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Festival in Aix-en-Provence Komm mit aufs große Fest des Verführers

13.07.2010 ·  Das Festival in Aix-en-Provence besinnt sich endlich wieder auf seine großen Traditionen und stellt Mozart und die Moderne in den Mittelpunkt. Nur die Regisseure spielen noch nicht richtig mit.

Von Gerhard Rohde
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Don Giovanni ist unsterblich - seit 1949 lebt er in Aix-en-Provence. Er wohnt in einem der vornehmen Stadtpalais im barocken Mazarin-Viertel. Hohe Mauern umschließen das Haus und einen kleinen Park. Nur eine Platane ragt mit ihrer Krone über die Ummauerung. Don Giovanni verlässt seinen Palast nur, wenn zur Festspielzeit Mozarts gleichnamige Oper auf dem Spielplan steht. Dann eilt er verkleidet rasch zum Théâtre de l'Archevêché, das der Pariser Architekt und Bühnenmaler A. M. Cassandre damals zur Eröffnung des Festival International d'Aix-en-Provence 1949 in den Innenhof des ehemaligen erzbischöflichen Palais im wahrsten Sinne „hineinzauberte“.

Damals brauchte Don Giovanni sein Kostüm nicht zu wechseln. Sein alltägliches Barockgewand passte genau in die barocke Szenerie, die Cassandre für Mozarts Oper entwarf. Mehr als zwei Jahrzehnte lang stand die Aufführung auf dem Festspielprogramm. Und manche Besucher, die nach einer „Don Giovanni“- Vorstellung bei Mondenschein noch durchs nächtliche Mazarin-Quartier spazierten, glaubten plötzlich die drei Masken zu erblicken - auf dem Weg zu Don Giovannis großem Fest. Die Phantasie verwandelte das Theater in Wirklichkeit. Aix entfaltete in solchen Augenblicken einen fast magischen Zauber.

Tradition verpflichtet

Davon ist heutzutage kaum noch etwas zu spüren. Don Giovanni tritt zwar noch auf, aber er kann nicht mehr er selbst sein; vielmehr muss er sich den jeweiligen Konzepten eines modernen Regisseurs unterordnen. Wie in diesem Jahr. Nachdem das Aixer Festival die vier Jahre währende organisatorische und ökonomische Belastung durch die künstlerisch letztlich überflüssige „Ring“-Inszenierung im neuen Großen Festspielhaus hinter sich gebracht hat (als Koproduktion mit den Salzburger Osterfestspielen), konnte Bernard Foccroulle in seinem dritten Jahr als neuer Festspielleiter endlich das Programm frei gestalten.

Foccroulle, ein gebildeter, höflicher Künstler-Intendant (er ist ein bekannter Organist und stand viele Jahre der Brüsseler Oper vor), möchte das Festival wieder auf seine Ursprünge verpflichten: Mozart im Zentrum der Oper, dazu Barockes und Modernes, wie zu Zeiten der Festival-gründer, zu denen der Dirigent Hans Rosbaud gehörte, der sein Südwestfunk-Sinfonieorchester für die Moderne nach Aix mitbrachte. Dass Foccroulle sich für sein Entree einen neuen „Don Giovanni“ wünschte, war selbstverständlich: Tradition verpflichtet. Und natürlich wird der „Neue“ in schneller gewordenen Zeiten nicht wieder zwei Jahrzehnte den Spielplan zieren. Das Teatro Real Madrid und die Canadian Opera Company Toronto warten als Mitproduzenten auf die Inszenierung des russischen Regie-Shootingstars Dmitri Tcherniakov, der auch für Raumgestaltung und Kostüme (mit Elena Zaytseva) verantwortlich zeichnet.

Sie küssen und sie schlagen sich

Unser Aixer Don Giovanni muss, wie schon vorher bei einigen anderen Regisseuren, bei Tcherniakov umlernen. Er findet sich in einem großbürgerlichen Herrenzimmer mit hohen Bücherregalen, teuren Teppichen und einem wuchtigen Konferenztisch inmitten einer bürgerlichen Familie wieder. Alles, was nach der stummen Familiensitzung zu Beginn und nach der Ouvertüre als „Handlung“ angeboten wird, folgt der Dramaturgie einer modernen familiären Zimmerschlacht: Sie küssen und sie schlagen sich, den Commendatore trifft ein tödlicher Faustschlag, und unablässig rollt dumpf polternd ein schwarzer, schwerer Portalvorhang auf und nieder, auf dem die jeweils vergangene Zeit zwischen den einzelnen Szenen notiert ist. Tcherniakovs „Don Giovanni“ spielt nämlich nicht in einer einzigen Nacht, sondern erstreckt sich über mehrere Wochen - mit dem Ergebnis, dass auch die Musik immer wieder längere Unterbrechungen erfährt.

Louis Langrée und das Freiburger Barockorchester können sich auf diese Weise kaum dramaturgisch zwingend entfalten. Und die Sänger darf man für ihren exzessiven körperlichen Einsatz bewundern - und auch dafür, dass sie quasi nebenbei auch noch halbwegs akzeptabel singen: Bo Skovhus als Don Giovanni, einem Desperado aus einem Western ähnlicher als der tradierten Figur; Marlis Petersen mit klarem, festem Ton als Donna Anna; Kristine Opolais als Elvira. Am Ende trifft den wild herumhopsenden Verführer vor lauter Angst der Herzschlag, wenn plötzlich wieder der Commendatore als Kopie mit angeklebtem Bart auftritt: Da befindet man sich endgültig im Komödienstadl. Aix sollte vielleicht einmal auf den eigenen „Don Giovanni“-Anfang zurückgreifen: als perfektionierte Rekonstruktion. Die ständigen Verbürgerlichungen der Oper führen letztendlich nur zu Verkleinerungen der Figuren und - was schlimmer ist - auch der Musik.

Durch den Gesang der Nachtigall geheilt

Das Gleiche gilt in gewisser Weise für die zweite Produktion des Festivals, für Glucks „Alceste“, die der Regisseur Christof Loy ebenfalls im Stil eines Familienstücks präsentiert. Die inneren Formate des Opferzeremoniells wirken verkleinert, auch wenn Véronique Gens der zum Tode bereiten Alceste vokal wunderbaren Ausdruck verleiht. Wie verwandelt aber klingt bei diesem Gluck das Freiburger Barockorchester unter Ivor Boltons befeuernder Leitung: Es wird klangvoll, farbreich, beredt in der Gestik musiziert.

Das Aixer Festival wartet zwischen ernsten Auftritten immer gern mit Verzauberungen auf. Diesmal hieß der Zauber „Le Rossignol“, von Igor Strawinsky nach Andersens Märchen 1914 komponiert. Regisseur Robert Lepage gelang ein wahres theatralisches Wunderwerk, phantasievolle Bilder von zuckenden Drachen und einem malerischen Kahn im zu einem See umfunktionierten Orchestergraben, in den fast alle Solisten mit ihren Miniatur-Doubles hineinspringen müssen. Die Geschichte vom todkranken chinesischen Kaiser, der durch den Gesang der echten Nachtigall geheilt wird, gewinnt in der farbigen Chinoiserie eine wunderbar zarte Poesie und Leichtigkeit. Und so spielt auch das Orchester der Lyoner Oper unter Kazushi Ono. Ein hinreißendes Theaterfest.

Rückkehr in die argentinische Heimat

Zur Programmtradition des Festivals gehören auch regelmäßige Uraufführungen. Der Auftrag für diese Saison ging an den argentinischen Komponisten Oscar Strasnoy, dessen Oper „Le Bal“ kürzlich an der Hamburgischen Staatsoper uraufgeführt wurde. Seine neue einstündige Kammeroper trägt den Titel „Un retour - El regreso“ und entstand auf den gleichnamigen Roman „El regreso“ des argentinischen Schriftstellers Alberto Manguel, der für den Komponisten auch das Libretto erstellte. In zwölf kurzen Szenen läuft die Geschichte eines Mannes ab, der nach dreißig Jahren wieder in seine Heimat (Argentinien) zurückkehrt. Manguel verarbeitet in seinem Roman persönliche Erfahrungen aus der Peron-Zeit. Kafkaesk-verrätselt wirken die Erlebnisse, Begegnungen und Gespräche des Heimkehrers mit Freunden, alten Bekannten, der einstigen Geliebten, die nach seiner Flucht verhaftet wurde und im Gefängnis starb. Die Atmosphäre des Unwirklichen, Unheimlichen, Bedrohlichen findet sich auch in Strasnoys Kammeroper. Die einstige Realität scheint nur mehr wie von fern durch die Poetisierung hindurch.

Strasnoys Partitur, einem Vokalensemble (Ensemble Musicatreize) und einem kleinen Instrumentalensemble anvertraut, entfaltet eine klanglich dichte, atmosphärisch starke, auch oft hart attackierende Musiksprache, deren lebendiger Gestus genau mit den szenischen Vorgängen korrespondiert. Auf der ungewöhnlichen Spielbühne des vor den Toren von Aix gelegenen Theaters Grand Saint-Jean hatte der Regisseur Thierry Thieu Niang das Werk mit innerer Anteilnahme sehr ernst und eindringlich in Szene gesetzt. Roland Hayrabadian wachte als Dirigent über den musikalischen Zusammenhalt. Strasnoys Kammeroper überzeugt durch das spürbare persönliche Engagement für Menschen, die ohne Schuld in die Mühlen einer skrupellosen Macht geraten. Das ist leider unverändert aktuell.

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