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Mittwoch, 19. Juni 2013
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Fallada in Frankfurt Ich wollte, dieses Leben wäre schon vorbei

 ·  Euro-Krise. Kurzarbeit. Konkurse, Occupy und Ich-AG: Kein Wunder, dass das Frankfurter Schauspiel Hans Falladas Roman „Kleiner Mann, was nun?“ wiederentdeckt.

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© Birgit Hupfeld Lieber Kleinbürger als gar keiner: Henrike Johanna Jörissen als Emma Marschel und Nico Holonics als Johannes Pinneberg.

Die Bühne ein Viereckrahmen. Dahinter Dunkelheit, eine schräge tintenschwarze Ebene. Oben scherenschnittartig zehn dunkle Gestalten. Vorn fällt ein Scheinwerferstrahl auf ein unscheinbares junges Mädchen. Dauert ihr Schweigen zwei Minuten, drei, fünf? Eine Ewigkeit für ein zunehmend irritiertes Publikum, ein Traum und Albtraum für jeden Schauspieler.

Die junge Henrike Johanna Jörissen bewältigt diese Folter, während deren ein ganzes Leben zwischen Strahlen und Erlöschen, Lachen, Staunen, Angst, Zorn und Abstumpfen sich auf ihrem Gesicht abspielen soll, mit Bravour. Natürlich merkt man die kolossale Anspannung und ist, wie sie, erleichtert, wenn sich Nico Holonics als Johannes Pinneberg, Vater ihres ungeborenen Kindes und zukünftiger Gatte - „Ich bin 23. Gesund, soweit ich weiß. Eine Mutter. Vater früh gestorben. Woran, weiß ich nicht“ - aus der stummen Reihe oben löst und der erste Dialog einsetzt.

“Junge“ nennt ihn seine Braut, die er zärtlich „Lämmchen“ tituliert und die noch weit jünger ist als er, durch die Ruhe aber, mit der sie allen Schicksalsschlägen begegnet, zuweilen wirkt wie die Mutter des Jungspunds. Lämmchens Eltern, Proletarier, die vor lauter Klassenbewusstsein keinen Menschen mehr erkennen, toben über die Hochzeit mit dem rückgratlosen und zappligen kleinen Angestellten, der, und das um jeden Preis, nichts anderes will, als sich und seine kleine Familie durch die lausigen Zeiten der Weltwirtschaftskrise zu bringen.

Als grinse uns das ganze Leben an

Gelingt ihm aber nicht. Die erste Stelle verlässt er für zehn Mark höheren Lohn bei der Konkurrenz. Die zweite verliert er, weil seine beiden Mitangestellten ihr Ehrenwort „Einer für alle, alle für einen“ sofort brechen, als es ernst wird - was „der Junge“ genauso gemacht hätte. Die dritte, erschlichen mit Hilfe von Pinnebergs Mutter, Säuferin, Animierdame und bezahlte Dauergeliebte eines miesen Geschäftemachers, geht verloren, weil er im Modehaus für Herrenkonfektion als Verkäufer die Verkaufsquote nicht erfüllt. Der Rest ist entwürdigendes Anstehen um Arbeitslosengeld und das demütigende Zusehen, wie Lämmchen als „Schwarzarbeiterin“ Flickschneiderei für ein paar lumpige Mark erbettelt.

Die Schauplätze wechseln im Minutentakt. Das Bühnenbild bleibt immer die gleiche schiefe schwarze Ebene. Auf ihr kommen die Protagonisten, wenn sie nicht im Chor - „Als grinse uns das ganze Leben an“ - von oben das Elend kommentieren, hinunter zur Rampe und verwandeln sich in Handelnde: Die Vermieterin, eine ausgemergelte alte Witwe, irre geworden am Inflationsverlust ihrer ersparten 50 000 Mark, deren geseufztes „ihr jungen Leute“ gleichzeitig Gift und Galle spuckt. Dutzende heimtückischer, denunziatorischer Kollegen - und ein loyaler. Eiskalte Chefs, cholerische und duckmäuserische. Geile und manchmal sogar auch selbstlose Helfer Lämmchens. Nazis und Rote, die Pinneberg auf ihre Seite ziehen wollen. Feiglinge, die raten, sich anzupassen.

Vielschichtigkeit jenseits der Klischees

Ein Panoptikum also des Veitstanzes, der von der Krise ins „Dritte Reich“ taumelte. Die Schauspieler, jeder auch fähig zu einer tragenden Rolle, machen das, oft zweifach besetzt, in der bekannten Qualität des Frankfurter Ensembles. Dass sie lange Zeit nur Typen bleiben, liegt am Zeitraffer, mit dem Regisseur Michael Thalheimer den Riesenroman Hans Falladas aus dem Jahr 1932 spielbar zu machen sucht - und an dem Verfremdungsverfahren, das „Kleiner Mann, was nun?“ wohl zum zeitlos exemplarischen Fallbeispiel machen soll. Was wiederum heißt, dass enorm viel Lautstärke und Holzschnittgesten aufgewandt werden.

Also wieder einmal das Berserkertum, mit dem sich heute so viele Regisseure aus der Affäre ziehen? Nur anfangs. Doch als Pinneberg nach dem ersten Tag im Konfektionshaus über ein Ehepaar erzählt, das nach ewigen Anproben doch nichts gekauft hat, zeigt Nico Holonics einen aberwitzigen Hass- und Entsetzensausbruch, in dem sich der junge Mann, hin und her springend zwischen der Parodie einer geifernden Gattin, eines brummelnd misstrauisch geizigen und doch bestechlich eitlen Gatten und seiner selbst als devoter Verkäufer, den ganzen Ekel über die eigene Speichelleckerei von der Seele schreit.

Szenenapplaus bricht los, als er keuchend innehält und dann ein erleichtertes „wieder ein Monat gesichert“ nachschiebt. Fortan folgt der Saal mit angehaltenem Atem. Jetzt gibt es öfter leise konzentrierte Töne, wird merkbar, dass Fallada und Michael Thalheimer ihren Typen widersprüchliche Eigenschaften, verschiedene Gesichter gegeben und damit Menschenskizzen statt Gesinnungsschablonen gezeichnet haben. Und nun gelingt auch (Henrike Johanna Jörissen spielt großartig diszipliniert alle Klischees zur Seite) das Kunststück, das oft als naiv idealistische Jungmadonna verkannte Lämmchen als Falladas vielschichtigste Figur deutlich zu machen: Sie, die die Ideale von Mitmenschlichkeit, Aufrichtigkeit und Solidarität nicht nur plappert, sondern lebt, ist damit zugleich das willigste Opfer des Kapitals: „Man muss auch Verständnis haben“, antwortet sie, als „der Junge“ erklärt, mit dem Festlegen von Verkaufsquoten ziehe sein Chef unter den Angestellten „lauter Raubtiere hoch“.

Stille im Frankfurter Schauspielhaus

Brechts „Wir wär’n gern gut, anstatt so roh“ und Falladas „Ein Garnichts, aber ein Garnichts voll Sorgen und Wünschen“ nehmen Gestalt an; und der (zunehmend furios und doch glänzend beherrscht gespielte) aussichtslose Daseinskampf von Lämmchen und Pinneberg wird zur zeitgemäß zeitlosen Kapitalismus-Tragödie. Lange nicht mehr hat eine solche Stille im Frankfurter Schauspielhaus geherrscht. Von Minute zu Minute erkennt man deutlicher in den Ängsten und Nöten dieses Paars die eigenen. Seien es zwei oder drei Nullen, die unsere Zeit an die monatlichen 180 Mark angehängt hat, für die der Johannes Pinneberg des Jahres 1932 rackert - die Angst vor Arbeitsverlust, das Hangeln von Monat zu Monat, das Hoffen auf die „Ich-AG“ und das Winseln um eine letzte Chance, wenn sonst nichts mehr gegen drohende Entlassung hilft, kennt man in der Hauptstadt des Euro und der europäischen Finanz- und Wirtschaftskrise längst nicht mehr nur aus Angstträumen.

“Wäre dieses Leben doch schon vorbei“,wünscht Pinneberg gegen Ende, vollends ein graues Garnichts im grauen Heer der Arbeitslosen, sich selbst und seinen Hoffnungen so fremd geworden, dass er immer öfter von sich in der dritten Person spricht. Und zuletzt, wenn er, von den Demütigungen um den Verstand gebracht (Holonics spielt das so intensiv, dass man sich fast fürchtet), nachts stumm bei der elenden Laube draußen vor Berlin steht, in der die Familie sich verkrochen hat, dann fehlen auch Lämmchen, die ihn eben noch zum ersten Mal ihren Mann statt ihren Jungen genannt hat, die Worte. Licht aus. Schweigen. Dann prasselt nicht enden wollender Applaus. 1932? 2013? Für zwei Stunden hat das Theater die Zeit aufgehoben - und damit die Wahrheit vor aller Augen gestellt.

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Jahrgang 1949, Redakteur im Feuilleton.

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