Home
http://www.faz.net/-gs3-75pri
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, HOLGER STELTZNER
Bibliothek

Fallada in Frankfurt Ich wollte, dieses Leben wäre schon vorbei

Euro-Krise. Kurzarbeit. Konkurse, Occupy und Ich-AG: Kein Wunder, dass das Frankfurter Schauspiel Hans Falladas Roman „Kleiner Mann, was nun?“ wiederentdeckt.

© Birgit Hupfeld Vergrößern Lieber Kleinbürger als gar keiner: Henrike Johanna Jörissen als Emma Marschel und Nico Holonics als Johannes Pinneberg.

Die Bühne ein Viereckrahmen. Dahinter Dunkelheit, eine schräge tintenschwarze Ebene. Oben scherenschnittartig zehn dunkle Gestalten. Vorn fällt ein Scheinwerferstrahl auf ein unscheinbares junges Mädchen. Dauert ihr Schweigen zwei Minuten, drei, fünf? Eine Ewigkeit für ein zunehmend irritiertes Publikum, ein Traum und Albtraum für jeden Schauspieler.

Dieter  Bartetzko Folgen:  

Die junge Henrike Johanna Jörissen bewältigt diese Folter, während deren ein ganzes Leben zwischen Strahlen und Erlöschen, Lachen, Staunen, Angst, Zorn und Abstumpfen sich auf ihrem Gesicht abspielen soll, mit Bravour. Natürlich merkt man die kolossale Anspannung und ist, wie sie, erleichtert, wenn sich Nico Holonics als Johannes Pinneberg, Vater ihres ungeborenen Kindes und zukünftiger Gatte - „Ich bin 23. Gesund, soweit ich weiß. Eine Mutter. Vater früh gestorben. Woran, weiß ich nicht“ - aus der stummen Reihe oben löst und der erste Dialog einsetzt.

“Junge“ nennt ihn seine Braut, die er zärtlich „Lämmchen“ tituliert und die noch weit jünger ist als er, durch die Ruhe aber, mit der sie allen Schicksalsschlägen begegnet, zuweilen wirkt wie die Mutter des Jungspunds. Lämmchens Eltern, Proletarier, die vor lauter Klassenbewusstsein keinen Menschen mehr erkennen, toben über die Hochzeit mit dem rückgratlosen und zappligen kleinen Angestellten, der, und das um jeden Preis, nichts anderes will, als sich und seine kleine Familie durch die lausigen Zeiten der Weltwirtschaftskrise zu bringen.

Als grinse uns das ganze Leben an

Gelingt ihm aber nicht. Die erste Stelle verlässt er für zehn Mark höheren Lohn bei der Konkurrenz. Die zweite verliert er, weil seine beiden Mitangestellten ihr Ehrenwort „Einer für alle, alle für einen“ sofort brechen, als es ernst wird - was „der Junge“ genauso gemacht hätte. Die dritte, erschlichen mit Hilfe von Pinnebergs Mutter, Säuferin, Animierdame und bezahlte Dauergeliebte eines miesen Geschäftemachers, geht verloren, weil er im Modehaus für Herrenkonfektion als Verkäufer die Verkaufsquote nicht erfüllt. Der Rest ist entwürdigendes Anstehen um Arbeitslosengeld und das demütigende Zusehen, wie Lämmchen als „Schwarzarbeiterin“ Flickschneiderei für ein paar lumpige Mark erbettelt.

Die Schauplätze wechseln im Minutentakt. Das Bühnenbild bleibt immer die gleiche schiefe schwarze Ebene. Auf ihr kommen die Protagonisten, wenn sie nicht im Chor - „Als grinse uns das ganze Leben an“ - von oben das Elend kommentieren, hinunter zur Rampe und verwandeln sich in Handelnde: Die Vermieterin, eine ausgemergelte alte Witwe, irre geworden am Inflationsverlust ihrer ersparten 50 000 Mark, deren geseufztes „ihr jungen Leute“ gleichzeitig Gift und Galle spuckt. Dutzende heimtückischer, denunziatorischer Kollegen - und ein loyaler. Eiskalte Chefs, cholerische und duckmäuserische. Geile und manchmal sogar auch selbstlose Helfer Lämmchens. Nazis und Rote, die Pinneberg auf ihre Seite ziehen wollen. Feiglinge, die raten, sich anzupassen.

Vielschichtigkeit jenseits der Klischees

Ein Panoptikum also des Veitstanzes, der von der Krise ins „Dritte Reich“ taumelte. Die Schauspieler, jeder auch fähig zu einer tragenden Rolle, machen das, oft zweifach besetzt, in der bekannten Qualität des Frankfurter Ensembles. Dass sie lange Zeit nur Typen bleiben, liegt am Zeitraffer, mit dem Regisseur Michael Thalheimer den Riesenroman Hans Falladas aus dem Jahr 1932 spielbar zu machen sucht - und an dem Verfremdungsverfahren, das „Kleiner Mann, was nun?“ wohl zum zeitlos exemplarischen Fallbeispiel machen soll. Was wiederum heißt, dass enorm viel Lautstärke und Holzschnittgesten aufgewandt werden.

1 | 2 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
100 Jahre Frankfurter Goethe-Universität Durchaus studiert mit heißem Bemüh’n

Als Frankfurter Bürger die Goethe-Universität ins Leben riefen, brach der erste Weltkrieg aus. Heute ist sie Stiftungsuniversität. Dazwischen liegt eine bewegte und eindrucksvolle Geschichte. Ein akademischer Strauß zum Hundertsten. Mehr Von Jürgen Kaube

18.10.2014, 11:57 Uhr | Feuilleton
Der steinige Weg zum K-Popstar

Sechs junge Frauen arbeiten hart für ihren Traumberuf: Die Mitglieder der südkoreanischen Girlgroup Billion wollen K-Popstars werden, doch vor dem erträumten Glamour-Leben stehen 16-Stunden-Tage und strenge Diätpläne. Ein erstes Album haben Billion veröffentlicht, der große Durchbruch lässt noch auf sich warten. Mehr

10.09.2014, 10:27 Uhr | Feuilleton
CDU Die Wirtschaftspolitik kehrt zurück

Die Wachstumsprognosen bröckeln. Deshalb erleben die Wirtschaftspolitiker der CDU eine Renaissance. Friedrich Merz wird reaktiviert. Es wird wieder über Wirtschaftspolitik gesprochen. Doch was macht die SPD? Mehr Von Henrike Roßbach, Berlin

14.10.2014, 10:39 Uhr | Wirtschaft
Rio kommt nicht zur Ruhe

Nach dem Tod und der Beerdigung eines jungen Brasilianers kommt es abermals zu Ausschreitungen in der brasilianischen Hauptstadt. Viele Anwohner machen die Polizei für den Tod des Mannes aus einem Armenviertel verantwortlich. Mehr

25.04.2014, 17:05 Uhr | Gesellschaft
Orang-Utan eingeschläfert Trauer um Charly

Charly war wahrscheinlich das älteste Tier seiner Gattung. Nun musste der Frankfurter Zoo den Orang-Utan einschläfern. Mehr

16.10.2014, 13:25 Uhr | Gesellschaft
   Permalink
 Permalink

Veröffentlicht: 14.01.2013, 18:32 Uhr

Keine Rede von den Studenten

Von Jürgen Kaube

An den Universitäten wird zum Start des Wintersemesters wieder viel über Geldmangel geklagt. Gleichzeitig preist die Politik den Wert der Bildung. Es muss Heuchler im System geben. Mehr 4 21