27.04.2010 · Überwachungsstaatskabarett: Frank-Markus Barwasser alias Erwin Pelzig hat mit „Alkaid“ sein erstes Theaterstück geschrieben. Die Premiere am Münchner Residenztheater zeigte - wen der Franke im Bett hat, den spioniert er aus.
Von Teresa GrenzmannAls die Welt aus ihrem Chaos Herrn Erwin Pelzig ausspuckte, meinte sie es prinzipiell gut. Sie schuf einen tadellosen Spießbürger im roten Brotzeit-Karohemd und Jankerl, das „Herrendäschle“ am Handgelenk, das „Cordhüdle“ auf dem Seitenscheitel und das naive Recht dank eines gesunden Frankenverstandes stets auf seiner Seite. Sie schuf aber auch einen, der stundenlang den Sternhimmel nach einem göttlichen Zeichen absucht und dann den Blick just senkt, wenn eine Sternschnuppe fällt - um ihn gleich darauf wieder voller Hoffnung ans Firmament zu heften.
Einen, der immer noch glaubt, der Lebenspartner der Frage hieße Antwort, aber am Ende doch lieber frohlockend ahnen möchte, als enttäuscht zu wissen. Einen, der das Schwere leicht- und das Leichte schwernimmt und der, obwohl er chronisch mitteilsam ist, störrisch tapfer an seiner Einsamkeit trägt.
Dass die „Füüüchung“ ihm nun allerdings zwei gestresste LKA-Beamte ausgerechnet in sein Schlafzimmer und mitten in seinen überschaubaren, aber funktionierenden Alltag hineingespült hat, um seinen Nachbarn Dr. Sami Youssef präventiv als Terroristen zu observieren, das vermag Pelzig nicht wehr- und tatenlos hinzunehmen.
Bauernschläue füllt auch große Häuser
Also mischt er sich ein - genau wie die beiden Polizisten nicht ahnend, dass in diesem Überwachungsstaatsspielchen jeder Beobachter früher oder später selbst zum Beobachteten wird.
Pelzigs Schöpfer, der Kabarettist Frank-Markus Barwasser, ist mit seiner fränkelnden Kunstfigur seit achtzehn Jahren zu hören in tagesaktuellen Radioglossen, zu sehen im TV-Talk „Pelzig unterhält sich“ und zuletzt auch im Kino. „Alkaid. Pelzig hat den Staat im Bett“ ist Barwassers erstes Theaterstück. Die beherzte Uraufführung im Münchner Residenz Theater unter der Regie von Filmemacher Josef Rödl zeigt, dass Pelzigs Bayernschläue auch in großen Häusern Abende füllen kann - womöglich noch konzentrierter nach Streichung einiger kleiner Längen.
Gelungen ist dieser kleine Lokalkolorit-Abend, den Rödl in der Schwebe hält zwischen intelligent satirischem Kabarett, locker verstrickter Boulevardkomödie und sauber gezieltem Slapstick. Eine komische Collage unseres Kontrollzeitalters, die immer die Frage nach einem Gleichgewicht zwischen Sicherheit und Freiheit stellt. Reizvoll, dass die Gefahr - als Motivation für das Eindringen in Pelzigs Haushalt - dabei immer abstrakt bleibt und die Angst bis zum Ende unbegründet. Genial die Pointe, dass der anfangs völlig unbeteiligt in eine fadenscheinige Sache hineingezogene Pelzig durch sein beflissenes Eingreifen am Ende als alleiniger Schuldiger dasteht.
Der wahrhaftige Pelzig und seine aufgesetzten Mitspieler
Interessanterweise wird man das Gefühl nicht los, dass ausgerechnet Barwassers Pelzig auf der großen Bühne des Bayerischen Staatsschauspiels die einzige wahrhaftige Figur ist, während seine Mitspieler vergleichsweise vorhersehbare Typen markieren: Barbara Melzls taffe, aber verführbare Ermittler-Chefin Dr. Irene Winter gemeinsam mit Felix Rechs nervösem, weichherzigem Ermittler-Nachwuchs Dirk Ranninger; Gerd Anthoffs Youssef, der maximale Seriosität statt Nahost-Teint verkörpert; Lisa Wagner als oberflächlich gutgelaunte Nachbarin Anne Sailer, für die der Kleinbürger als Babysitter herhalten muss; Mutter Winter, die Heide von Strombeck als ungestümes Mädchen spielt, das partout nicht ins Altersheimbett gehen will. All diese Figuren aber brauchten weniger Aufgesetztheit und mehr Herz, um gemeinsam mit Pelzig den Abend zu tragen.