Dieser Abend ist die Fortsetzung von etwas, das vor dreieinhalb Jahren in München an den Kammerspielen stattfand. Damals inszenierte Luk Perceval seine Bühnenversion von Hans Falladas Roman „Kleiner Mann, was nun?“ und erzählte, die Finanzkrise hatte gerade begonnen, wie ein aufstiegs- und arbeitswilliges Kleinbürgerpärchen in Berlin niedergeknüppelt wird von der großen Weltwirtschaftskrise 1929 und den vielen kleinen Gemeinheiten, zu denen Menschen fähig sind. Perceval tat das mit viel Witz, Zartheit, Wärme und einer Menschenliebe, die man von ihm nicht kannte.
Nun inszeniert Perceval, der dann als Oberspielleiter nach Hamburg wechselte, im Thalia Theater Falladas letzten Roman „Jeder stirbt für sich allein“. Wieder die Geschichte eines Paares, etwa zwanzig Jahre älter das Paar des „Kleinen Mannes“, aber ähnlich verbissen im Kampf. Nur dass eben zehn Jahre später nicht mehr die Wirtschaftskrise, sondern Hitler das Land fest im Griff hat. Dessen Wehrmacht ist gerade (1940) in Paris einmarschiert, als Anna und Otto Quangel die Nachricht bekommen, dass ihr einziger Sohn „Ottochen“ in Frankreich gefallen ist.
1942 geschnappt, 1943 hingerichtet
Otto und Elise Hampel, wie die realen Vorbilder für Falladas Romanfiguren hießen, begannen darauf ihren ganz privaten Widerstand gegen den Mörder ihres Sohnes, Herrn Adolf Hitler, und sein Regime. Sie schrieben, kleine Leute, die sich jedes Wort mühsam abringen mussten, Hunderte von Postkarten (“Nieder mit der Hitler Regierung“) und verteilten sie in Berlin. 1942 wurden sie geschnappt, 1943 hingerichtet.
Fallada hatte von Johannes R. Becher, damals Präsident des „Kulturbunds zur demokratischen Erneuerung Deutschlands“, im Herbst 1945 die Prozessakten bekommen - in der Hoffnung, dass daraus ein Roman werde. Besonders faszinierte Fallada an dem Fall, wie er in einem Essay schrieb, „dass das Groteske geschieht: der Elefant fühlt sich von der Maus bedroht“.
In nur vier Wochen schrieb Fallada 866 Typoskriptseiten, die Drucklegung des vom Lektor des Aufbau Verlages ideologisch bearbeiteten Romans erlebte der ewige Morphinist, Kokainist, Alkoholiker und Nervenkranke aber nicht mehr. Natürlich auch nicht den Welterfolg der ungekürzten Fassung, die erst 2011 auf Deutsch erschien.
Aufs Neue erstaunlich inhaltstreu
Auf dieser Fassung nun basiert Percevals Bühnenversion, die er gemeinsam mit der Dramaturgin Christina Bellingen erstellte. Wie schon beim „Kleinen Mann“ zeigt sich Perceval, der trotz vier Stunden Spieldauer naturgemäß strafft und stark verdichtet, auch hier wieder erstaunlich inhaltstreu - bis hin zur Übernahme des arg konstruierten, von Fallada versöhnlich gedachten Endes seiner „völlig trostlosen Geschichte“: Ein Repräsentant der geläuterten Jugend darf einer besseren Zukunft entgegenkutschieren. „Nicht mit dem Tod wollen wir dieses Buch beschließen, es ist dem Leben geweiht“, heißt es im Roman. Auf der Bühne sitzen dazu die Toten des Abends, fröhlich-schief Tierstimmen imitierend.
Fröhlich schief und bewusst immer einen Hauch neben ihrer Rolle liegen meist auch die Schauspieler der Stückfassung, die fast nur Hauptrollen, aber keine beherrschenden kennt. Mit großer Souveränität bewegen sie sich immer haarscharf am Rand der Schmiere, besonders wenn es in die Welt der Berliner Kleinkriminellen geht, der nicht sehr schlauen Frauenausbeuter, Kinderprügler und Durchwurstler, in die ein offensichtlich falscher Verdacht den Kommissar, der seinem brutalen von Barbara Nüsse gemimten SS-Obergruppenführer-Chef ja Fortschritte bieten muss, sehr lange führt.
Gezeigt werden Menschen, die selber ständig nach ihrer Rolle suchen und dabei, wie etwa Gabriele Maria Schmeide als vermögende Zoofabrikantin oder Daniel Lommatzsch als sie ausnutzender, sich um alles im Leben drückender Falschverdächtigter, ins allerkomischste Rudern geraten. Das ist manchmal dick aufgetragen.
Der Kern ist Angst
Alexander Simon etwa übertreibt es etwas mit dem Dialektfuror bei seinen Einsätzen als Berliner Kleinkrimineller, hamburgisch tumber Polizist und später im fiesesten Wienerisch verhörender Gestapo-Scherge. Abgesehn von kleinen Ausrutschern aber holt Perceval mit seinem fein abgestimmten Ensemble aus dem Stoff die maximale Komik heraus, ohne den tragischen Kern zu verraten. Er besteht, anders als im „Kleinen Mann“, nicht aus Liebe, sondern aus Angst.
Mit Ausnahme des ewig ernsten Postkartenschreiberpaares und des bei André Szymanski immer leicht melancholischen Gestapo-Kommissars Escherich ist der Grundton in diesem Gesellschaftspanorama hysterisch aus Misstrauen. Hier stirbt nicht nur jeder für sich allein, sondern er lebt auch so.
Am Anfang und nach jeder Pause sieht man dazu die Menschen über die Bühne hasten, die Hände in die Taschen vergraben, starrend, gestresst. Auf der Szene steht, von Annette Kurz klug gestaltet, nur ein einsamer Tisch und hängt hinten wie ein Wandteppich ein riesiges Stadtmodell von Berlin; die Wohnblocks bestehen aus allem, was ein Haushalt um 1940 hergab.
Echte Gefühle können in diesen Straßenschluchten aber niemanden mehr retten. Nicht einmal die Quangels, die bei Oda Thormeyer und Thomas Niehaus zwei Menschen sind, die in den Postkarten ihre Legitimation zum Weiterleben finden - und zum Fortbestand ihrer Ehe. Im Grunde aber sind sie schon in der ersten Szene, als sie die Nachricht vom Tod ihres Sohnes erhalten, gestorben: Widerstand und Heldenmut, auch das ist die Botschaft des Abends, sind etwas für Zombies.
Gibt es eigentlich...
Daniel Grün (danielgruen)
- 16.10.2012, 11:18 Uhr