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Eröffnung der Ruhrtriennale : In der Masse ist der Mensch ein Angsthase

Brigitte Christensen als Königin Alceste und Thomas Walker als König Admeto am 9. August bei Probeln zu Glucks „Alceste“ in der Bochumer Jahrhunderthalle Bild: dpa

Pathos und Zerstreuung: Die zweite Ruhrtriennale unter der Leitung von Johan Simons eröffnet mit einer Frage von Carolin Emcke und einer Antwort von Christoph Willibald Gluck.

          Auf dem Titelblatt des Programms zur Eröffnungspremiere wird in edel verschnörkelten Lettern alles mitgeteilt, was man wissen muss. Nicht Komponist, nicht der Titel des Stücks, nicht Datum, Zeit oder Ort, keine überflüssigen Informationen. Nur das Wesentliche: „FREI + TOD“. Kein Oder, kein Entweder. Nur: Und.

          Eleonore Büning

          Jahrgang 1952, Redakteurin im Feuilleton.

          Eine starke Setzung, die das Ende vorwegnimmt. Regisseur Johan Simons, als Kurator zugleich gesamtverantwortlich für diese seine zweite Ruhrtriennale, ist kein Freund vieler Worte. Einzelworte jedoch, die kategorischen, pointenreifen, finalen, die liebt er. Mit der Gattung Oper geht diese Leidenschaft, anders, als im Schauspiel, nicht allezeit gut zusammen. Denn die Musik lebt vom Wunder der variierten, verzierten Wiederholung, auch Librettoworte werden stets mehrfach da capo gesungen, was auch noch für die Reformopern von Christoph Willibald Gluck gilt, besonders für seine „Alceste“ von 1767, in der mehr als drei Stunden lang viel geredet wird und nichts passiert.

          Was wurde aus den Werten der Aufklärung?

          Etliche dieser Reden sind Selbstgespräche. Das ist just der Reiz und das Neue dieses großartigen Werks: dass die eigentliche Handlung ins Innere der Protagonisten verlegt ist. Ein Kollektiv diskutiert und räsoniert, zaudert und schreckt zurück vor Entscheidungen. Alle miteinander, Chöre, Solisten, Orchester sorgen sich, was passieren könnte, was nicht passieren darf und was furchtbarerweise demnächst passieren wird. Im ersten Akt geht es darum, dass König Admetos sterben könnte. Im zweiten Akt redet man darüber, dass Königin Alceste sterben möchte. Und am Ende sterben, zumindest in der Version von Simons, alle beide: vereint und befreit durch den Tod, ganz im Mozartschen Sinne.

          Bevor aber René Jacobs in der Jahrhunderthalle Bochum beide Hände hebt, um den Einsatz zur von Affekten zerrissenen, höchst beredten Ouvertüre zu heben, redet Carolin Emcke. Sie hält die Eröffnungsrede der Triennale. Spricht über die Qual der Echtzeit-Zeugenschaft, die jeden von uns erwischt, die wir auf allen Kanälen an den tätigen Scheußlichkeiten der Welt, Kriegen, Morden, Töten, live teilnehmen und „zu optischen Komplizen“ gemacht werden. Fragt nach, wann die Werte der Aufklärung, die in edel verschnörkeltem Design als Motto der diesjährigen Triennale vorflattern, „Brüderlichkeit“, „Gleichheit“, vor allem aber „Freiheit“, entkernt und zu toten Worthülsen wurden. Emcke fordert Zivilcourage: Jeder Einzelne müsse sich heute selbst seine eigne, neue Übersetzung dieser Begriffe erarbeiten, sie wieder aus dem Totenreich zurückholen. Nur, wie?

          Riesenhafte Halle mit naturhaften Zügen

          Es dauert nicht lang, da erteilt der Opernchor - es ist der junge, wild-bewegliche MusicaAeterna-Chor, angereist aus Perm - dem Pathos der Emckeschen Rede die erwartbar zerstreute Antwort. Es ist zum Heulen. In der Masse ist der Mensch kein Held, er ist ein Angsthase. Die Bürger aus Pherai, Hauptstadt von Thessalien, aufgerufen, das Orakel zu erfüllen, kneifen. Es lautet: Der König wird weiterleben, wenn ein anderer für ihn stirbt. Jedem Einzelnen aber ist das kleine Glück lieber als die große Verantwortung, sie alle singen, machtvoll und da capo: „Sorgen, Leidenschaften, Ängste und Verdächtigungen sind die Tyrannen der Könige.“ Und gehen ab und nach Hause.

          Der Chor rennt, und die Halle spielt nicht mit.
          Der Chor rennt, und die Halle spielt nicht mit. : Bild: Julian Roeder/Ostkreuz

          Ach, das dauert, bis sie alle abgetreten sind. Die Jahrhunderthalle in Bochum wirkt als Spielstätte immer wieder so fabelhaft, weil sie in ihrer Riesenhaftigkeit, als Landschaft zweiter Ordnung, schon wieder naturhafte Züge hat. Jacobs und das Orchester warten also geduldig mit dem Weiterspielen, bis der letzte Chorist die Tür erreicht und das Fußtrappeln verstummt. Irritationen dieser Art gibt es öfters. Die Halle spielt an diesem Abend offenbar nicht mit.

          Pure Pracht und Herrlichkeit

          Dabei ist Glucks „Alceste“ keineswegs die erste Ruhrtriennale-Oper, die ursprünglich für ein historisches Guckkastentheater komponiert worden war. Stets mussten die Regisseure und Musiker den langen Nachhall austricksen, große Entfernungen kompensieren, den intimen Ausdruck des flüchtigen Musik-Augenblicks sinnvoll vergrößern und vergröbern, mit Hilfe von Video und Mikroport. Simon indes hat in „Alceste“ auf filmische Zutaten ganz verzichtet, auch an der Requisite (nur hundert Plastikstühle) gespart, und die Personenführung gegen null reduziert. Er hatte genug damit zu tun, die enorme Länge der rabenschwarzen Spielfläche damit vollzurödeln, dass er die Sänger immerzu von einer Seite auf die andere spurten lässt.

          Das Orchester, mittig plaziert, leuchtet golden als ein Pol der Ruhe oder eine Insel der Seligen. Der Chor scheint nicht verkabelt zu sein. Das Orchester ist verstärkt, die Solisten sind es auch. Wer also in Block B sitzt, an der Schmalseite der ebenen Spielfläche, hat Pech gehabt. Er hört das Orchester zur Hälfte über Lautsprecher von oben, zur anderen Hälfte von vorn, real; die Sänger fast nur aus den Boxen; und den Chor, je nachdem, wo er gerade herumläuft, leise oder laut; und jeder Ton kommt zu einem anderen Zeitpunkt an. Gerade, weil Jacobs so vorbildlich schnell und scharf pointiert musiziert, ergeben sich enorme Differenzen. Ich habe das Glück, einen Kollegen zu treffen in der Pause, der mich mitnimmt in Block A, wo Schluss ist mit der akustischen Gluck-Marmelade. Hier, direkt gegenüber vom Orchester, ist das Klangbild phantastisch ausbalanciert und im Lot. So viel zum Thema „Gleichheit“.

          Der MusicAeterna Chor bei der Generalprobe der Barockoper
          Der MusicAeterna Chor bei der Generalprobe der Barockoper : Bild: dpa

          Und wie verhungert, verstolpert diese Inszenierung auch wirken mag: Die Musik entschädigt uns reichlich. Sie ist pure Pracht und Herrlichkeit, bis zur letzten, dem Finale angeklebten Chaconne. Die von Jacobs handverlesenen Musiker des B’Rock Orchestra tauchen die Affektstürme, in denen König und Königin schier vergehen, in die buntesten, schillerndsten Farben. Fagott und Englischhorn helfen Alceste (rund und schön: Birgitte Christensen) beim Verzweifeln an sich selbst, Chalumeaux und Flöte dem Admetos (hell und flüssig: Thomas Walker). Beide Hauptpersonen aber erblassen zu Marmor, wenn Bariton Georg Nigl auftritt. Er hat zwar nur die kleinen Scharnier-Rollen zu singen. Ist aber immer zur Stelle, wenn etwas in Bewegung kommt, ist Herold, Priester, Orakel und Apoll. Singt wie ein Gott. Bewegt sich wie eine Rampensau, lebendig, wuchtig, komisch, unwiderstehlich. Und nimmt die rührend kleinen, starken Königskinder in Obhut, die am Ende übrig bleiben.

          Weitere Aufführungen in der Jahrhunderthalle Bochum

          Samstag, 20. August, 20 Uhr
          Sonntag, 21. August, 17 Uhr

          Donnerstag, 25. August, 20 Uhr

          Samstag, 27. August, 20 Uhr
          Sonntag, 28. August, 17 Uhr

          Quelle: F.A.Z.

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