26.07.2009 · Fürstin Gloria kam nach Salzburg, Gottschalk sowieso. Der Anlass aber durchbrach die gesellschaftlichen Erwartungen: Zur Eröffnung der Festspiele gab es Händels „Theodora“, eine undramatische Folge von überwiegend in Moll gehaltenen Arien. Das war anstrengend und ungemein bereichernd.
Von Christian WildhagenDie Fürstin Gloria war da, der Herr Bundespräsident Fischer und die österreichische Staatsspitze auch – und der Gottschalk sowieso. Die Abendroben rauschten prächtig um die Wette, und der Wert der zur Schau gestellten Juwelen hätte jeden klammen Finanzminister begehrlich machen können. Von Krise also keine Spur bei den Salzburger Festspielen 2009.
Etwas jedoch ist anders in dieser Saison. Noch immer ist Händel-Jahr, und so hatte die Festspielleitung für die Eröffnungspremiere diesmal nicht auf ein Operngroßwerk eines der Lokalheroen Mozart oder Strauss gesetzt, sondern auf ein Oratorium des Barockmeisters, das nach dessen eigener Praxis szenisch gegeben wurde. Dass die Wahl dabei auf „Theodora“ fiel, den vorletzten von Händels siebzehn Beiträgen zur Gattung, war wohl in erster Linie dem Motto des Festivals geschuldet, das in diesem Sommer dem „Spiel der Mächtigen“ nachspürt.
Kein Aktionismus!
Die Geschichte der Christin Theodora, die zu Zeiten des Kaisers Diokletian im besetzten Antiochia in die Fänge des selbstherrlichen Statthalters Valens gerät und lieber den Tod wählt, als auf seinen Befehl heidnischen Götzen zu opfern, passt tatsächlich schulbuchmäßig zu diesem Motto. Händels Musik hingegen entzieht sich jeder eindeutigen Kategorisierung. Die 1750 entstandene Vertonung eines Librettos von Thomas Morell ist ein ausgeprägtes Spätwerk und verweigert nahezu jede theatralische Wirkung. Die Arien sind beherrscht von theologischer Reflexion, ja Kontemplation, und die meisten Chöre steigern sich in eine asketische Gottesfürchtigkeit, vor der die Jubeltöne des neun Jahre früher komponierten „Hallelujah“ unbotmäßig verweltlicht klingen. Weit hat sich Händel hier vom Stil des „Messiah“ und des „Saul“ entfernt, frappierend die Vorahnungen des frühen Haydn und mehr noch die Nähe zur späteren Kirchenmusik des Händel-Verehrers Mozart. Im Ganzen aber ist „Theodora“ mit ihrer undramatischen Folge von überwiegend in Moll gehaltenen Arien fraglos das Gegenteil jenes festlichen Eröffnungswerks, das Anlass und gesellschaftliche Erwartungen zum Auftakt eines Festivals wie Salzburg zu gebieten scheinen.
Dass auffällig viele Besucher der gut vierstündigen Aufführung nicht bis zum Ende folgen wollten, mochte man aber auch der Regie von Christof Loy zuschreiben, die die Askese von Händels Werk kompromisslos auf die Szene übertrug. Loy begeht in seiner Inszenierung nicht den Fehler, den Mangel an äußerer Handlung durch Aktionismus zu kompensieren; auch optisch bleibt die Produktion bewusst karg. Gespielt wird in schwarzen Anzügen vor einem Einheitsbühnenbild (Annette Kurz), einer in scheinbar unendliche Höhen wachsenden, doch halbverdeckten Riesenorgel. Eine Reihe von blassgelben Stühlen, mit denen ausgiebig hantiert wird, bildet das zentrale szenische Element, das an eine konzertante Aufführung denken lässt.
Gelüste sind stärker als der Tod
Vor diesem Rahmen treten die Solisten in gut brechtscher Manier in ihre Rollen, nur Theodora, eindringlich verkörpert von Christine Schäfer, macht keinen Unterschied zwischen Sein und Darstellung – sie ist in fast autistischer Weise stets ganz bei sich selbst. Dass Loy ihr diese Identität zugesteht, hat einen Grund: Er verhandelt an ihrem Beispiel das zeitlose Thema von Keuschheit und sexueller Enthaltsamkeit. So wie die antike Märtyrerin Theodora vom Statthalter Valens für ihren Widerstand gegen die heidnischen Kulte mit öffentlicher Vergewaltigung im Soldatenbordell bedroht wird, muss sich auch die moderne Gläubige, die um ihrer Überzeugungen willen körperlicher Lust entsagt, der Zudringlichkeiten durch den Sänger des Valens und die Choristen erwehren. Der vom Libretto konstruierte Gegensatz von christlich-keuscher Gottesliebe und heidnisch-dionysischer Orgienlust, heute kaum noch glaubhaft zu machen, erhält so eine unmittelbare persönliche Ausprägung in der Figur der Theodora.
Auch der römische Soldat Didymus, von Theodora zum Christentum bekehrt, steht zwischen diesen Polen. Er rettet die Unbeugsame aus dem Gefängnis und ist bereit, an ihrer Stelle zu sterben. Doch erst als er erkennt, dass er Theodora nicht um ihrer körperlichen Reize willen begehren, sondern ob der Stärke ihres Glaubens lieben muss, ist Didymus reif, mit ihr in den Tod zu gehen. Die Inszenierung verdeutlicht dies in einem einfachen, aber starken Bild: Durch Kleidertausch verlieren die beiden Protagonisten ihre geschlechtliche Identität, ihre Liebe ist nunmehr rein von allen irdischen Gelüsten und damit stärker als der Tod.
Machtstrotzende Willkür
Trotz der Kraft dieses Schlusses ist man Ivor Bolton und dem hervorragenden Freiburger Barockorchester dankbar, dass die von Stück und Regie beschworene Askese nicht gänzlich auf die musikalische Seite übergreift. Bolton lässt durchaus sinnlich und mit viel Gespür für die barocke Rhetorik musizieren. In Christine Schäfer und dem Countertenor Bejun Mehta (Didymus) stehen ihm zwei intensive Sängerdarsteller zur Verfügung, die obendrein in den beiden Duetten betörend harmonieren. Zudem pflegt jeder eine Kultur des leisen, fast vibratofreien Tones, dessen körperloser Klang gut zu den entsagungsbereiten Figuren passt.
Zum magischen Moment wird Theodoras Arie „Angels, ever bright and fair“, die Schäfer wie ein entrücktes Gebet zum Himmel sendet, während sie vom Hauptmann Septimius ins Gefängnis getragen wird. Auf ähnlich hohem Niveau bewegt sich Bernarda Fink in der kleinen Rolle der Irene, deren Arie „Defend her, Heav’n“ die ganze Angst, aber auch die Glaubenszuversicht der verfolgten Christen spürbar werden lässt. Mit seinen fulminanten, etwas ruppigen Auftritten verkörpert Johannes Martin Kränzle als Statthalter die heidnische Gegenseite in all ihrer lust- und machtstrotzenden Willkür. Dem jungen Tenor Joseph Kaiser gelingt dagegen als Septimius das subtile Porträt eines Überläufers, der durch Mitleid bekehrt wird. Nicht zuletzt trägt der ungewöhnlich klar und textdeutlich singende Bachchor Salzburg zum intensiven Eindruck dieser anspruchsvollen, anstrengenden, ungemein bereichernden Premiere bei.