22.01.2007 · Wenn sie die Carmen singt, bekommt Anna Netrebko die Mädchenrolle. Temperamentvoll, eindringlich und verführerisch zeugt Elīna Garanča von der Wiederkehr des Mezzosoprans. „Ist ein Traum, kann nicht wirklich sein“, singt die 30-jährige Lettin auf ihrer neuen Einspielung klassischer Arien. Stimmt.
Von Jürgen KestingNur in der Maske der Schönheit oder der körperlichen Perfektion, so scheint es, kann sich die moderne Gesellschaft ertragen. Heute müssen auch Geigerinnen und Sängerinnen intensive Leibesvisitationen über sich ergehen lassen, bevor sie auf die Bühne dürfen oder auf den Gesellschaftsseiten reüssieren. Da hundert Kilo Salomé sich für den Fall des siebten Schleiers nicht eignen, griff die amerikanische Sopranistin Deborah Voigt zu einer ungewöhnlichen diätetischen Maßnahme: Mit Hilfe einer „gastric bypass surgery“ nahm sie vierzig Kilo ab, bekam dafür mehr Schlagzeilen als für jedes „Hojotoho“ und Fotos, die beinahe glamourös waren.
Seit endlich durch die russische Sopranistin Anna Netrebko das Operninteresse all jener geweckt wurde, die besonders intensiv mit den Augen hören, gehört es zur universalen Werbestrategie, die CDs von Sängerinnen - aber auch von Geigerinnen wie Anne-Sophie Mutter, Hilary Hahn oder Janine Jansen - mit Hochglanzprospekten vorzustellen: Für ein Album unter dem Titel „Diva“ ließ sich die Sopranistin Renée Fleming von Lord Snowdon in Kostümen porträtieren, die den Roben von Primadonnen der Jahrhundertwende - Mary Garden, Rosa Ponselle und Maria Jeritza - nachempfunden waren. Die italienische Mezzosopranistin Cecilia Bartoli posierte prächtig dekolletiert für ihre Ariensammlung „Opera proibita“ wie einst Anita Ekberg vor dem Römischen Brunnen. Die tschechische Mezzosopranistin Magdalena Kozená präsentierte sich für ein Mozart-Album an der Seite ihres Lebensgefährten Simon Rattle chiffonumhüllt und sanft lächelnd wie eine zarte Elfe.
Als Diva geboren
Mit solchen Gala-Fotos wird jetzt eine Sängerin vorgestellt, die nach Auftritten in Salzburg und Wien, Paris und Berlin hoch im Kurs steht: Elīna Garanča. Vom Cover ihrer neuen CD blickt die 30-Jährige, in dunkle Hosen und einen schwarzen Pullover gewandet, wie eine blauäugige Katzenfrau. „Aria Cantilena“ lautet der zwar idiomatisch klingende, recht eigentlich aber pleonastische Titel eines Albums, mit dem die Deutsche Grammophon die in Riga geborene Mezzosopranistin als „eine geborene Diva“ vorstellt.
Dabei ist es seit jeher der Kummer vieler Mezzosoprane, dass die Rollen der Primadonna fast ausschließlich für Soprane geschrieben wurden. „Keine Höhe, keine Tiefe und dafür eine schwache Mittellage“, lautete ein Standardscherz über Sängerinnen, die nicht so hoch steigen konnten wie die Nachtigallen oder ein großes Theater mit weniger Dezibel füllten als die Heroinen in den Opern von Verdi und Wagner. Dass die „halben Soprane“ dabei sind, ihren Fachkolleginnen den Rang abzulaufen, liegt in einem Paradigmenwechsel des Repertoires begründet, der sich in den letzten Jahrzehnten vollzogen hat. Dieser Wechsel begann in den sechziger und siebziger Jahren mit der Renaissance der romantischen Belcanto-Oper von Gioacchino Rossini und Vincenzo Bellini, die viele Partien für wendige und, sofern es Hosenrollen waren, androgyn klingende lyrische Mezzos geschrieben haben, die tempo prestissimo durch die Serpentinen von Koloraturen jagen konnten. Dann sorgte die historische Aufführungspraxis dafür, dass die knapp vierzig Opern von Georg Friedrich Händel - die zwischen 1754 und 1920 nie aufgeführt wurden - in die Spielpläne zurückkehrten. Dabei wurden die Kastratenpartien nicht länger durch Transpositionen für Bariton vermännlicht, sondern von Mezzos oder Countertenören gesungen.
Neben ihr singt Anna Netrebko das Mädchen
Auch für die Opern von Antonio Vivaldi, die aus 250-jährigem Archivschlaf geweckt wurden, brauchte man weniger Zwitschersoprane als lyrische Mezzos. Und als René Jacobs eine Antwort auf eine ästhetisch heikle Frage suchte - „Wir haben keine Kastraten mehr, was nun?“ -, wählte er die kanadische Mezzosopranistin Vivica Genaux für eine Sammlung von Arien, mit denen der legendäre Farinelli zehn Jahre lang jede Nacht den depressiven spanischen König Philipp V. unterhalten hatte. In einer barock-typischen Nachtigallen-Arie jubiliert es zehn Minuten lang. Der Reiz vieler dieser Mezzostimmen liegt im Androgynen. Sie vereinen sozusagen Romeo und Julia in einer Kehle.
Bei Elīna Garanča hingegen ist deutlich zu hören, dass sie eine Rolle wie Carmen in der Kehle hat - auch wenn sie die Partie erst Ende dieses Jahres in Riga erproben wird, um sie 2010 an der Wiener Staatsoper unter Mariss Jansons zu singen: mit Anna Netrebko in der Mädchenrolle der Micaëla und Rolando Villazón als Don José. In die Champions League der Stars ist die Tochter eines Musikerehepaares - die Mutter ist ein Mezzo, der Vater Chordirigent - rasch aufgestiegen. Sie studierte zunächst bei ihrer Mutter, danach an der lettischen Musikakademie und in Wien. Die Regisseurin Christine Mielitz hörte sie beim Wiener Belvedere-Wettbewerb und engagierte sie an das damals von ihr geleitete Theater in Meiningen, an dem sie sich so gut bewährte, dass ihr schon nach einem Jahr Rollen wie Orlovsky in der „Fledermaus“ und die des Oktavian im „Rosenkavalier“ übertragen wurden.
Es gibt keine wirklich kleinen Rollen
Nachdem sie 1999 in Finnland den Mirjam-Helin-Wettbewerb gewonnen hatte, wurde sie für zwei Jahre an die Frankfurter Oper engagiert. Bei „Singers of the World“ in Cardiff erregte sie die Aufmerksamkeit eines Agenten, der ihr ein Vorsingen an der Wiener Staatsoper verschaffte. Dass sie 2002 bei ihrem Debüt als Lola in „Cavalleria Rusticana“ mehr Aufmerksamkeit fand als die Sängerin der Santuzza, zeigt, dass es keine wirklich kleinen Rollen gibt. So gelang es ihr auch, bei ihrem Salzburger Debüt in Mozarts „La Clemenza di Tito“ - dirigiert von Nikolaus Harnoncourt und inszeniert von Martin Kusej - mit der Nebenrolle des Annio im Mittelpunkt zu stehen.
Seit 2004 hat sie nur noch Hauptrollen gesungen: Dorabella in „Così fan tutte“ an der Wiener Oper, bei den Salzburger Festspielen und an der Oper in Paris; die hochvirtuose Partie der Angiolina in Rossinis „La Cenerentola“; Mozarts Cherubino in „Figaro“, Sesto in „La Clemenza di Tito“ und Strauss' Oktavian in Wien. Ihr Debüt in London als Dorabella steht kurz bevor; das an der Metropolitan Opera, als Rosina in Rossinis „Il Barbiere di Siviglia“, ist für 2008 geplant.
Keine Primadonna
In der Partie der Rosina ist sie auch im Mitschnitt einer Münchner Live-Aufführung vom Mai 2005 zu hören - weniger als Weibsteufel, der bei Liebeshändeln „wie eine Viper“ sein kann, sondern empfindsam, weiblich. Zu dieser ein wenig marionettenhaften Rolle habe sie, erzählt sie in Wien, keine so starke Beziehung wie etwa zu Charlotte in „Werther“ von Jules Massenet, dem sensiblen Erkunder der „féminité“. Wenn sie diese Figur, das Fast-Opfer eines Liebesanarchisten, verkörpert hat, fühle sie sich erschöpft - nicht ob der stimmlichen Anstrengung, sondern der seelischen Belastung. Singen heiße „Emotionen spürbar werden zu lassen“, und das koste, auch wenn man die Kontrolle über sich nicht verlieren dürfe, seelische Kraft.
Die große Mezzosopranistin Christa Ludwig, von der sie manchen Rat bekam, hat ihre Erinnerungen unter dem Titel „Ich wäre so gern Primadonna gewesen“ veröffentlicht. Was Ludwig gerne gesungen hätte, waren jene ersten Rollen, die für die großen dramatischen Soprane geschrieben worden sind: Leonore in „Fidelio“, Brünnhilde und Isolde. Sie hat es eine Zeitlang getan: von Beifall belohnt, aber nach mancher „Fidelio“-Aufführung zum Besuch beim HNO-Arzt gezwungen. Danach hat sie es gelassen. Elīna Garanča stimmt das nachdenklich. Der Anlage nach ist ihre volle, kräftige Stimme kein Stimmchen, und wegen ihres exuberanten Temperaments ist sie, trotz ihrer vorzüglichen Koloraturtechnik, an verzierten Partien der Barockmusik weniger interessiert als an dramatischen Partien wie der der Eboli in „Don Carlos“ oder der rachsüchtigen Amneris in „Aida“. Noch nachdenklicher wird sie, als man ihr den Satz des großen englischen Produzenten Walter Legge vorliest, der zum Schutz von Shirley Verrett, einer anderen großen Mezzosopranistin, die so gern Primadonna geworden wäre, ein striktes Eboli-Amneris-Verbot verlangte. „Ich bin jetzt dreißig“, sagt Elīna Garanča, „mal sehen, wie die Stimme klingt, wenn ich vierzig oder fünfundvierzig bin.“
Das neue Album mit der Staatskapelle Dresden unter Fabio Luisi ist ein Volltreffer; eines der eindringlichsten Vokal-Recitals seit langem. Elīna Garanča überrumpelt zu Beginn mit einem stürmischen Lied aus „Las hijas del Zebedeo“, einer Zarzuela des spanischen Komponisten Ruperto Chapí, rührt zu Tränen mit der bewegenden Brief-Arie der Charlotte aus Massenets „Werther“, entzückt mit den Teilchenbeschleunigungen der Koloraturen in Angiolinas Final-Rondo aus Rossinis „La Cenerentola“, phrasiert das fünfte Stück aus Heitor Villa-Lobos „Bachianas brasileiras“ wie ein Geiger mit meilenlangem Bogenarm und erweist sich im Chanson der Grande-Duchesse de Gérolstein - „J'aime le militaire“ - als frivole Verführerin. Und wenn sie am Ende zusammen mit Diana Damrau das finale Duett aus dem „Rosenkavalier“ anstimmt - „Ist ein Traum, kann nicht wirklich sein“ -, besingt sie genau die Empfindungen, die sie mit ihrer Sammlung auslöst.