Wie schön es ist im Park des Fürsten zu Fürstenberg! Die Bäume tragen Gold, das Entenvolk zetert um die Wette mit den Lautsprecherenten der Klanginstallation „Jahreszeiten“ von Mia Schmidt und Wolfgang Motz, und nebenan, auf der Reitwiese, liegt einer auf dem Rücken, die Augen geschlossen.
Vielleicht schläft er, vielleicht macht er nur gerade eine Metamorphose durch, wird zu Gras oder zu Luft, Wind, Kieselstein, was auch immer, während die übrigen Neue-Musik-Schlachtenbummler, die da um ihn herum lustwandeln, gebannt nach oben starren, um herauszufinden, wie das metallische Brausen der „Pneumatic Sound Fields“ des niederländischen Klangkünstlers Edwin van der Heide wohl zustande kommt. Es klingt, als hätte eine Armee unsichtbarer Riesen Asthma. Auch den Rest der kleinen Stadt hüllt die Fülle des Herbstsonnenlichts in die märchenhafte Farbe des Optimismus.
Schatten auf der Insel der Seligen
Dabei ist dies ein knallharter, um nicht zu sagen: ein deprimierend realistischer Jahrgang bei den Donaueschinger Musiktagen. „Mensch und Maschine“ heißt die Parole, verhandelt werden die Einflüsse neuerer Technologien auf den Kompositionsprozess. Achtundzwanzig Uraufführungen gibt es, mehr als zehntausend Besucher werden am Ende gezählt - ein neuer Rekord. Und gewiss ist dies rein logistisch auch wieder eine Riesenanstrengung für die Musikabteilung des Südwestrundfunks, dito für den künstlerischen Leiter Armin Köhler, dito für die Musiker des SWR-Vokalensembles, des SWR-Symphonieorchesters Baden-Baden und des SWR-Experimentalstudios Freiburg.
Aber auch für die geladenen Gäste samt Equipment: junge Ensembles aus Israel, Norwegen, Belgien, Deutschland, legendäre alte Freejazzer aus Großbritannien. Das Publikum reist wieder an aus aller Herren Ländern. Und für alle genannten Gruppen bilden diese drei Tage im späten Oktober, randvoll mit noch unbekannter Musik, so etwas wie eine Insel der Seligen: Einmal im Jahr schiffen wir uns in Donaueschingen alle gemeinsam ein nach Kythera.
Diesmal ist etwas anders als sonst. Ein Schatten liegt auf den Musiktagen 2012, die brachiale SWR-Sparmaßnahme einer Orchesterfusion, kürzlich verabschiedet vom SWR-Rundfunkrat, überformt alle Debatten über die Musik. Schließlich, diese Frage ist existentiell: Was soll werden aus diesem ältesten, weltweit wichtigsten Uraufführungsfestival für zeitgenössische Musik, wenn das SWR-Symphonieorchester Baden-Baden ab 2016 nicht mehr existiert? Es ist ja Herz und Seele der Donaueschinger Musiktage. Hat sich parallel zur Entwicklung der neuen Musik in seinen Spieltechniken perfektioniert, hat das Profil geschärft, ist gewachsen, hat sich ausdifferenziert im Klangbild, seit Jahrzehnten.
Orchestergrabkreuze überall
Von allen Orchestern in Deutschland ist das SWR-Orchester das mit der größten Perfektion, der selbstverständlichsten Brillanz in Sachen Neue Musik. Vorab hatte SWR-Hörfunkdirektor Gerold Hug eine Presseerklärung veröffentlicht und beschwichtigt, der SWR werde diese Musiktage auch künftig tragen und mitgestalten (F.A.Z. vom 22.Oktober). Nur, wie soll das funktionieren - ohne Orchester?
Bei der Abschlusspressekonferenz zieht sich Hug dann zurück ins Pragmatische, zitiert Zahlen, Sparzwänge und überlässt es dem Chefdirigenten François-Xavier Roth, weiterzudenken in die Zukunft. Roth befragt nicht mehr Hug, er fragt direkt das Publikum und, übers Radio, die ganze Musikwelt: „In was für einem Deutschland wollen wir leben?“
Alle erheben sich zur Schweigeminute, bevor Roth den Einsatz gibt zum Abschlusskonzert, das so explosive, zugleich farblich fein gestaffelte Kräfte entfesselt wie in dem preisgekrönten Orchesterstück „Itself“ von Franck Bedrossian. Tatsächlich, diese SWR-Orchesterkrise hat Modellcharakter. Ist zwar beileibe nicht die erste, wie die schockierend vielen Orchester-Grabkreuze zeigen, die da plötzlich über Nacht vor der Donauhalle aufgepflanzt stehen.
Doch ist die Fusion der beiden SWR-Symphonieorchester die bislang größte, einschneidendste Maßnahme dieser Art. Andere Rundfunkanstalten werden dem Beispiel folgen. Was aber passiert, wenn man „Klangkörper“ zwangsfusioniert, das hatte gleich zu Beginn des Eröffnungskonzerts, direkt vor der Nase des versteinerten SWR-Intendanten, der Komponist Johannes Kreidler vorgeführt: Zwei Instrumente gehen dabei zu Bruch.
Kreidler, zweiunddreißig, gehört zur jungen Komponistengeneration, die in diesem Jahr in Donaueschingen so stark ist wie selten zuvor. Ganz offenbar hat hier endlich ein Generationenwechsel stattgefunden, sichtbar zuerst im Publikum, jetzt auch bei den Musikensembles, den Musikschaffenden. Und wer jung ist, so viel ist klar, der muss das Rad neu erfinden.
Es sind ja nicht unbedingt immer die schwächeren Werke, die retrospektiv erscheinen insofern, als sie bewährtes Vokabular erneuern. Auch das von den Musiktagen gesetzte Maschinen-Thema ist entschieden „retro“: Haben sich nicht die Pioniere der Elektronischen Musik vor mehr als fünfzig Jahren mit ganz ähnlichen Testfragen herumgeschlagen? Oder, vor über hundert Jahren, die Veristen, Dadaisten, Futuristen? Es sind also in Donaueschingen plötzlich wieder etwas angestrengte Politaktionsmusiken zu erleben.
Von jungen Musikern und neuer Musik
„Generation Kill“ von Stefan Prins (Jahrgang 1979) gehört dazu: ein halbstündiges Trommelfeuer auf alle Sinne, darin die Musiker des Nadar-Ensembles so tun, als würden sie von Spielkonsolen manipuliert; tatsächlich wird aber nur konventionell verfilmt, vervielfältigt, verpixelt, übermalt und mit Videos von erschossenen Talibankämpfern collagiert. Auch die disparate Orchester-Chor-Solisten-Collage „Saf Haki/Der syrische Freund“ von Helmuth Oehring geht hausieren mit ihrer politmoralischen Botschaft. Die Rolle des Lampenputzer-Revoluzzers, der nach totaler künstlerischer Freiheit kräht, übernimmt Agitprop-Komponist Trond Reinholdtsen mit seinem Ensemble „asamisimasa“ und einem Musiktheater, darin schlicht alles nur verneint wird. Hierbei kommt es weniger auf saubere Realisierung an, gute Absicht genügt.
Auch die Raummixturmusik „Mimshak“ von Yoav Pasovsky (Jahrgang 1980) geht nicht ganz so auf, wie sich der Komponist das ausgedacht hat. Hingemurkste Arbeiten wie diese gibt es leider etliche zu hören in Donaueschingen, für ein Uraufführungsfestival ist das freilich normal. Dennoch ist man dankbar, dass das Ensemble Ascolta mit dem famosen Experimentalstudio die Latte handwerklichen Niveaus wieder dahin legt, wo sie hingehört, und so feinschraffierte Klanggemälde hörbar macht wie „Forest Construction“ von Øyvind Torvund (Jahrgang 1976).
Einige wenige Stücke verzichteten ganz auf die Macht der Maschine (von der E-Gitarre, einem längst herkömmlichen Instrument, abgesehen). Es sind mit die besten: Die elegante Hoquetus-Komposition „linea d’orizzonte“ von Beat Furrer oder auch Michael Wertmüllers Virtuosenfeuerwerk „Skip a Beat“ oder Georg Katzers Kantate „after Carroll“. Herausragend auch die Arbeiten von Johannes Kreisler, der neben der Installation „Split Screen Studies“ ein Ensemblestück für Klavier, Schlagzeug, Flöte, Saxophon, Geige, Cello und Gitarre sowie Audio- und Videoplayback komponiert hat.
Es trägt zwar den etwas großspurigen Titel „Der ,Weg der Verzweiflung‘ (Hegel) ist der chromatische“, fällt aber, im Gegenteil, durch kurz getaktete, konzentrierte Aussagekraft auf, dreist alles zusammenklebend, was in Sachen Video- oder Computerkomposition an banal eingeschliffenen Hör- und Seh-Erwartungen vorkommt: Alles nur geklaut, nichts passt mehr zusammen.
Kleiner Hinweis Frau Büning
Jürgen Weissmann (marthaler)
- 24.10.2012, 20:04 Uhr
Vermutlich liegen Sie richtig ....
Jürgen Weissmann (marthaler)
- 24.10.2012, 19:37 Uhr
Erbärmliche Banausen
Bernhard Sporkmann (bsfaz)
- 24.10.2012, 19:04 Uhr