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„Faust I und II“ in Salzburg : Zwei Buben wohnen, ach, in seiner Brust

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Eine Frau zwischen zwei Männern: Patrycia Ziolkowska spielt das Gretchen, Sebastian Rudolphs (links) den Faust, Philipp Hochmair den Mephisto Bild: Charlotte Oswald

So genial hat man „Faust I“ noch nie gesehen. So läppisch „Faust II“ auch noch nicht. Der Regisseur Nicolas Stemann setzt in Salzburg beide Teile von Johann Wolfgang von Goethes Tragödie in Szene. Und spaltet sich und acht lange Festspiel-Stunden.

          Am Anfang war das Reclam-Heft. So giftgelb einschüchternd, wie es dem wütenden, ratlosen, leicht strubbeligen Kerlchen in der Hand liegt, das in seiner braunen zerschlissenen Jacke und seinen verbeulten Jeans am einsamen Tisch auf der leeren schwarzen Bühne der Salzburger Perner-Insel lümmelt und daraus stammelnd und offenbar ziemlich verstört die „Zueignung“ murmelliest („Ihr naht euch wieder, schwankende Gestalten“) – muss es sich dabei um etwas Fremdes, Gefährliches handeln.

          Vor dem das kleine Bürschchen gleich zu kapitulieren scheint. Aber dann wirft er sein kleines Bubenherz über alle Hürden und sich mitten hinein in ein großes Verzweiflungsgeschäft: eine ganze, neue, frische Welt zu bauen mit nichts als Gedanken, Phantasien, Wutanfällen, Träumen. Auf der Bühne. So spricht er wie im hektischen Tollwutfieber das „Vorspiel auf dem Theater“. Er schmeißt sich in die praktischen Zynismen des Theaterdirektors, dem nur die Einschaltquoten, in die emphatischen Delirien des Dichters, dem nur die Qualitätsquoten, und in die luftigen Wurstigkeiten der „Lustigen Person“, der nur die Witz- und Unterhaltungsquoten wichtig sind. Und spricht alle drei. Und hält sie aus. In Kopf und Körper.

          Wutverquält und Ichsüchtig

          Dann holt er Gott den Herrn, sämtliche Engel und selbstverständlich auch den Teufel im „Prolog im Himmel“ aus sich stimmentönend und stimmenwechselnd heraus, geht als Teufel mit sich als Gott die Wette ein, den Faust, „meinen Knecht“, vom rechten Weg abzubringen und zur Hölle zu verführen. Den Faust, der er selbst ist. Und der im nächsten Moment Äxte, Hämmer und Beile auf der Bühne verteilt: Werkzeuge, mit denen er die Welt, die er erbaut, in Trümmer legen kann. Er legt Lunten in Form von roten Farbspuren und nagelt das Reclam-Heft mit seinem halbnackten Körper gegen die farbbeschmierte, einsam im Raum stehende gotische Sperrholztür, vor der er seinen Erkenntnis- und Weltekel auspackt, aber auch seine Sucht nach Welt, die er „im Innersten“ fassen möchte. Und über die er zahllose Benzinkanister ausschüttet. Zur großen Explosion gleich zu Beginn fehlt ihm nur noch ein Feuerzeug. Das er längst im Kopf hat.

          „Faust II” verliert sich in Mätzchen: Barbara Nüsse als Baucis und noch einmal Sebastian Rudolph, diesmal als Philemon

          Und der Schauspieler Sebastian Rudolph zeigt mühelos und virtuos, hocherregt und kühl kalkuliert in einem, dass dieser junge Herr kein Gelehrter, kein Geist- und Geistersucher, kein Weltdurchdringer, kein Großhirn und keine Universal-, gar eine Nationalfigur ist, sondern: ein wutverquälter, ichsüchtiger, alles wollender, alles aus sich herausschuftender und in sich hineinfressender Alleinherrscher. Der im Dauermonolog die Welt auf sich und sich auf die Welt projiziert. Und das heißt buchstäblich: dass er sich auf sie wirft und dass er sie sich zuwirft. Ein Krimineller mit den besten, also schlechtesten Anlagen.

          Der Kerl ist von Anfang an verdächtig

          So genial treffend ist der Beginn der Tragödie erster Teil noch nie inszeniert worden. Und auch noch nie so schonungslos. Man sah schon Doppel-Fauste und Vielfach-Mephistos (von den weiland vierzehn Gretchen des Einar Schleef selig ganz zu schweigen, Frankfurt 1989). Aber man sah noch kaum den einen Faust, der so viele andere ist. Und als solcher gleich der in der Wolle gefärbte Verbrecher. Keine Ausflüchte. Der Kerl ist von Anfang an verdächtig. Und da wir das Verbrecherische, Kriminelle in dieser nationalen Erhebungsgestalt schon seit Jahrzehnten vermuten, es aber erst Michael Thalheimer in seiner schroffen, großen Berliner Inszenierung von 2004 einmal vorgeführt hat (allerdings mit einem Ein-Personen-Faust), grüßen wir jetzt Nicolas Stemann, den Regisseur der Salzburger Festspiel-Inszenierung, durchaus als: Erkenner.

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