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„Elektra“ in Wien : Der Mythos frisst seine Kinder

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Was alte Flüche kosten, müssen sie bezahlen: Christiane von Poelnit als Elektra und Catrin Striebeck als Klytämnestra Bild: Georg Soulek

Vaterliebe und Muttermord, Traum und Wahn - zu viel für eine Frau, die leben will. Michael Thalheimer trifft im Wiener Burgtheater die „Elektra“ des Hugo von Hofmannsthal groß und wuchtig in ihr todessüchtiges Herz.

          Wo liegt Mykene? Der Ort, an dem die Flecken des Blutes der dort Ermordeten für Ewigkeiten an den Mauern krusten? Wo die Atriden sich seit Generationen innerfamiliär abschlachten, Töchter auf Altären fürs Kriegsglück der Flotte bedenkenlos opfern, vom Krieg heimkehrende Ehemänner im Bad mit dem Beil meucheln und mit dem Geliebten das blutgeschändete Bett teilen, bis Tochter und heimkehrender Sohn die Mutter und ihren Buhlen abstechen wie Vieh?

          Bei Sophokles, dem attischen Dramatiker, der den Göttern menschlich und den Menschen göttlich nahe war, liegt Mykene in seiner 413 vor Christus uraufgeführten „Elektra“ sozusagen im Mythos-Gymnastikraum eines von Wut, Hoffnung, Rache und göttlicher Sendung hin und her gehetzten jungen Mädchens, Elektra, das den Mord, den ihre Mutter Klytämnestra an ihrem aus dem trojanischen Krieg heimgekehrten Gatten Agamemnon verübte (mit dem Beil, im Bad), gleichsam wie eine Sprossenwand benutzt. Daran klettert sie hoch, um von oben herab ihre Mutter, der sie keine Chance lässt, erst argumentativ fertigzumachen, dann sie dem Schwert des heimlich heimkehrenden Bruders Orest auszuliefern. Sophokles schlägt sich auf die Seite Elektras. Der Mythos siegt: mit den Waffen einer jungen Frau. Gegen eine alte. Elektra triumphiert. Und lebt weiter.

          Bei Hugo von Hofmannsthal, dem Décadence-Dramatiker, der den Menschen symbolisch nahe war, die ihm mehr Traum als Wirklichkeit, mehr Vorstellung als Körper waren, liegt in seiner 1903 „frei nach Sophokles“ geschriebenen „Elektra“ Mykene auf der Couch. Des Dr. Freud. Dort räkelt und windet sich in inzestiös blutrauschgepeitschten Phantasien eine junge, in ihren toten Vater abgöttisch verliebte Frau, die einen „Geier in meinem Leib“ heranzüchtet, die Stunde des Mordes am Vater („Lass mich heute nicht allein“) wie ein Fest begattender Erinnerung feiert, ekstatische Tänze um das Grab des Alten durchrast, ihm Rosse und Hunde schlachten will, den Hass auf die Mutter wie einen Bettgenossen ihrem jungen, aber schon alt gewordenen Leib spendiert, ihre Wutanfälle wie Wehen einer Gebärenden erlebt. Der Mythos dampft: mit den Hysterien einer jungen Frau. Gegen eine alte Geschichte. Elektra tanzt. Und bricht am Ende zusammen.

          Zwiegespräch zwischen Mörderinnen
          Zwiegespräch zwischen Mörderinnen : Bild: REUTERS

          Im Wiener Burgtheater, wo jetzt Michael Thalheimer die „Elektra“ des Hugo von Hofmannsthal inszeniert hat, liegt Mykene in einer riesigen, schmalen, aus einer bühnenhohen schwarzen Wand vom Bühnenbildner Olaf Altmann herausgemeißelten Scharte, die von links oben leicht nach rechts unten führt. Die Psycho-Couch des Symbolisten Hofmannsthal, auf der die über einen Hirnriss gespannten Nerven einer (damals, um 1900) jungen modernen Frau die Scharten des alten Mythos sexualpathologisch überbrückten, wandelt sich zum Symbol einer gigantischen Welt-Scharte, in der nun nicht mehr die Nerven zählen. Sondern die Kosten. Eines Verbrauchs. An Menschen.

          Und da für Thalheimer, den großen Frauenfiguren-Regisseur, Menschen fast nur mit Frauen identisch sind (Männer kommen bei ihm kaum wenig mehr als Männlein vor), sieht man die ganze Menschheit in drei Frauengesichtern (und zwei unwichtigeren Männergesichtern). Urwuchtig. Gewaltig. Wie immer bei Thalheimer. Und da sie alle in der engen Scharte nur auftreten beziehungsweise sich aufpressen, aufwinden, aufsteilen, wirken sie wie Siegel, mit denen die Rechnung beglaubigt wird. Die das Auswetzen der Scharte kostet. Es ist die Rechnung eines Fraßes: des Mythos. Schauerbilanz dessen, was alte Flüche, Träume, Schuld und Tollheit, Gier und Hass und Blut und Rausch kosten. Thalheimer stellt sich nicht an den Anfang von Hofmannsthals Fin-de-siècle-Koloraturen über ein Thema von Sophokles. Er lässt alles, was Hofmannsthal an Parfüm, an Schwüle, an Schwulst und erotisch ungarem Inzest-Ambiente in erlesenen Sprachwolken aufsteigen lässt, verdampfen. Er denkt die Sache vom Schluss her.

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