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Felix Mendelssohn Bartholdy Wenn Verstand den Noten Nahrung gibt

02.09.2009 ·  Fünftausend Briefe, 750 Werke: Das reiche Schaffen von Felix Mendelssohn Bartholdy ist in vielen Teilen immer noch unerforscht. Von Leipzig gehen im Jubiläumsjahr neue Impulse aus.

Von Julia Spinola
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Ein vollständiges Werkverzeichnis wünsche er sich sehnlichst, schrieb der achtundzwanzig Jahre alte Felix Mendelssohn Bartholdy seinem Verleger Simrock, nicht ohne behutsam darauf hinzuweisen, dass dieses wohl „bedenkliche Nachlässigkeiten“ zum Vorschein bringen würde. Dass die Erfüllung seines Wunsches sich noch bis ins Jahr seines 200. Geburtstages hinziehen würde, damit hätte er vielleicht bei aller Bescheidenheit dann doch nicht gerechnet. Tatsächlich bietet für diesen Skandal auch der Verweis auf Mendelssohns ungeheure Produktivität - rund 750 Werke in 26 Werkgruppen - keine Entschuldigung.

Die Geschichte antisemitischer Verleumdung und Verdrängung, die als ressentimenthafte Kehrseite der frühen internationalen Erfolge schon zu Mendelssohns Lebzeiten ihren Anfang nahm, um in der NS-Zeit ihren monströsen Höhepunkt zu erlangen, lastet schwer genug auf diesem facettenreichen Œuvre. Noch heute scheint sie nachzuwirken in dem biedermeierlich verniedlichten Bild, das vorherrschend blieb - dem kraftvoll-schöpferischen Zugriff zum Trotz, mit dem Mendelssohn den tradierten Formenkanon erweitert hat. Bedenkt man, dass auch die Edition der über fünftausend Briefe Mendelssohns erst in diesem Jahr mit dem ersten von zwölf Bänden eröffnet wurde und dass die 1959 von der Internationalen Felix-Mendelssohn-Gesellschaft in Basel ins Leben gerufene Gesamtausgabe der musikalischen Werke erst ganz allmählich in Gang kommt, seit sie 1992 von der Sächsischen Akademie der Wissenschaften übernommen wurde, möchte man sich bisweilen fragen, womit sich die ehrwürdige Editionspraxis der Musikwissenschaft all die Zeit so beschäftigt hat.

Dauerhaft gesichert ist das Haus finanziell nach wie vor nicht

Umso erfreulicher sind die Impulse, die jetzt von den mit einer Fülle an Konzerten, Uraufführungen, Neuentdeckungen, Ausstellungen und einem viertägigen wissenschaftlichen Kongress prunkenden Leipziger Mendelssohn-Festtagen ausgehen. Feierlich präsentierte man im Musiksalon des historischen Mendelssohn-Hauses endlich die knapp 700 Seiten dicke Studienausgabe des „Thematisch-systematischen Verzeichnisses der musikalischen Werke“ (MWV), herausgegeben von Ralf Wehner beim Verlag Breitkopf und Härtel. Die liebevoll rekonstruierte letzte Wohnstätte in der Goldschmidtstraße nahe dem neuen Gewandhaus, war dank des großen Einsatzes von Kurt Masur und mit Hilfe zahlreicher, zum großen Teil aus Japan, England und Frankreich stammender Spender vor dem Abriss gerettet und 1997 als Museum eröffnet worden.

Direktor Jürgen Ernst bemüht sich mit großem Engagement um ihre Belebung durch regelmäßige Konzerte, wechselnde Ausstellungen, die Schaffung eines Mendelssohnpreises und exklusive CD-Einspielungen. Im Juni ermöglichte ein Benefizkonzert mit der Geigerin Anne-Sophie Mutter, dem Pianisten André Previn und dem Cellisten Lynn Harrell den Erwerb einer wertvollen Sammlung von Erstdrucken. Dauerhaft gesichert ist das Haus finanziell nach wie vor nicht: ein Drittel des Etats von 450.000 Euro bestreitet die Stadt, der Rest muss über Besuchereinnahmen und Sponsoren gedeckt werden. Gerade hat man den neunten Ausstellungsraum eingeweiht, der ein detailgetreues Modell des alten Gewandhauses zeigt und Mendelssohns vielseitiges Wirken in Leipzig als Gewandhausdirektor, Dirigent, Komponist und Begründer des ersten Konservatoriums dokumentiert.

Mendelssohns perfektionistischer Arbeitsweise geschuldet

Vierundvierzig bislang unbekannte Lieder, die der wissenschaftliche Leiter der Gesamtausgabe, Christian Martin Schmidt, 2007 herausgebracht hat, wurden im Gewandhaus von der Sopranistin Ruth Ziesak und dem Tenor Carsten Süss erstmals aufgeführt. Dass die Stücke erst so spät entdeckt wurden, hängt mit Mendelssohns perfektionistischer Arbeitsweise zusammen und seinem großen Respekt vor der Drucklegung seiner Werke - auch dies steht quer zum gängigen Klischee einer mit leichter Hand, wenn nicht gar leichtfertig hingeworfenen Musik, der es an „Tiefe“ fehle. So hinreißend, charaktervoll und zum Teil höchst originell die in den verschiedensten Lebensphasen entstandenen Lieder auch sind, bleibt doch noch abzuwarten, ob sie das Bild des Liedkomponisten tatsächlich, wie Schmidt meint, „entscheidend verändern“ werden.

Wie intensiv der Symphoniker Mendelssohn hingegen mit der musikalischen Moderne zu korrespondieren vermag, frappierte in einem Konzert des Gewandhausorchesters unter Riccardo Chailly und mit Maurizio Pollini. In der jetzt erstmals zu hörenden, überarbeiteten Fassung von 1833/34 erklang die „Italienische Symphonie“ - so himmelstürmerisch und euphorisiert, wie Chailly sie interpretierte - frisch wie ein neues Werk. Die klanglichen Kontraste hat Mendelssohn in der Überarbeitung geschärft, die Charaktere plastischer, im Schlussatz - dem verwegenen Saltarello, der nun fast einer Opernszene glich - auch formal stringenter geformt. Die Uraufführung einer zwanzigminütigen Komposition von Georg Friedrich Haas, „Traum in des Sommers Nacht“, wirkte dagegen, in all ihren klanglich und harmonisch raffinierten Allusionen an Mendelssohns Ouvertüren zum „Sommernachtstraum“, zu „Meeresstille und glückliche Fahrt“ und „Die Hebriden“, doch ein wenig langatmig und redundant.

Zu bestimmte Gedanken, um sie in Worte zu fassen

Wie packend und unverbraucht in ihrem flammenden Ausdruck dagegen Luigi Nonos „Composizione per Orchestra n.1“, deren verschwiegene Thematik um den 1943 von den Nationalsozialisten hingerichteten tschechischen Schriftsteller und Journalisten Julius Fucík kreist. Und Beethovens viertes Klavierkonzert verwandelte sich in dem beinahe fliegenden Tempo, das Pollini und Chailly ihm angedeihen ließen, seiner irrlichternden Leichtigkeit und klanglichen Delikatesse, in den musikalischen Sommernachtstraum schlechthin.

Was Musik „ausspricht“, sagte Mendelssohn einmal, „sind mir nicht zu unbestimmte Gedanken, um sie in Worte zu fassen, sondern zu bestimmte“. Der Satz schoss einem in den Kopf während des kleinen, aber klug durchdachten musikalischen Programms um „Mendelssohns ,Lieder ohne Worte' und ihre Wirkungen“, das den Empfang im Musiksalon mit Stücken von Mendelssohn bis Heinz Holliger weit mehr als nur dekorativ umrahmte. Die Violinistin Editha Konwitschny, Enkelin des Dirigenten Franz Konwitschny und Tochter des Regisseurs Peter Konwitschny, schlug, am Flügel begleitet von Claar ter Horst, einen außergewöhnlich kühnen, ungeschminkten und doch hochnuancierten Ton an. Eine derart in jeder Geste „bestimmte“, zugleich aber äußerst zarte musikalische „Aussprache“ hört man inmitten des florierenden Hochglanzmusikbetriebs nur selten. Auch dies eine lohnende Leipziger Entdeckung.

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