http://www.faz.net/-gqz-946ji

„Vor Sonnenaufgang“ : Stiller Schrecken, natürlicher Schmerz

Sitzen die etwa schon auf der neuesten Ikea-Kollektion Probe? Helene (Pia Händler) zögert noch, sich zu Thomas (Michael Wächter) und Alfred (Simon Zagermann) zu gesellen. Bild: Sandra Then

Hier ist alles echt, auch der letzte Moment der Menschheit: Ewald Palmetshofers Hauptmann-Adaption „Vor Sonnenaufgang“ wird in Basel uraufgeführt.

          Ein Adaptionsabend in zwei Teilen. Beim ersten bleibt man gelassen, gleicht das Geschehen ab mit dem Original, staunt über neu erfundene Texte, amüsiert sich auch über allzu plattitüdenhafte Übertragungen. Beim zweiten jedoch verliert man die Fassung, denkt nicht mehr an damals und heute, wird mitgerissen von der normativen Kraft des Tragischen. Hier bleibt keine Zeit mehr zum Vergleichen, hier geht einem alles viel zu nahe.

          Simon Strauß

          Redakteur im Feuilleton.

          Der österreichische Dramatiker Ewald Palmetshofer hat sich Hauptmann angeeignet: dessen erstes Theaterstück „Vor Sonnenaufgang“, 1889 in Berlin mit großem Skandal uraufgeführt, das früheste soziale Drama, Pionier des sogenannten Naturalismus. Ein altmodisches Stück, von heute aus betrachtet. Angesiedelt in einem schlesischen Kohlerevier, in einer Familie moralisch korrupter Neureicher, die von einem selbstherrlichen Dogmatiker heimgesucht wird, einem früheren Freund des eingeheirateten Juniors, der als sozialistischer Lebensreformer auftritt, vorgibt, sich für die Lage der Bergleute zu interessieren, aber in Wahrheit vor allem seine Thesen zur Erbgesundheit loswerden will. Alfred Loth – so heißt der rigoristische, nach historischem Vorbild modellierte Rassenhygieniker – verliebt sich in die unglückliche Tochter des Hauses, bis er erfährt, dass hier die Alkoholsucht grassiert, die seiner festen Überzeugung nach erblich ist und daher jeder engeren Bindung im Weg steht. So schnell Alfred den Schauplatz betreten hat, so schnell verlässt er ihn auch wieder. Mit schwerwiegenden Folgen.

          Was macht man heute aus dieser sozialkritischen Milieustudie, in der immer wieder schlesischer Dialekt gesprochen wird und neben der Eugenik die Frauenfrage und das Recht auf freie Jagd verhandelt werden? Wie nähert man sich dem alten Drama? Am besten von außen, vom Aufbau her.

          Palmetshofer übernimmt das grobe Gerüst des Stücks, folgt seinem Spannungsbogen, ordnet die Figuren jedoch neu und fügt sie ein in eine neue Geschichte. Martha, die hochschwangere Ehefrau des Juniors, die bei Hauptmann im Hinterzimmer bleibt, nie auftritt, ist hier von Anfang an auf der Bühne. Kiffig und gereizt scheucht sie (mit dumpfem Vorwurf gespielt von Myriam Schröder) ihren schlaflosen Ehemann hin und her, bis der seine Birkenstock-Sandalen verliert und nach draußen ins Scheinwerferlicht des Bewegungsmelders flüchtet. Thomas heißt er und ist Chef eines hochspezialisierten mittelständischen Unternehmens. Aber er ist nicht nur das, sondern hat sich auch mit rechtspopulistischen Parolen in den Gemeinderat wählen lassen. Das bereitet den Aufritt von Arthur vor, der bei Palmetshofer ein harmloser Gesinnungslinker ist, der bei einem großstädtischen Wochenmagazin arbeitet und in die Provinz gereist ist, um über die auseinanderdriftenden Gräben zwischen links und rechts zu schreiben. Bald sitzen die beiden alten Studienkollegen am Esstisch und werfen sich Beleidigungen an den Kopf, Eskalationsdunst liegt in der Luft, bald stößt einer jähzornig den Tisch zur Seite.

          Oft hat man das in letzter Zeit auf der Bühne gesehen, am prominentesten bei Yasmina Reza oder Ayad Akhtar: ein gut gedeckter Tisch, der zum Schlachtfeld wird, netter Smalltalk, der sich auf einmal in hässlichen Zwist verwandelt. Auch Palmetshofer versucht so eine Szene, aber ganz gelingen will sie ihm nicht. Die Stimmung kippt zu widerwillig, statt bösen Dialogs, scharf schießender Pointen gibt es lediglich zwei pflichtschuldig aufgeregte Suada-Monologe, die klingen wie gut abgehangene Leitartikel.

          Trotzdem hat die moderne Übertragung ihre Berechtigung – linke Sozialkritik äußert sich heute nicht mehr in der Sorge um die arbeitende Klasse, sondern in der abgrenzungssüchtigen Suche nach der eigenen Identität. Und das Kennzeichen der politisch aktiven Neureichen ist die populistische Metapolitik.

          Weitere Themen

          Übernimmt jetzt Niki Lauda? Video-Seite öffnen

          Insolvente Airline : Übernimmt jetzt Niki Lauda?

          Nach der gescheiterten Übernahme durch die Lufthansa wird händeringend nach einem Retter für die insolvente Air-Berlin-Tochter „Niki“ gesucht. Übernimmt jetzt Firmengründer und Ex Formel 1- Fahrer Niki Lauda?

          Topmeldungen

          SPD und Regierungsbildung : Stabile Gedanken

          Die Union blockt Forderungen der SPD schon jetzt ab. Das wird nicht einfach für Schulz. Immerhin vereint ihn ein stabiler Gedanke – ausgerechnet mit der CSU. Ein Kommentar.
          Schon das Software-Update aufgespielt?

          Diesel-Affäre : Zeit für Mogel-Volkswagen läuft ab

          Wer einen manipulierten Volkswagen besitzt, muss seine Ansprüche schnell geltend machen. Etliche auf Massenverfahren spezialisierte Kanzleien mahnen deshalb zur Eile.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.