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Don Giovanni in Hamburg Reich mir die Hand beim Kleben!

 ·  Letzte Party eines Wüstlings: Antú Romero Nunes bastelt sich im Hamburger Thalia Theater seinen eigenen „Don Giovanni“ und bleibt doch nahe an der Vorlage

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© Armin Smailovic Vergrößern Maja Schöne als Donna Anna und Sebastian Zimmler als Don Giovanni

La, la, la. Na, na, na, naaa! I-a, i-a... Nein, das klingt noch nicht recht. Noch einmal, bitte, und jetzt alle zusammen. Leporello ist frustriert. Und er hat äußerst schlechte Laune. Schon wieder muss er den Lückenbüßer geben, seit Jahrhunderten geht das schon so, und jetzt darf er neuerdings auch noch Einsingübungen mit den Gästen seines Herrn abhalten. Er hat, wie das notorische Frauenhelden gelegentlich tun, zu einer großen Orgie nach Hamburg an die Alster geladen, ins Thalia Theater. Ein paar norddeutsche Bräute fehlen noch auf der endlosen Liste der Liebhaber-Legende, und da die nahe Oper gerade die falschen Stücke spielt, muss halt der Theater-Diener für die richtigen Töne sorgen.

Also schlurft Mirco Kreibich im Schlafrock, mit schlecht sitzender Allongeperücke und diesem „Was bin ich doch für ein geprügelter Hund!“-Blick auf die leere Bühne, heißt das Publikum sich locker machen (der Hanseat ist schließlich ein bisschen s-teif) und gibt den Ton an: D, dann F, dann A - d-Moll, jawohl, denn diese Tonart ist wichtig für das, was gleich kommt.

Was kommt, heißt offiziell „Eine Bastardkomödie. Frei nach Mozart & Da Ponte“, ist aber gar nicht so frei und schon gar kein Bastard, sondern eine ziemlich stückgetreue, ziemlich durchgeknallte, stellenweise aber höchst vergnügliche Okkupation der „Oper aller Opern“. Der gerade neunundzwanzig Jahre alte Regiewunderknabe Antú Romero Nunes, der das Thalia-Publikum schon 2011 mit Tankred Dorsts „Merlin“ aus der Reserve gelockt hat, kennt keine Berührungsängste gegenüber einem Jahrhundertwerk wie „Don Giovanni“ - er hat aber durchaus Respekt vor seiner Handlung.

Von der „Tödin“ verführt

So folgt die Adaption, die Nunes gemeinsam mit seinem Musikberater und Arrangeur Johannes Hofmann erstellt hat, nach den anfänglichen Lockerungsübungen erstaunlich genau dem Libretto Lorenzo Da Pontes. Nur gesungen wird wenig, und wenn doch, dann ziemlich schlecht. Aber darum geht es gar nicht, wir sind schließlich nicht in der Oper. Oder vielleicht doch? Die Figuren, immerhin, sind alte Bekannte, sie tragen dieselben Namen, heißen Donna Anna, Masetto und Zerlina, und sie sprechen auf Deutsch und manchmal auch auf Italienisch einen beträchtlichen Teil des vertonten Textes. Nur manchmal benehmen sie sich dabei etwas merkwürdig.

Der Komtur etwa ist eine Frau und auch nach seinem Duelltod noch sehr lebendig. Die melancholisch-maliziöse Karin Neuhäuser ist die letzte Verlockung, die am Ende eines langen, überlangen Weges auf Don Giovanni wartet. Sie, die „Tödin“, La Morte, ist das ultimative Weib, die, in Umkehrung des Mythos und weil er einfach mal dringend Abwechslung braucht, nun ihrerseits ihn verführt: Reich mir die Hand, mein Leben, komm auf mein Schloss mit mir. Zuvor aber darf der Lebemann noch eine letzte Party feiern.

Playback unter dem Rock

Ärgerlich nur, dass er ausgerechnet diesmal solches Pech hat mit den Partygästen! Die Donna Anna etwa, resolut verkörpert von Maja Schöne, ist eine aufgeklärte Zicke, die sich um keinen Preis aufs Kreuz legen lassen will, weder von ihrem weinerlichen Ehemann Ottavio, bei André Szymanski ohnehin ein intellektueller Degenfuchtler ohne Degen, noch von dem Don aller Dons. Womöglich hat sie statt E.T.A. Hoffmann und Kierkegaard, die ihr einst manch dunkles Geheimnis andichteten, einfach zu viele Vampirschmonzetten mit Enthaltsamkeitsthematik gelesen.

Bis zum Grauen seines letzten Tages müsste der Verführer freilich auch bei der verflossenen Elvira antichambrieren, hätte Frau Tod nicht vorher ein Einsehen mit ihm. Cathérine Seifert ähnelt in ihrem barocken Kleid verblüffend der französischen Mezzosopranistin Sophie Koch und hat sich offenbar von ihren Kolleginnen im melodramatischen Fach einiges abgeschaut: Ihr Auftritt mit „Ah, fuggi, il traditor!“ ist jedenfalls opernbühnenreif. Nur dass sie, zum Glück, im Playback singt und sich dazu einen Lautsprecher unter den Rock geschnallt hat.

Kein Interesse an Bestrafung

Auch bei Zerlina stimmt etwas nicht. Sie sieht hier aus wie Mutter Beimer aus der „Lindenstraße“, und Gabriela Maria Schmeide ist auch sonst der mütterliche Typ, zu Don Giovannis Kummer obendrein arg selbstbewusst. Also wird es wieder nichts mit der „giovin principiante“, der blutjungen Anfängerin in Sachen Liebe, die der Beau so gern beglückt. Wen wundert da der Überdruss, der Fatalismus des Ennui und auch die skurrile Lebensgier so kurz vor Toresschluss („Ich schaff’ euch nicht alle!“), die Sebastian Zimmler mit vollem Körpereinsatz zum Ausdruck bringt. Zumal Leporello auch noch an die hundert weitere Frauen aus dem Publikum auf die Bühne zur Party gelockt hat, um seine Liste (und damit seine Bühnenexistenz als wandelndes Falt-Register) noch ein wenig zu verlängern.

Bei seinem Herrn aber reicht es schließlich nicht einmal mehr für eine ordentliche Höllenfahrt. Nunes interessiert sich genauso wenig für den „dissoluto punito“, also die Bestrafung des Wüstlings, wie die meisten seiner Regiekollegen von der Opernfraktion. Schon Mozart und Da Ponte nimmt man den moralischen Zeigefinger der „Scena ultima“ kaum ab. Bei Nunes bleibt alles „dramma giocoso“, ein heiteres Spiel. Giovanni verzieht sich zu seiner Serenade „Deh, vieni alla finestra“ mit La Morte alias Il Commendatore in die Kulissen. Ein letzter kleiner Tod im Angesicht des großen. Die Party geht weiter.

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