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„Faust I und II“ in Salzburg Zwei Buben wohnen, ach, in seiner Brust

30.07.2011 ·  So genial hat man „Faust I“ noch nie gesehen. So läppisch „Faust II“ auch noch nicht. Der Regisseur Nicolas Stemann setzt in Salzburg beide Teile von Johann Wolfgang von Goethes Tragödie in Szene. Und spaltet sich und acht lange Festspiel-Stunden.

Von Gerhard Stadelmaier
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Am Anfang war das Reclam-Heft. So giftgelb einschüchternd, wie es dem wütenden, ratlosen, leicht strubbeligen Kerlchen in der Hand liegt, das in seiner braunen zerschlissenen Jacke und seinen verbeulten Jeans am einsamen Tisch auf der leeren schwarzen Bühne der Salzburger Perner-Insel lümmelt und daraus stammelnd und offenbar ziemlich verstört die „Zueignung“ murmelliest („Ihr naht euch wieder, schwankende Gestalten“) – muss es sich dabei um etwas Fremdes, Gefährliches handeln.

Vor dem das kleine Bürschchen gleich zu kapitulieren scheint. Aber dann wirft er sein kleines Bubenherz über alle Hürden und sich mitten hinein in ein großes Verzweiflungsgeschäft: eine ganze, neue, frische Welt zu bauen mit nichts als Gedanken, Phantasien, Wutanfällen, Träumen. Auf der Bühne. So spricht er wie im hektischen Tollwutfieber das „Vorspiel auf dem Theater“. Er schmeißt sich in die praktischen Zynismen des Theaterdirektors, dem nur die Einschaltquoten, in die emphatischen Delirien des Dichters, dem nur die Qualitätsquoten, und in die luftigen Wurstigkeiten der „Lustigen Person“, der nur die Witz- und Unterhaltungsquoten wichtig sind. Und spricht alle drei. Und hält sie aus. In Kopf und Körper.

Wutverquält und Ichsüchtig

Dann holt er Gott den Herrn, sämtliche Engel und selbstverständlich auch den Teufel im „Prolog im Himmel“ aus sich stimmentönend und stimmenwechselnd heraus, geht als Teufel mit sich als Gott die Wette ein, den Faust, „meinen Knecht“, vom rechten Weg abzubringen und zur Hölle zu verführen. Den Faust, der er selbst ist. Und der im nächsten Moment Äxte, Hämmer und Beile auf der Bühne verteilt: Werkzeuge, mit denen er die Welt, die er erbaut, in Trümmer legen kann. Er legt Lunten in Form von roten Farbspuren und nagelt das Reclam-Heft mit seinem halbnackten Körper gegen die farbbeschmierte, einsam im Raum stehende gotische Sperrholztür, vor der er seinen Erkenntnis- und Weltekel auspackt, aber auch seine Sucht nach Welt, die er „im Innersten“ fassen möchte. Und über die er zahllose Benzinkanister ausschüttet. Zur großen Explosion gleich zu Beginn fehlt ihm nur noch ein Feuerzeug. Das er längst im Kopf hat.

Und der Schauspieler Sebastian Rudolph zeigt mühelos und virtuos, hocherregt und kühl kalkuliert in einem, dass dieser junge Herr kein Gelehrter, kein Geist- und Geistersucher, kein Weltdurchdringer, kein Großhirn und keine Universal-, gar eine Nationalfigur ist, sondern: ein wutverquälter, ichsüchtiger, alles wollender, alles aus sich herausschuftender und in sich hineinfressender Alleinherrscher. Der im Dauermonolog die Welt auf sich und sich auf die Welt projiziert. Und das heißt buchstäblich: dass er sich auf sie wirft und dass er sie sich zuwirft. Ein Krimineller mit den besten, also schlechtesten Anlagen.

Der Kerl ist von Anfang an verdächtig

So genial treffend ist der Beginn der Tragödie erster Teil noch nie inszeniert worden. Und auch noch nie so schonungslos. Man sah schon Doppel-Fauste und Vielfach-Mephistos (von den weiland vierzehn Gretchen des Einar Schleef selig ganz zu schweigen, Frankfurt 1989). Aber man sah noch kaum den einen Faust, der so viele andere ist. Und als solcher gleich der in der Wolle gefärbte Verbrecher. Keine Ausflüchte. Der Kerl ist von Anfang an verdächtig. Und da wir das Verbrecherische, Kriminelle in dieser nationalen Erhebungsgestalt schon seit Jahrzehnten vermuten, es aber erst Michael Thalheimer in seiner schroffen, großen Berliner Inszenierung von 2004 einmal vorgeführt hat (allerdings mit einem Ein-Personen-Faust), grüßen wir jetzt Nicolas Stemann, den Regisseur der Salzburger Festspiel-Inszenierung, durchaus als: Erkenner.

Der studierte Szenenbastler, der gern auch zum Mikrofon oder zum Keyboard greift, um singend oder dekonstruierend in seine Inszenierungen einzugreifen und sie mit dem zu verschneiden, was ihm außer zum Text gerade sonst noch einfällt, sitzt in Salzburg mitten im Publikum an einer Art Misch- und Regiepult, von dem aus er öfters aufsteht, um in Ton und Technik und manchmal auch auf der Bühne nach dem Rechten zu schauen. Das ist in „Faust I“ ein fast rührendes Zeichen dafür, wie sehr der sich über Texte und Stücke leicht schnöselig Erhebende sich hier auf das vermaledeite Reclam-Heft eingelassen, wie tief er sich in die Figuren hineinbegeben hat, wie klug und geniegelassen er sie durchdringt.

Gretchens Himmelsschmuck

Stemann schafft in „Faust I“ das pure Theaterglück. Denn plötzlich taucht der zweite Herr in Gestalt Philipp Hochmairs auf, die geschniegeltere, elegantere, glattere Version des ersten Faust-Kerls. Hochmair ist gut und aasig gelaunt der Mephisto, der aber auch nur wieder den Faust spielt, der in sich den Mephisto entdeckt. Hochmair und Rudolph werfen sich, einer dem anderen, einer im anderen, die Teufelspakt- und Pudel- und Weiberverführungsbälle zu und gehen mühelos ineinander auf und unter. Zwei junge, wilde, welt- und zerstörungsdurstige, gnadenlos befriedigungssüchtige Knallhallodris und Verzweiflungsbuben brechen auf ins große ungewisse Abenteuer, das sie beim Osterspaziergang mit hanseatischen Missingsch- („Moin! De neuä Büagamaistee!“) und wienerischen Pawlatschen-Dialektbrocken kabarettelnd durchmischen.

Und wenn die im langen Silberlamékleid aufflammende Helena in der Hexenküche sich ins kurzberockte Gretchen verwandelt und die herrlich irrlichternde Patrycia Ziolkowska den ganzen Verführungstext, mit dem Faust sie bombardiert, selbst sprechend aus sich heraussprudeln lässt und auch Gott und die Religion und die Mutter Gottes, samt ihrem „Schoß, der drängt sich zu ihm hin“, und auch noch im kölschen Dialekt Frau Marthe Schwertlein mit erledigt; und auch wenn die große, erotisch souveräne, sexuell autonome Mädchenfrau sich gegen alle Männerphantasie, mit der einer der Fauste per Videoprojektion in ihrem Bett liegt und sich mit ihren Dessous vergnügt, ihre Lust und ihr Leben für sich toll behauptet – dann wird aus dem Männerstück ein wunderbar leichtfüßig zu durchstreifendes Frauenterrain. Über dem in langen leuchtenden Perlenschnüren die Schätze aus dem Kästlein, das Faust ihr schenkt, herrlich schweben: als Gretchens Himmelsschmuck. Und die Ziolkowska, in deren Gretchen so viele Frauen stecken, wirkt, als werfe sie mit Häuten nur so schwereleicht und luftig-frivol um sich, die sie schlangengleich abstreift.

Eine rein private Angelegenheit des Regisseurs

Obwohl etliche Video-Verschmocktheiten und Botschaften übern Bühnenhintergrund huschen, obwohl die Hexenküche und die Walpurgisnacht nur flimmernde Andeutungen sind, obwohl ihr totes Kind (Fausts zweites Opfer nach Gretchens Bruder Valentin) nur eine Puppe im Plastiksack ist und ihre durch Fausts Schlaftrunk ums Leben gekommene Mutter eine komisch-verlegene Transvestitenerscheinung und Gretchen im Kerker mit einem Faust allein ganz konventionell und etwas ratlos versandet – ist das doch alles zusammen ein Theaterereignis.

Dann aber leider „Faust II“. Wo bei Stemann der „Faust I“, der bei Goethe eine Subjekttragödie ist, den genialen Zug ins seelenverdoppelte Objektive, Projizierte bekommt, wird bei ihm aus der Tragödie zweiter Teil, der bei Goethe den Absolutheitszug ins Weltendurchdringende, Objektive, auch Bildungshuberische, Bibliotheks- und Mythenschöpfende hat, zur rein privaten Angelegenheit. Des Regisseurs. Wo er zuvor kopfgescheit sich auf den Text einließ, verquirlt er ihn jetzt rübenrauschend. Als traue er sich nicht mehr recht. Endlos lässt er sein Ensemble skandieren: „Faust zwei ungekürzt“. Barbara Nüsse muss als Herr von Goethe erscheinen, der erklärt, dass doch gestrichen werden müsse. Wobei die Striche als weiße Streifen an der Wand erscheinen. Max Reinhardt, Eckermann und Zelter treten auf, Goethes „Team“. Und weil jetzt der massige Josef Ostendorf die Mephisto-Rolle übernimmt, die sich einen Teufel um den Faust in sich schert, wird das alte, eindimensionale Rollenschema wieder virulent – aber natürlich nicht bewältigt.

Unsagbar dumm und albern

Die Szene am Kaiserhof, wo Faust und Mephisto Falschgeld machen, wird zur öden antikapitalistischen aufgebrezelten Schulfunkstunde mit Overheadprojektionen zu „Ausbeutung und Kapital“ und dergleichen. Der Mummenschanz kommt als Plastikpuppenkarneval daher. Homunkulus („Hier wird ein Mensch gemacht“), das Kunstwesen, das in Fausts altem Labor entsteht, muss sich mit Videoprojektionen deutscher Gegenwartsprofessoren zudecken lassen, die über Geschlechtliches bei Goethe referieren. Und ein alter, bärtiger Zausel, offenbar die Zukunftsprojektion eines Ur-Jungregisseurs, doziert im Wiener Dialekt („Dös woan no Zeit’n!“) selbstgefällig über die Ära des postdramatischen Theaters, „wo mia oada Stückä mit Videoschnipsaln vaschnüttan ham“. Als hätten wir das längst hinter uns. Es ist dies alles unsagbar dumm und albern. Und ein verzopfter Jammer. Bei so viel Kopf eigentlich.

Faust löst sich auf

Und die Stunden ziehen sich hin. Dazwischen taucht Helena in Patrycia Ziolkowskas edel flirrender Allüre auf und hat einen Hotelhallenflirt mit Faust, bekellnert vom falstaffischen Mephisto Josef Ostendorfs, der dauernd den Servier-Interruptus spielt. Fausts und Helenas Mythenkind Euphorion stürzt hier nicht ins Himmelweite, Ausbrecherische, sondern verunglückt mit einem Baby-Bobby-Car. Und der welt- und landerobernde und leutemordende Faust wird umstellt von lauter New Yorker Skyline-Prospekten, während die Häuser, die er anzünden lässt, Goethes Gartenhaus nachgebildet sind. Und immer mal wieder sagt der eine oder andere „Habe nun, ach“ und „Wie machen wir’s, dass alles frisch und neu und mit Bedeutung auch gefällig sei“, als könne man wieder von vorn bei „Faust I“ anfangen. Man kann aber nicht. Man müsste weiterkommen. Kommt aber kaum bis zur nächsten platten Assoziationsecke.

Stemann ist an „Faust II“ gescheitert. (Wie noch jeder vor ihm. Aber das entschuldigt nichts. Dann soll er ihn halt nicht machen.) Die Puppen nehmen überhand. Und wer stirbt, setzt sich rotglühende Teufelshörnchen auf. Am Ende singen alle im Engelskostüm, langgesichtige Gummilemurenpuppen auf langen Stangen schwenkend, einen Super-Blues: „Alles Vergängliche ist nur ein Glei-hei-heichnis, oh yeah!“ Ob der Großkriminelle Faust tot ist, ist gleichgültig. Ob erlöst, auch. Denn er hatte sich im Verlauf von „Faust II“ unmerklich aufgelöst. Er kam fast nicht mehr vor. Er, der im ersten Teil noch erheblich doppelt und dreifach und vielfach war, wurde am Ende zu einem unerheblichen Teilchen. Lange nach Mitternacht. Dann Dunkel. Hell aber war der Anfang.

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Jahrgang 1950, Redakteur im Feuilleton.

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