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Theaterfestival in Avignon : Endlich kommt die Schattenfrau zu Wort

  • -Aktualisiert am

Die japanische Schauspielerin Micari während der Aufführung von Satoshi Miyagis „Antigone“ im Rahmen des Festival d’Avignon. Bild: AFP

Wie reich ist diese Welt noch immer an Theater: Das Festival in Avignon bringt ein Ensemble der Weltkulturen variantenreich auf die Bühne.

          Festival in Avignon, das heißt zunächst einmal, zwanzig Theater-Flyer in den Händen zu halten, nachdem man bei fast vierzig Grad einmal die Hauptfestivalmeile, die Rue de la République, entlanggelaufen ist. Da ist eine über und über plakatierte Stadt, da sind Tausende Passanten auf dem warmen Kopfsteinpflaster, Studenten, Lehrer, Gaukler und solche, die schon seit dreißig Jahren im Juli in diese ansonsten etwas verschlafene Provinzstadt kommen. Avignon, das ist ein Volksfest mit so viel Theater, dass man davon zehren könnte für das ganze Jahr. Avignon, das bedeutet Busfahrten zu den unterschiedlichen Aufführungsorten, zu alten Klöstern, in deren Innenhöfen abends der sanfte Sommerwind der Provence weht, und Zufallsbekanntschaften, mit denen man grässlich schmeckende Käsecroutons im zufällig gewählten Bistro isst und danach trotzdem erfüllt ist von der Begegnung.

          Im Gegensatz zu anderen Festivals wie etwa dem Berliner Theatertreffen, wo fast alle Produktionen englische Übertitel haben, so dass ein internationales Publikum sie sehen kann, ist das Festival d’Avignon trotz seiner Größe ein Festival für Frankreich. Zwar werden die Stücke in Originalsprache gezeigt, die Übertitel sind aber nur auf Französisch. Die Zuschauer verströmen den alten französischen Stolz, dass man nicht an der Anglifizierung der Welt teilhaben wolle, was nicht so recht zu Emmanuel Macrons Motto „Eine französische Kultur gibt es nicht“ passen will.

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          Wer aber Französisch versteht, der kann teilhaben an einem Programm, das nicht das Prinzip elitärer Selbstbespiegelung verfolgt. Allein im Off-Bereich gibt es über tausend Veranstaltungen. Die Inszenierungen des offiziellen Teils scheinen, seit Olivier Py das Festival 2014 übernommen und das Prinzip eines programmverantwortlichen eingeladenen Künstlers über Bord geworfen hat, noch zufälliger zusammengesetzt als zuvor. In diesem Jahr hieß es, ein Schwerpunkt liege auf Produktionen aus den Ländern südlich der Sahara, was eine heftige Debatte entfachte, denn eingeladen wurden fast nur Musik- und Tanz-Produktionen. Einen ganzen Kontinent ohne seine Sprache einzuladen zeuge von einem kolonialistischen Blick, wetterte der kongolesische Regisseur Dieudonné Niangouna.

          Zwischen Langeweile und Betroffenheit

          Umso erstaunlicher war angesichts des Afrika-Schwerpunkts, dass das Festival mit einer japanisch-sprachigen „Antigone“ des Regisseurs Satoshi Miyagi eröffnete. Er hat den altehrwürdigen Papstpalast mit Wasser geflutet, um das griechische Drama zu erzählen. Fast dreißig Schauspieler waten in weißen Gewändern durch die Pfützen, die an den Acheron, den griechischen Fluss der Unterwelt, denken lassen. Eine kurze spielerische Zusammenfassung vor Aufführungsbeginn bringt die knapp zweitausend Zuschauer auf den gleichen Wissensstand und nimmt dem Drama, in dem das familiäre Prinzip Antigones, die ihren Bruder Polineikes begraben will, und das staatliche Prinzip Kreons aufeinandertreffen, bewusst seine Spannung. Seinem Prinzip, Text und Mimik einer Rolle auf zwei Darsteller aufzuteilen, bleibt Miyagi treu. In genau choreographierten, großangelegten Bildern, untermalt von Perkussionsmusik, zeigt der Regisseur mit seiner buddhistisch-japanischen Lesart, dass sich im Tod alle Widersacher auf gleicher Ebene wiederfinden. Am Ende steigt Antigone von ihrem Steinfels hinab, und ein Fährmann setzt die Seelen als Laternen auf dem ruhigen Wasser aus. Das ist alles gut durchdacht, ästhetisch stimmig, aber auch ein bisschen langweilig.

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