18.04.2009 · Die Nobelpreisträgerin als Nervensäge, Spottdrossel und Worthülsenkaspar: In Köln wurde Elfriede Jelineks „Die Kontrakte des Kaufmanns“ uraufgeführt. Das Textkapital schmolz dabei leider durch eine Inflation theatralischer Mittel.
Von Andreas RossmannDer Countdown läuft. Das neue Stück von Elfriede Jelinek hat neunundneunzig Seiten, und diese Zahl passt gerade noch, so Regisseur Nicolas Stemann, der das Publikum als Conferencier begrüßt und es in wechselnden Funktionen durch den Abend geleitet, auf das große, zweistellige Display, das rot auf schwarz anzeigt, wie viele Seiten die Uraufführung noch vor sich hat. Ansonsten aber weist die monologartige Textsuada, die, so die Autorin, „an jeder beliebigen Stelle anfangen und aufhören“ kann, kaum gliedernde Strukturen auf, bis auf „etliche Akte“ (die aber keine klaren Grenzen haben), keine Szenen und auch keine Rollen, lediglich die zahlenmäßig nicht näher bestimmten Figurengruppen „Chor der Greise“, „Engel der Gerechtigkeit“ und „mehrere Engel der Ungerechtigkeit“.
Groß sind die Textmassen, die sie zu bewältigen haben, eine Montage aus Lamento, Tirade, Agitrap und Gebet, dabei voller Wiederholungen, Witze, Witzeleien und Wortspiele, die semantische Haken schlagen und überraschende Wendungen nehmen. Oben drüber steht immerhin ein Titel: „Die Kontrakte des Kaufmanns“.
Bissige Bilanzkommentare
Klingt ganz bürgerlich-seriös und ist auch schon die erste flache Ironie. Geht es doch um nichts Geringeres als um die jüngsten Krämpfe des Kapitalismus, die die Autorin für dessen letzte Zuckungen hält, wie sie die Welt verändern und Angst und Schrecken verbreiten. Geschrieben hat Elfriede Jelinek das Stück im Sommer 2008, noch ehe die Blase platzte und der Finanzmarkt dominoeffektiv ins Rutschen geriet.
Anlass waren die Pleiten der Gewerkschaftsbank Bawag und der Meinl-Bank in Österreich - zwei Skandale von Untreue und Finanzfälschungen, die zum Vorspiel für das globale Beben werden sollten. Schon wurde das Stück als Abrechnung mit den Auswüchsen des Neoliberalismus annonciert. Die Dramatikerin als hellsichtige Prophetin?
„Eine Wirtschaftskomödie“, aber die ist, entgegen den Ansprüchen der Gattung, hier nicht unbedingt ernst zu nehmen. Elfriede Jelinek mutet Lesern und Zuschauern einiges zu, versucht sie doch erst gar keine szenische Analyse geldwirtschaftlicher Vorgänge, um in geradezu zermürbender Monotonie Sprechakte und Sprechblasen des Bank- und Finanz(un)wesens, der Wertpapiertiger und Profitgeier, Kredithaie und Steuerparadiesvögel wie auch der Klein- und „Einbisschenanleger“, der Geldgierigen und Geprellten zu collagieren - ein Bestiarium der Behauptungen, das aber keine Zähne und schon gar keine Raubtierpranke zeigt, sondern sich in bissigen Bilanzkommentaren erschöpft. Ohne deshalb so bald ein Ende zu finden: das Theater als Reißwolf der Repetition.
Der Immobilienmarkt als Monopolyverlustspiel
Ein Seniorenpaar, Ralf Harster und Therese Dürrenberger als Philemon und Baucis der Kleinanleger, tritt auf und setzt sich auf eine Couch, die noch die Schutzhülle trägt und ihm, da sie noch nicht bezahlt ist, nach all seinem Klagen über entfallene Sicherheiten und finanzkräftige Enttäuschungen unter dem Allerwertesten weggezogen wird.
„Der Börsenkurs ist gefallen, weh, weh, weh!“ klagt der „Chor der Greise“ nach antikem Muster, aber es sind fünf dynamische junge Leute, die nun erst einmal den Ton angeben: Eine „schnelle theatrale Eingreiftruppe“, wie Stemann das Ensemble nennt, die, drei Damen im Kostüm, zwei Herren im Banker-Outfit, glatt und zynisch durch die Krise surft. Was haben sie sich nicht alles geleistet: „Wir haben Ihnen etwas versprochen, das wir gar nicht haben versprechen können, Entschuldigung wir haben uns versprochen!“
Der Immobilienmarkt als Monopolyverlustspiel, die Hauptversammlung - „HV genannt, besser als HIV, positiver“ - als neuer Gottesdienst. So geht das stundenlang. Die Nobelpreisträgerin als Nervensäge, Spottdrossel, Worthülsensuppenkasper.
Ihre Polemik gibt keine neuen Auskünfte
Franziska Hartmann, Maria Schrader und Patrycia Ziolkowska, Daniel Lommatzsch und Sebastian Rudolph erledigen das mit Verwandlungsverve, doch Charaktere gibt der Text nicht her, nur Kabarett-Typen, die viele Facetten auffächern.
Die Irrealität der Finanzströme kann auch Elfriede Jelinek nicht begreifbar machen und über die anonyme Macht des Geldes, und was es aus den Menschen zu dominieren imstande ist, geben, anachronistisch genug, Horvaths „Kasimir und Karoline“, Sternheims „Kassette“ oder selbst Brechts dröger „Guter Mensch von Sezuan“, gegenwartsbewusst inszeniert, tiefenschärfere Auskünfte als ihre aktuelle Polemik.
Denn es ist eine kuriose Vorstellung des Geldes, die, wie es personifiziert, allegorisiert und mythisiert wird, ihr Stück durchzieht: Als ein Bruder Lustig von Florida-Rolf wird es hingestellt, der sich auf die Karibikinsel Aruba davongemacht hat, eifrig trainiert, ganz schön abnimmt und sich schließlich in heiße Luft auflöst. So ein Schlingel! Was ironisch gemeint ist, gerät zur grandiosen Verharmlosung. Eine Milchmädchenabrechnung.
Bildmächtige Illustrationen
Nicolas Stemann, der sich auch mal Jelineks Zopfperücke aufsetzt, redet sich gleich in seiner Begrüßung darauf hinaus, die Urlesung, die er vor ein paar Monaten in Wien arrangiert hat, fortschreiben zu wollen. Katrin Nottrodt hat dafür eine offene, nach hinten leicht ansteigende Bühne gebaut, auf der, wie es scheint, zwischen Musikinstrumenten und Modelleisenbahn nur geprobt wird.
Viele Schauspieler lesen den Text ab und lassen die Seite fallen, so dass am Ende der Boden übersät ist, das Licht im Saal bleibt gedimmt, die Türen zum Foyer offen. Revueartig aufgezogen, mäandert die Inszenierung zwischen Performance, Installation und Konzert, auf die Rückwand und beide Seiten werden Zeitungsartikel und Börsenkurse projiziert, Hiobsbotschaften laufen als Leuchtschriften.
Überhaupt sind so ziemlich alle Mittel von A wie „Action painting“ bis Z wie „Zaubertrick“ recht und vor allem billig: Maskenspiel und Mediensatire, Kalauer und Kommentar. Rhapsodisch wird das Tempo gewechselt, angezogen und wieder zurückgenommen, dazwischen gelingen, etwa wenn nicht die Blase, aber doch ein riesiger Luftballon platzt, bildmächtig ineinandergespiegelte Illustrationen.
Endlich ist der Countdown bei Null
Die Bühne als Zitatenbankhaus, in dem es Stemann mit Jelineks Stückwerk ganz ähnlich ergeht wie dem Kleinanleger mit seinem Ersparten: Das Kapital zerrinnt ihm, Folge einer Inflation der theatralen Mittel, zwischen den allzu verspielten Regiefingern.
Was im Kölner Schauspielhaus und, zu Beginn der nächsten Saison, am Thalia Theater Hamburg gezeigt wird, ist mehr als die Urlesung von „Die Kontrakte des Kaufmanns“, aber noch nicht die Uraufführung, sondern eine Art Urparaphrase. Gerade weil sich der Text der Szene verweigert, bietet er dem Theater Möglichkeiten für einen freien Zugriff - kälter, kritischer, konzentrierter, kürzer. Was hätte Frank Castorf zu seinen besten Zeiten wohl daraus gemacht?
In Köln dauert es mehr als dreieinhalb pausenlose Stunden, zu lange für eine Minderheit des Premierenpublikums, ehe das Display endlich auf „00“ springt. Der Countdown schleicht.
Originell hoch 99
T.P. Brantinger (Brantinger)
- 18.04.2009, 18:01 Uhr
Selbst völlig ahnungslos
Karl-Heinz Andresen (khaproperty)
- 18.04.2009, 21:05 Uhr