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Fallada in Frankfurt : Ich wollte, dieses Leben wäre schon vorbei

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Lieber Kleinbürger als gar keiner: Henrike Johanna Jörissen als Emma Marschel und Nico Holonics als Johannes Pinneberg. Bild: Birgit Hupfeld

Euro-Krise. Kurzarbeit. Konkurse, Occupy und Ich-AG: Kein Wunder, dass das Frankfurter Schauspiel Hans Falladas Roman „Kleiner Mann, was nun?“ wiederentdeckt.

          Die Bühne ein Viereckrahmen. Dahinter Dunkelheit, eine schräge tintenschwarze Ebene. Oben scherenschnittartig zehn dunkle Gestalten. Vorn fällt ein Scheinwerferstrahl auf ein unscheinbares junges Mädchen. Dauert ihr Schweigen zwei Minuten, drei, fünf? Eine Ewigkeit für ein zunehmend irritiertes Publikum, ein Traum und Albtraum für jeden Schauspieler.

          Die junge Henrike Johanna Jörissen bewältigt diese Folter, während deren ein ganzes Leben zwischen Strahlen und Erlöschen, Lachen, Staunen, Angst, Zorn und Abstumpfen sich auf ihrem Gesicht abspielen soll, mit Bravour. Natürlich merkt man die kolossale Anspannung und ist, wie sie, erleichtert, wenn sich Nico Holonics als Johannes Pinneberg, Vater ihres ungeborenen Kindes und zukünftiger Gatte - „Ich bin 23. Gesund, soweit ich weiß. Eine Mutter. Vater früh gestorben. Woran, weiß ich nicht“ - aus der stummen Reihe oben löst und der erste Dialog einsetzt.

          “Junge“ nennt ihn seine Braut, die er zärtlich „Lämmchen“ tituliert und die noch weit jünger ist als er, durch die Ruhe aber, mit der sie allen Schicksalsschlägen begegnet, zuweilen wirkt wie die Mutter des Jungspunds. Lämmchens Eltern, Proletarier, die vor lauter Klassenbewusstsein keinen Menschen mehr erkennen, toben über die Hochzeit mit dem rückgratlosen und zappligen kleinen Angestellten, der, und das um jeden Preis, nichts anderes will, als sich und seine kleine Familie durch die lausigen Zeiten der Weltwirtschaftskrise zu bringen.

          Als grinse uns das ganze Leben an

          Gelingt ihm aber nicht. Die erste Stelle verlässt er für zehn Mark höheren Lohn bei der Konkurrenz. Die zweite verliert er, weil seine beiden Mitangestellten ihr Ehrenwort „Einer für alle, alle für einen“ sofort brechen, als es ernst wird - was „der Junge“ genauso gemacht hätte. Die dritte, erschlichen mit Hilfe von Pinnebergs Mutter, Säuferin, Animierdame und bezahlte Dauergeliebte eines miesen Geschäftemachers, geht verloren, weil er im Modehaus für Herrenkonfektion als Verkäufer die Verkaufsquote nicht erfüllt. Der Rest ist entwürdigendes Anstehen um Arbeitslosengeld und das demütigende Zusehen, wie Lämmchen als „Schwarzarbeiterin“ Flickschneiderei für ein paar lumpige Mark erbettelt.

          Die Schauplätze wechseln im Minutentakt. Das Bühnenbild bleibt immer die gleiche schiefe schwarze Ebene. Auf ihr kommen die Protagonisten, wenn sie nicht im Chor - „Als grinse uns das ganze Leben an“ - von oben das Elend kommentieren, hinunter zur Rampe und verwandeln sich in Handelnde: Die Vermieterin, eine ausgemergelte alte Witwe, irre geworden am Inflationsverlust ihrer ersparten 50 000 Mark, deren geseufztes „ihr jungen Leute“ gleichzeitig Gift und Galle spuckt. Dutzende heimtückischer, denunziatorischer Kollegen - und ein loyaler. Eiskalte Chefs, cholerische und duckmäuserische. Geile und manchmal sogar auch selbstlose Helfer Lämmchens. Nazis und Rote, die Pinneberg auf ihre Seite ziehen wollen. Feiglinge, die raten, sich anzupassen.

          Vielschichtigkeit jenseits der Klischees

          Ein Panoptikum also des Veitstanzes, der von der Krise ins „Dritte Reich“ taumelte. Die Schauspieler, jeder auch fähig zu einer tragenden Rolle, machen das, oft zweifach besetzt, in der bekannten Qualität des Frankfurter Ensembles. Dass sie lange Zeit nur Typen bleiben, liegt am Zeitraffer, mit dem Regisseur Michael Thalheimer den Riesenroman Hans Falladas aus dem Jahr 1932 spielbar zu machen sucht - und an dem Verfremdungsverfahren, das „Kleiner Mann, was nun?“ wohl zum zeitlos exemplarischen Fallbeispiel machen soll. Was wiederum heißt, dass enorm viel Lautstärke und Holzschnittgesten aufgewandt werden.

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