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Donaueschinger Musiktage : In welchem Deutschland wollen wir leben?

Politmusik: „Generation Kill“ von Stefan Prins in Donaueschingen Bild: Charlotte Oswald

Gezeichnet von der Streichung des SWR-Symphonieorchesters Baden-Baden und geprägt von jungen Musikern mit modernen Klangkonzepten: Die Donaueschinger Musiktage 2012.

          Wie schön es ist im Park des Fürsten zu Fürstenberg! Die Bäume tragen Gold, das Entenvolk zetert um die Wette mit den Lautsprecherenten der Klanginstallation „Jahreszeiten“ von Mia Schmidt und Wolfgang Motz, und nebenan, auf der Reitwiese, liegt einer auf dem Rücken, die Augen geschlossen.

          Eleonore Büning

          Redakteurin im Feuilleton.

          Vielleicht schläft er, vielleicht macht er nur gerade eine Metamorphose durch, wird zu Gras oder zu Luft, Wind, Kieselstein, was auch immer, während die übrigen Neue-Musik-Schlachtenbummler, die da um ihn herum lustwandeln, gebannt nach oben starren, um herauszufinden, wie das metallische Brausen der „Pneumatic Sound Fields“ des niederländischen Klangkünstlers Edwin van der Heide wohl zustande kommt. Es klingt, als hätte eine Armee unsichtbarer Riesen Asthma. Auch den Rest der kleinen Stadt hüllt die Fülle des Herbstsonnenlichts in die märchenhafte Farbe des Optimismus.

          Schatten auf der Insel der Seligen

          Dabei ist dies ein knallharter, um nicht zu sagen: ein deprimierend realistischer Jahrgang bei den Donaueschinger Musiktagen. „Mensch und Maschine“ heißt die Parole, verhandelt werden die Einflüsse neuerer Technologien auf den Kompositionsprozess. Achtundzwanzig Uraufführungen gibt es, mehr als zehntausend Besucher werden am Ende gezählt - ein neuer Rekord. Und gewiss ist dies rein logistisch auch wieder eine Riesenanstrengung für die Musikabteilung des Südwestrundfunks, dito für den künstlerischen Leiter Armin Köhler, dito für die Musiker des SWR-Vokalensembles, des SWR-Symphonieorchesters Baden-Baden und des SWR-Experimentalstudios Freiburg.

          Aber auch für die geladenen Gäste samt Equipment: junge Ensembles aus Israel, Norwegen, Belgien, Deutschland, legendäre alte Freejazzer aus Großbritannien. Das Publikum reist wieder an aus aller Herren Ländern. Und für alle genannten Gruppen bilden diese drei Tage im späten Oktober, randvoll mit noch unbekannter Musik, so etwas wie eine Insel der Seligen: Einmal im Jahr schiffen wir uns in Donaueschingen alle gemeinsam ein nach Kythera.

          Der argentinische Musiker Eduardo Mogullanski beweist bei „Panorama / Phantom / Praeparat“ seine Multitasking-Fähigkeit

          Diesmal ist etwas anders als sonst. Ein Schatten liegt auf den Musiktagen 2012, die brachiale SWR-Sparmaßnahme einer Orchesterfusion, kürzlich verabschiedet vom SWR-Rundfunkrat, überformt alle Debatten über die Musik. Schließlich, diese Frage ist existentiell: Was soll werden aus diesem ältesten, weltweit wichtigsten Uraufführungsfestival für zeitgenössische Musik, wenn das SWR-Symphonieorchester Baden-Baden ab 2016 nicht mehr existiert? Es ist ja Herz und Seele der Donaueschinger Musiktage. Hat sich parallel zur Entwicklung der neuen Musik in seinen Spieltechniken perfektioniert, hat das Profil geschärft, ist gewachsen, hat sich ausdifferenziert im Klangbild, seit Jahrzehnten.

          Orchestergrabkreuze überall

          Von allen Orchestern in Deutschland ist das SWR-Orchester das mit der größten Perfektion, der selbstverständlichsten Brillanz in Sachen Neue Musik. Vorab hatte SWR-Hörfunkdirektor Gerold Hug eine Presseerklärung veröffentlicht und beschwichtigt, der SWR werde diese Musiktage auch künftig tragen und mitgestalten (F.A.Z. vom 22.Oktober). Nur, wie soll das funktionieren - ohne Orchester?

          Bei der Abschlusspressekonferenz zieht sich Hug dann zurück ins Pragmatische, zitiert Zahlen, Sparzwänge und überlässt es dem Chefdirigenten François-Xavier Roth, weiterzudenken in die Zukunft. Roth befragt nicht mehr Hug, er fragt direkt das Publikum und, übers Radio, die ganze Musikwelt: „In was für einem Deutschland wollen wir leben?“

          Alle erheben sich zur Schweigeminute, bevor Roth den Einsatz gibt zum Abschlusskonzert, das so explosive, zugleich farblich fein gestaffelte Kräfte entfesselt wie in dem preisgekrönten Orchesterstück „Itself“ von Franck Bedrossian. Tatsächlich, diese SWR-Orchesterkrise hat Modellcharakter. Ist zwar beileibe nicht die erste, wie die schockierend vielen Orchester-Grabkreuze zeigen, die da plötzlich über Nacht vor der Donauhalle aufgepflanzt stehen.

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