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Frankfurter Oper : Das Genie im Zeitalter der Preisboxer

In der Gruft: Der König (Davide Damiani) am Boden. Bild: Barbara Aumüller

Es darf gelacht werden: Die Oper Frankfurt zeigt drei Einakter des Komponisten Ernst Křenek. Sie sind eine fabelhafte Mischung von Tragödie, Farce und Märchen über Politik und Kultur.

          „Die Könige der Welt sind alt und werden keine Erben haben“, schrieb Rainer Maria Rilke der Welt schon 1901 ins „Stunden-Buch“, als die Könige und Kaiser mehrheitlich noch im Amt, aber nicht mehr alle in Würden waren. Nach dem Ersten Weltkrieg hatte Europa nicht nur drei großen Monarchien den Garaus gemacht; auch in der Kunst war bei vielen die Überzeugung gereift: Giftgas und Schrapnell haben das Genie erledigt; die Zeit eines Herrschers, der sich durch Inspiration legitimiert sieht und der Kunst selbst die Regeln gibt, sei nun vorbei. Der Weltkriegsveteran Paul Hindemith verstand sich nach 1918 hemdsärmelig als Handwerker, der Spielmusik drechselte. Und Ernst Křenek lieferte 1927 in seiner Erfolgsoper „Jonny spielt auf“ den Komponisten Max, einen Genieästhetiker alter Schule, dem Gelächter des Publikums aus, indem er ihn aus dem Wettbewerb mit dem Jazzgeiger Jonny als Modernisierungsverlierer hervorgehen ließ.

          Jan Brachmann

          Redakteur im Feuilleton.

          Ein Jahr später, 1928, verband Křenek die Rückkehr zur Genre-Ästhetik der Vor-Geniezeit mit dem Sujet des politischen Machtvakuums nach dem Ende der Monarchien. Die Trilogie „Der Diktator“, „Schwergewicht oder die Ehre der Nation“ und „Das geheime Königreich“ lebt aus dem Kontrast von Tragödie, Farce und Märchen. Allerdings bedient Křenek die Regeln dieser Genres nicht einfach nur, er macht sie zum Material eines Spiels und setzt sich damit zu ihnen in eine Distanz, die geistige Heimatlosigkeit verrät.

          Krise der Kunsteliten

          Der Regisseur David Hermann hat an der Oper Frankfurt jetzt ganz beherzt die thematische Klammer – nämlich die Krise politischer Herrschaft und jene alter Kunsteliten – mitinszeniert. Der Diktator, der im ersten Stück von der Frau eines kriegsversehrten Offiziers nicht erschossen werden kann, weil sie dessen Erotik der Macht erliegt, schaut sich im zweiten Stück die Farce über einen Schwergewichtsboxer an, der von Beethoven und Goethe nichts mehr hält, aber zur „Ehre der Nation“ erklärt wird. Und dieser Diktator ist es auch, der am Ende als König im Märchen abdankt, um ganz in der Natur zu leben, als modernisierungskritischer Zivilisationsflüchtling.

          Aber so, wie Křenek – dem fast gleichaltrigen Billy Wilder ähnlich – einer kenntnisreichen Lust am Funktionieren der Genres frönt, lässt auch Hermann dem Vergnügen am Theater freien Lauf. Er macht bereits den reichlich kruden „Diktator“ zur Farce, wenn die hinreißend lyrische Sara Jakubiak als Maria dem scharf gescheitelten Diktator Davide Damiani dreimal ins Herz schießt und er jedes Mal wieder aufsteht. Außerdem hat Katharina Tasch für die Diktatorsgattin Charlotte einen Ski-Pullover mit Strick-Hirschlein und hochgepufften Ärmeln geschneidert, den man ohne Erheiterung gar nicht ansehen kann. Juanita Lascarro, die mit verzweifelter Güte die missachtete Ehefrau singt, trägt dazu eine gesichtswärts gefönte Frisur wie Mireille Darc in der Filmkomödie „Der große Blonde mit dem schwarzen Schuh“. Diese Tragödie – vom Text her recht trivial, aber mit ausdrücklichem Bezug zum Gaskrieg – wird durch Regie und Kostüme unentrinnbar komisch.

          Die Königin ist blind im Rausch, der Narr sieht dagegen alles: Ambur Braid über Sebastian Geyer.
          Die Königin ist blind im Rausch, der Narr sieht dagegen alles: Ambur Braid über Sebastian Geyer. : Bild: Barbara Aumüller

          Der Wechsel des Bühnenbildes von der gähnenden Leere des Hotels oberhalb des Genfer Sees im „Diktator“ zum funkelnden Varieté mit rotem Vorhang und Charleston-Trainer im Paillettentrikot beim „Schwergewicht“ sorgt gleich für großes Hallo im Publikum. Da ist dem Bühnenbildner Jo Schramm ein Theatercoup gelungen, den er im „Geheimen Königreich“ noch übertrifft, wenn er auf einen zerbombten Bunker im ersten Bild plötzlich einen Zauberwald mit magischem Licht folgen lässt.

          Pointen und Zitate

          Genres, die heute im Film und am Boulevard noch intakt sind, leben von der Verblüffung, die aber auf stabile Grammatiken der Erwartung angewiesen ist. Křenek – und mit ihm der Regisseur Hermann – arbeitet nicht nur mit den Genres der Erzählweisen. Er zündet seine Pointen auch mit den Mustern der Standardtänze, macht aus dem „Frühlingsstimmenwalzer“ von Johann Strauß einen Galopp, parodiert – ohne Verbitterung – große Vorbilder, wenn er Richard Wagners „Meistersinger“ zitiert, als der König am Ende von seiner verwirkten Größe singt, während der Narr ihm die Achselhöhlen wäscht.

          Lothar Zagrosek, der das Frankfurter Opern- und Museumsorchester leitet, ist mit Křeneks Musik seit langem vertraut. Dessen frühe Oper „Orpheus und Eurydike“, nach Oskar Kokoschka, hatte er zuletzt im Februar 2010 halbszenisch in der Regie von Karsten Wiegand am Berliner Konzerthaus aufgeführt. Zagrosek ist es ein Leichtes, die schnellen Wechsel der Idiome zwischen Zirkus und „Bauhaus-Barock“, wie Glenn Gould die grob gezimmerte Polyphonie Křeneks nannte, zu meistern. Und sogar für das Zauberische der letzten Verwandlungsmusik im „Geheimen Königreich“, für jene waldwebende Naturidylle mit süßesten Soli von der Violine bis zum Kontrabass, findet das Orchester unter Zagroseks Leitung den richtigen Ton.

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          Zum Spiel mit den Genres gehört jenes mit den Stimmfächern. Ambur Braid als sektbeschwipste Koloraturdrossel in plissierter Bluse ist eine Klasse für sich, wenn sie die Königin, eine Mischung aus Zerbinetta, Kundry und Lady Macbeth, singt. Den königsfeindlichen Rebellen gibt Peter Marsh ganz glänzend als Heldentenor unter Zeit- und Bluthochdruck. Sebastian Geyer singt den Narren mit der Gutmütigkeit Papagenos. Dem Bariton Davide Damiani liegt die gebrochene Größe des alten Königs mehr als der gewaltsame Charme des Diktators.

          Mag es Křeneks Trilogie, gewiss nicht nur aus geniekritischem Vorsatz, an letzter Brillanz, besonders in den Libretti, fehlen, so beweist sie doch großes Geschick und Metierkenntnis. Was den Legitimationsverlust alter Eliten, die Faszination für neue starke Männer und die Verlockungen des Aussteigertums angeht, so sind wir Republikaner von heute ja auch nicht viel schlagfertiger als die alten Könige.

          Quelle: F.A.Z.

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