http://www.faz.net/-gqz-tnjf

Edita Gruberova : Der Nachtigall Geheimnis

  • -Aktualisiert am

Edita Gruberova als Elisabeth I. in „Roberto Devereux” Bild: picture-alliance / dpa

Die Sopranistin konnte sich nur mühsam durchsetzen. Aber als sie oben war, blieb sie nachtigallengleich auf dem Hochseil der Koloratur. Zum sechzigsten Geburtstag von Edita Gruberova.

          Auf ihrer zweiten Solo-Schallplatte „Die Kunst der Koloratur“ von 1983 hat Edita Gruberova ein Kürstück in Erinnerung gerufen, das im letzten Drittel des neunzehnten Jahrhunderts von der aus Ungarn stammenden Aglaja Orgeni ins Repertoire der Primadonnen eingeführt worden war: Alexander Alabieffs „Die Nachtigall“. Als die Gruberova 1993 in Tokio eine Gala anläßlich ihres fünfundzwanzigsten Bühnenjubiläums gab, eröffnete sie das Konzert mit „Le Rossignol et la Rose“ aus „Parysatis“ von Camille Saint-Saëns. Mit den filigranen und irisierenden Lineaturen bestätigte sie eine Maxime von Goethe: „Alles Vollkommene in seiner Art muß über seine Art hinausgehen, es muß etwas Anderes, Unvergleichbares werden. In manchen Tönen ist die Nachtigall noch Vogel; dann steigt sie über ihre Klasse hinaus und scheint jedem Gefiederten andeuten zu wollen, was eigentlich Singen heiße.“

          Ihr Debüt hatte die im slowakischen Raca geborene Edita Gruberova 1968 in Preßburg als Rosina in Rossinis „Barbiere“ gegeben. Nach einem kurzen Engagement in Banská Bystrica beteiligte sie sich am Wettbewerb der ARD. Sie gelangte nur in die zweite Runde, weil sie mit der Rache-Arie aus der „Zauberflöte“ einer einstigen Königin mißfallen hatte: Erna Berger. Es muß eine Genugtuung gewesen sei, daß die Gruberova in dieser Rolle kurz darauf für zwei Jahrzehnte schier konkurrenzlos werden sollte und sie in fast hundertfünfzig Aufführungen und in drei Aufnahmen sang. In Wien debütierte sie 1970 in dieser Partie. Doch wurde sie mit Rollen wie Barbarina, Tebaldo oder der Stimme vom Himmel in „Don Carlo“ jahrelang unterfordert.

          Unvergleichliche Zerbinetta

          Um sich technisch zu verbessern, setzte sie ihre Ausbildung bei Ruthilde Boesch fort. Ein Jahr verwandte sie darauf, die Arie der Zerbinetta zu studieren. Doch traf sie auf taube Ohren, als sie die Wiener Direktion bat, in der Rolle eingesetzt zu werden. Sie hatte die Partie „fast schon beerdigt“, als Josef Witt, der Leiter des Opernstudios, sie gegen den Widerstand der Direktion durchsetzte. Nach ihrem Debüt mäkelte Rudolf Gamsjäger, der Chef des Hauses, über ihre vorgeblich „ungelenken Tanzschritte“. Drei Jahre später begehrte sie auf, als der neue Opernchef Egon Seefehlner für eine Neuinszenierung von „Ariadne“ eine Gastsängerin engagieren wollte. Von Karl Böhm durchgesetzt, sorgte sie in der Premiere 1976 für eine Sensation. James Levine bekannte, eine solche Zerbinetta noch nicht gehört zu haben.

          Beherrscht atemberaubende Koloraturen

          1978 errang sie in Wien mit Donizettis Lucia den zweiten entscheidenden Erfolg. In Wien, München und Salzburg sang sie seit 1974 die Konstanze in Mozarts „Entführung“. Das Jahr 1985 brachte, erneut in München, eine Serie von „La Traviata“- Aufführungen unter Carlos Kleiber, unter dem sie die Partie auch an der Met übernahm. Unter Nikolaus Harnoncourt sang sie 1991 in Zürich und Wien die für die geläufige Gurgel von Anna de Amicis Buonsalazzi geschriebene Partie der Giunia in „Lucia Silla“ - eine Sternstunde expressiven Koloraturgesangs.

          Liebhaberin der leisen Töne

          Der Paradigmenwechsel im Opernleben, die zunehmende Dominanz der Regie, führte dazu, daß sie, wie aus der Biographie von Niel Rishoi hervorgeht, als Primadonna alten Stils eingestuft wurde. Regisseur Christoph Loy war es zu verdanken, daß sie 2004 in München als Elisabeth in Donizettis „Roberto Devereux“ zum ersten Mal in ihrer Karriere auch darstellerisch Triumphe feiern konnte. Dank des Schweizer Labels „Nightingale“ bekam sie die Chance, im Rahmen konzertanter Aufführungen einen Belcanto-Zyklus aufzunehmen: Bellinis „Beatrice di Tenda“, „I Puritani“ und „La Sonnambula“, Donizettis „Linda di Chamounix, „Roberto Devereux“, „Anna Bolena“ und „La Fille du Régiment“, Rossinis „Semiramide“, mit ihrem virtuosen vokalen Prunk die letzte Barockoper, endlich auch „Norma“.

          Mit diesen Mitschnitten hat sie viele ihrer Studio-Aufnahmen überboten. Das liegt zum einen daran, daß sie, wie sie sagte, „das Publikum braucht, um beim Singen eine bestimmte Spannung zu erreichen“, zum anderen daran, daß die Stimme farbiger und dynamisch flexibler geworden ist. „Je lauter die anderen singen“, hat sie einmal gesagt, „desto leiser werde ich“. Als Beatrice di Tenda, als Lucia und als Anna Bolena wagt sie stimmliche Grenzgänge des Leisen, die unvergeßlich sind. Als Adelina Patti, die Nachtigall des neunzehnten Jahrhunderts, ihre letzten Konzerte gab, hatte die Zeit ihre Stimme, wie George Bernard Shaw schrieb, „um eine Terz nach unten transponiert“. Edita Gruberova hat die Höhenflüge der Lucia und der Zerbinetta in jeweils rund zweihundert Aufführungen ein Vierteljahrhundert gemeistert - ein Mirakel des Könnens. Am 23. Dezember feiert sie ihren sechzigsten Geburtstag.

          Weitere Themen

          ARD-Serie „Lindenstraße“ wird eingestellt

          Nach 34 Jahren : ARD-Serie „Lindenstraße“ wird eingestellt

          Die ARD-Fernsehserie „Lindenstraße“ wird nach 34 Jahren beendet. Die letzte Folge soll im März 2020 laufen. Hans W. Geißendörfer, der Erfinder der Serie, kritisiert die Entscheidung scharf: Hier gehe es um Haltung.

          „Nur ein kleiner Gefallen“ Video-Seite öffnen

          Trailer : „Nur ein kleiner Gefallen“

          Paul Feig hat den amerikanischen Bestseller von Autorin Darcey Bell „Nur ein kleiner Gefallen“ verfilmt. Ab dem 8. November läuft der Thriller in den deutschen Kinos.

          Topmeldungen

          Nach 34 Jahren : ARD-Serie „Lindenstraße“ wird eingestellt

          Die ARD-Fernsehserie „Lindenstraße“ wird nach 34 Jahren beendet. Die letzte Folge soll im März 2020 laufen. Hans W. Geißendörfer, der Erfinder der Serie, kritisiert die Entscheidung scharf: Hier gehe es um Haltung.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.