprofil: Le Cercle de l’Harmonie, seltsam uninspiriert dirigiert von Jéremie Rhorer. Das Gegenbild dazu lieferte Marc-Antoine Charpentiers Tragédie en musique „David et Jonathas“.

Ein großer Abend bei Saul und David

Die biblische Geschichte von Saul und David regte immer wieder neu die Phantasie der Künstler an, im Barock diente sie der Darstellung aktueller Machtstrukturen: Darf ein Herrscher (König Saul alias Ludwig XIV.) sich gegen Gott (oder vielmehr: Papst Innozenz XI.) stellen? Bezeichnenderweise wurde Charpentiers Werk erstmals in einem Jesuitenkolleg aufgeführt, gleichsam als Lehrstück für angehende Führungseliten, und ein gewisser didaktischer Zug ist dem fünfaktigen Libretto des Père François de Paule Bretonneau durchaus anzumerken. Doch finden sich dazwischen immer wieder hochtheatralische Augenblicke, denen Charpentiers Musik zu entsprechend opern-theatralischer Wirkung verhilft.

König Sauls heftige Ausbrüche gegen David und den eigenen Sohn Jonathan, sein wilder Zweifel an Gottes Beistand im Kampf gegen die Philister besitzen expressive Wucht. Die zärtliche Zuneigung zwischen David und Jonathan wird mit feinen Klanggesten und ausdrucksvollen Gesangslinien beschrieben. Die Sänger Pascal Charbonneau (David) und Ana Quintans (Sopran als Jonathas) zeichnen die Figuren eindringlich plastisch nach, auch Neal Davies hat die nötige Durchschlagsenergie für die Partie des Saul. Der Dirigent William Christie und sein Ensemble „Les Arts Florissants“ glänzten mit sorgfältiger Ausformung der Notentexte, artikulatorischer Beredtheit, zupackend dramatischem Gestus - alles superb: Das Aixer Festival erlebte einen sogenannten großen Abend.

Endlich wieder einmal modern

Folgte die Uraufführung: In Benjamins „Written on Skin“ geht es um eine wild-wüste Geschichte aus dem frühen dreizehnten Jahrhundert, überliefert von einem Troubadour namens Guillem de Cabestany und von Martin Crimp in ein dreiaktiges Libretto mit fünfzehn Szenen gefasst. Manchmal gewinnt man während der Aufführung den Eindruck, Librettist und Komponist hätten aus der Gesualdo-Geschichte, aus der „Lady Macbeth“ von Schostakowitsch, aus Debussys „Pelléas et Mélisande“ und Puccinis „Il Tabarro“ eine neue Story gefiltert, der sie einen altertümlichen Anstrich verpassten. Die Personen der Handlung: Ein reicher Protektor, dessen unterwürfige Frau und ein junger Buchmaler. Der soll ein Porträt des Protektors auf „Seiten aus Haut“ (damals üblich) schreiben und zeichnen. Zwischen dem Maler und der Frau entsteht alsbald eine zärtliche, schließlich intensive Beziehung. Der Protektor tötet den Maler, er setzt seiner Frau dessen Herz als Mahlzeit vor, um ihren Willen zu brechen. Sie aber befreit sich, mit den Worten: nie werde sie den „Geschmack des Jungenherzens aus ihrem Mund löschen“. Dem tödlichen Messerstich des Gatten entzieht sie sich durch einen Sprung vom Balkon, wie Floria Tosca.

Die britische Regisseurin Katie Mitchell inszenierte diese Schreckensmär mit kühlem Blick, sehr präzis, fast distanziert. Sie sieht, wie auch die Autoren, das Aktuelle in dieser Dreiecksgeschichte, mörderischen Eheschlachten mit dominierendem Mann, emanzipierter Frau und sensiblem Kümmerer toben bis heute. Der Komponist George Benjamin steuert eine fein ausgehörte, in den Instrumentalfarben delikat abgeschmeckte Klang-Sauce zum Herz-Menue bei. Er selbst dirigierte das Mahler Chamber Orchestra, und Christope Purves als Protektor, Barbara Hannigan als Frau und Bejun Mehta als „The Boy“ ließen sich mit bewundernswerter Intensität auf diese Novität ein. So war das Festival d’Aix endlich wieder einmal auch: Modern.

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