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Veröffentlicht: 07.07.2014, 12:48 Uhr

Bariton Christian Gerhaher im Gespräch Die übertriebene Träne ist nicht richtig

Er ist der beste und der vielseitigste Bariton unserer Tage, weltweit gefragt für Lied und Oper. Gerade hat Christian Gerhaher ein neues Album herausgebracht. Ein Gespräch über das Liedersingen und die prinzipielle Unschärfe der Kunst.

© Rainer Wohlfahrt Und er lacht doch: Christian Gerhaher bei seinem Frankfurter Gastspiel

Herr Gerhaher, warum sieht man Sie nie lachen?

Das geht ja gut los!

Müssen Liedsänger immer so dunkel gucken, mit diesem ernsten, deutschen Liedsängerblick, der an die Grenzen der Menschheit streift, den auch Fischer-Dieskau schon so gut drauf hatte? Natürlich denken die Leute nun, Sie seien ein sehr komplizierter Mensch...

Das werde ich wohl auch sein. Meine Frau findet mich auch nicht besonders humorvoll. (lacht)

Sie haben gerade in Frankfurt den Don Giovanni gesungen. Großartig! Aber nie zuvor habe ich so einen depressiven Don gesehen! Da schleichen Sie als giftiger alter Zausel im Dunkeln herum, weiß der Himmel, was Elvira und die anderen Damen an dem Kerl finden!

Ja, der Don Giovanni ist eine Rolle, bei der man nicht gleich an mich denkt. Und es ist auch überhaupt keine Rolle, an die ich gedacht hatte, wenn ich an Opernpartien dachte. Ich hatte von vorneherein gesagt, dass ich das nur machen kann mit einem speziellen Regisseur und, wenn ich auch im Rollstuhl auf die Bühne darf. Der Regisseur war Christof Loy...

... und der hat Sie zu Fuß gehen lassen, und Sie haben sich auch vorbildlich sportlich geprügelt und mit dem Florett gefochten. Was ist das für ein Typ, Ihr Don?

Don Giovanni ist eine dieser starken archetypischen Theaterfiguren der europäischen Neuzeit. Wie Faust oder Hamlet oder Homburg. Das Reißen an der Decke des menschlichen Seins, das verbindet ihn mit dem Faust, aber er hat viel weniger Inhalt zu bieten als Faust. Don Giovanni ist nur so ein Stück Fleisch. Ein böser Mensch ist er, ein Mörder, Vergewaltiger, ein Lügner und Betrüger. Trotzdem hat er etwas, das von vielen Menschen als Ideal angestrebt wird: Er kann ganz im Augenblick leben. Dieses Im-Augenblick-Sein hat mich fasziniert, weil ich denke, dass der Don dadurch zur Mozartschen Opernfigur schlechthin geworden ist.

Wie meinen Sie das?

Was in der Oper bei Mozart neu hinzukam, im Vergleich zu den Nummernopern der Barockopernzeit vorher, ist, dass die Handlung nicht mehr so sehr in eine Retrospektive und Prospektive einbezogen ist. Das Reflektierende der Arien, das Hin- und Herwenden, Vor- und Zurückblicken fällt zunehmend weg. Beispielhaft sind dafür die beiden Arien Giovannis „Fin ch‘ han dal vino“ und „Metà di voi“ – deshalb meint man auch immer, der Giovanni habe ja gar nichts zu singen. Mozart hat sich hier also eine ganz besondere Mozartfigur geschaffen, eine Figur, die eine maximale Augenblickskraft entwickelt aus dem Moment heraus. Ich finde es sehr toll, wie groß die emotionale Intelligenz dieser Figur ist! Keine Intelligenz, die sich mit Inhalten beschäftigt, sondern mit dem Jetzt.

30090458 © Monika Rittershaus Vergrößern Augenblicksintelligenz: Gerhaher als Don Giovanni

Es gibt ja nicht viele Opernrollen für einen lyrischen Bariton. Den „Orfeo“, demnächst in München, den haben Sie schon öfter gesungen. Auch den „Figaro“-Grafen und den Posa. Gibt es offene Wünsche?

Ja, der „Wozzeck“ von Alban Berg, den mache ich zum ersten Mal nächstes Jahr in Zürich. Was auch noch geplant ist, aber erst in ein paar Jahren, das ist Amfortas in „Parsifal“. Das ist keine so brutale Rolle, erstens ist sie nicht lang, und zweitens, wenn sie nur heldisch interpretiert wird, dann wird auch meist an dieser Rolle ein bisschen vorbei gesungen. Und noch eine Traumrolle habe ich: „Simon Boccanegra“. Der ist auch nicht so wahnsinnig heldisch. Und „Guillaume Tell“ würde mir gut gefallen. Und Hans Sachs... Aber das weiß ich noch nicht, ob das geht.

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