03.08.2009 · Als das teure Essen in der Sonne verdarb: Als Regisseur war Peter Zadek arrogant und charismatisch, präsent und unabweisbar. Man möchte die Zeiten, die man ihm verdankt, noch einmal erleben. Eine Erinnerung.
Von Claudius SeidlEinmal, es muss im späten Sommer 1982 gewesen sein, bestellte Peter Zadek einen Lastwagen, voll mit gutem, teurem Essen vom Dallmayr oder Käfer, aufs Studiogelände der Bavaria in Geiselgasteig; er brauche das, hieß es, damit die folgende Szene auch lebensnah wirke – und dann gab es aber eine Meinungsverschiedenheit mit dem Produzenten, und Peter Zadek gefiel es, die Szene, die gerade auf dem Drehplan stand, noch einmal und noch einmal und zum zwanzigsten Mal zu proben und zu drehen. Und von ihren Büros im Hauptgebäude aus konnten die Herren der Bavaria hinuntersehen auf den Lastwagen, der in der Sonne stand und in dem das schöne Essen vergammelte und verdarb.
Ich durfte, als Aushilfs-Aufnahmeleiter, damals Peter Zadek aus weiter Ferne zuschauen beim Regieführen; er war arrogant und charismatisch zugleich – und so präsent, so unabweisbar in der Rolle des Regisseurs in jener Komödie, als welche ich diese Dreharbeiten wahrnahm, dass der Film, „Die wilden Fünfziger“, fast zur Nebensache wurde. So viscontihaft, so sinnlich und präzise, wie es die Aktion mit dem Lastwagen versprach, ist er leider nicht geworden, was am Drehbuch lag, das Johannes Mario Simmels Kolportage „Hurra, wir leben noch“ nicht in den Griff bekam; und am Geld, das fehlte. Dass Zadek es konnte, hatte er 1969 bewiesen, mit dem Film „Ich bin ein Elefant, Madame“, den man noch heute jedem jungen Menschen zeigen möchte, damit der das Rebellieren lerne.
Der Sexappeal des Bösen
Ach, dass das Theater eine vorübergehende Kunst ist, macht uns Kinogänger nur selten traurig, und dass es der Stoff ist, aus dem die Träume sind, spürt man dann doch in Momenten wie dem, da der Tod Peter Zadeks gemeldet wird – und man sofort wieder nach Berlin fahren möchte, zurück ins Jahr 1981, um noch einmal die Schocks zu sortieren, welche Zadeks „Jeder stirbt für sich allein“ provoziert hatte, jene Inszenierung, die so dreist wie sonst nur Viscontis „La caduta degli dei“ die Embleme der Nazis mit dem Reiz von nackter Haut und dekadenter Lust verschmolz; man saß, unruhig, aufgewühlt, im Schiller-Theater und ertappte sich dauernd dabei, dass die eigenen Gefühle bedingungslos vor dem Sexappeal des Bösen kapitulierten.
Man möchte nach München reisen, ins Jahr 1997, und noch einmal Zadeks „Richard III.“ sehen, jene Inszenierung, die, als sie auf den Wiener Festwochen ihre Premiere hatte, manche Kritiker so ärgerte, dass die forderten, Zadek möge seine Regiegage zurückzahlen. Es muss wohl daran gelegen haben, dass die Männer zeitgemäße Strumpfhosen trugen und die Frauen spätmittelalterliche Hauben, ein Bühnenbild gab es eigentlich auch nicht, und in München, wenn die Erinnerung nicht trügt, trat Sibylle Canonica, die Schuhe trug, mit Wut und Wucht auf den Fuß von Paulus Manker, der keine Schuhe trug, und danach war Mankers Richard noch böser, noch besser. Und man sah, man spürte und hörte mal wieder, dass Zorn und Zauber eines Shakespeare-Dramas nicht viel mehr brauchen als Körper, Stimmen und einen Regisseur, der den richtigen Rhythmus hat.
Ach, wenn Dichter oder Kinomenschen sterben, trösten wir uns damit, dass die Werke bleiben. Aber angesichts dieser Todesnachricht möchte man die Bilder, die man noch im Kopf hat, fotografieren, die Töne aufnehmen, die Schocks und das Glück des Zuschauers in die Gefriertruhe legen, damit sie möglichst lange halten. Es ist ein Jammer.
Claudius Seidl Jahrgang 1959, verantwortlicher Redakteur für das Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.
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