Stolz verkünden Schillers Musen vom Giebel herab den Anspruch des noblen Theaterbaus: „Mit allen seinen Tiefen, seinen Höhen / Roll ich das Leben ab vor Deinem Blick.“ Der Dichter, dieser Schwärmer, wusste freilich noch nichts von Haushaltssicherungsgesetzen. Denn ausgerechnet im hundertsten Jahr seines Bestehens legt eine von Sparzwängen getriebene Politik die Axt an die kulturellen Fundamente des Duisburger Theaters. Statt Sonntagsreden gibt es derzeit eine handfeste Existenzdebatte; an deren Ende könnte, was 1912 aus bürgerschaftlichem Engagement erwuchs, was nach Kriegszerstörung und Abrisswahn selbst noch den Strukturwandel der Stahlquartiere überstanden hat, einem „Sparbeschluss“ geopfert werden. Arme Musen!
Seit Wochen hält die Duisburger Kulturpolitik nicht nur die Opernfreunde in Nordrhein-Westfalen in Atem: Die offenkundig aus höchster Not geborene Idee des dortigen Kulturdezernenten, die seit 1956 bestehende Operngemeinschaft Duisburgs mit der Landeshauptstadt Düsseldorf aufzukündigen, ist weit darüber hinaus zum Fanal geworden. Zu einem Fanal für das Versagen kommunaler Politik, die sich angesichts völlig aus den Fugen geratener Stadthaushalte wieder einmal der Selbsttäuschung hingibt, sie könne ihre leeren Kassen durch Kürzungen bei den „freiwilligen Leistungen“ sanieren - also bei all dem, was das Leben in einer Stadt überhaupt erst lebenswert macht. Dazu gehört, von Schwimmbädern, sozialen Hilfseinrichtungen und Bücherhallen abgesehen, namentlich im gebeutelten Duisburg von jeher das Stadttheater. Neben dem Lehmbruck-Museum und der neu errichteten Mercatorhalle bildet es das kulturelle Zentrum der 490000-Einwohner-Stadt.
Ausgliederung der Tanzsparte?
Doch Duisburg ertrinkt in Schulden, bald 2,2 Milliarden Euro im Ganzen. Deshalb zwingt der „Stärkungspakt Stadtfinanzen“ das Gemeinwesen zu gewaltigen Sparanstrengungen: Bis 2021 muss ein ausgeglichener Haushalt vorgelegt werden; allein für das Jahr 2015 bedeutet das Kürzungen im Kulturetat von sieben Millionen Euro. In seiner Not wagte Karl Janssen, der Kulturdezernent, den Tabubruch und stellte eine Fortführung der sogenannten „Opernehe“ mit Düsseldorf über 2014 hinaus in Frage. Gut zehn Millionen Euro kostet Duisburg die gemeinsame Trägerschaft der Deutschen Oper am Rhein; da blieben, so die naive Rechnung, nach Abzug der Sparauflagen sogar noch drei Millionen für eigene städtische Projekte, etwa die Förderung der Migrantenkultur. Nur vergaß man darüber, dass die Stadt mit den Duisburger Philharmonikern ein bestens etabliertes A-Orchester unterhält, das siebzig Prozent seiner Dienste in der Oper ableistet. Und dass der - gottlob! - denkmalgeschützte Theaterbau in irgendeiner Form weiter bespielt werden muss. Selbst Gastspiele aus Osteuropa - mit „altersschwachen Titelhelden und einer haubitzenhaften Primadonna“, wie „Die Zeit“ ätzte - sind nicht zum Nulltarif zu haben.
Aus der bislang weitgehend harmonischen „Ehe“ mit Düsseldorf ist über dem Gezerre ein Rosenkrieg geworden. Die verschmähte Braut, schuldenfrei und hochattraktiv, begab sich ihrerseits auf Partnersuche, flirtete ausgerechnet mit dem sonst traditionell verpönten Köln, das seine Oper freilich ebenfalls kurzhält und mit dem Rauswurf ihres Intendanten gerade in eine unnötige Führungskrise gestürzt hat. Die neueste Idee aus der Schreckenskammer der lokalen Kulturpolitik ist unterdessen eine Ausgliederung der Tanzsparte aus dem Theaterverbund: Weil Martin Schläpfers international beachtetes „Ballett am Rhein“ in Duisburg zu wenig Anklang finde, soll es nach dem Vorbild des Berliner Staatsballetts in eine Gastspielcompagnie überführt werden, möglichst finanziert durch das Land. Hauptsache, Duisburg spart wenigstens anderthalb Millionen.
Der Rat der Stadt beschließt am heutigen Montag über diese und ähnliche Vorschläge. Wahrscheinlich wird man die Entscheidung über die Deutsche Oper am Rhein bis zum Herbst aufschieben, um die Alternativen zu prüfen. So oder so sieht die Zukunft des Musiktheaters in der drittgrößten Stadt des Ruhrgebiets nicht rosig aus. Daran können auch die fünfzigtausend Unterzeichner einer Petition für den Erhalt der Operngemeinschaft traurig wenig ändern - wenngleich die Liste mittlerweile fast alles versammelt, was in der Kulturszene Rang und Namen hat. Da wirkte es wie bittere Ironie, dass das Theater Duisburg am Freitag mit der Premiere einer „Don Giovanni“-Inszenierung von Karoline Gruber einmal mehr unter Beweis stellte, zu welchen Höhenflügen die Deutsche Oper am Rhein fähig ist. Das ließ die derzeit diskutierten Alternativen nur umso provinzieller aussehen, besaß diese in Kooperation mit der Tokyo Nikikai Opera Foundation entstandene Produktion doch schlichtweg Festspielformat.
Don Giovanni ist für Karoline Gruber eine Urkraft, ein erotischer Multiplikator, der in allen Menschen seiner Umgebung die Begierden weckt und verborgenste Wünsche ans Tageslicht bringt. Er selbst, des ewiggleichen Spiels der Lüste müde, muss dazu gar nicht mehr aktiv den Verführer mimen; die Triebversehrten reißen sich ohnehin um ihn. Folgerichtig verschiebt Gruber den Fokus subtil auf die Frauenfiguren, und natürlich hat Donna Anna (die anfangs leicht verspannt, dann immer freier singende Olesya Golovneva) mehr als einen Flirt mit dem Womanizer. E.T.A. Hoffmanns Geheimniskrämerei war gestern - die Frau von heute nimmt sich, was sie begehrt. Sinnfällig enthüllt die Regie Annas Erzählung von ihrer nächtlichen Begegnung mit dem „Wüstling“ durch eine raffinierte Szenenverdoppelung (Bühne: Roy Spahn) als absichtsvolle Camouflage.
Freilich hat Anna mit Elvira eine ebenbürtige Konkurrentin, die in Gestalt von Nataliya Kovalova nicht nur stimmgewaltig auf der Affektklaviatur der Opera seria spielt, sondern auch urweibliche Tricks bemüht: Um Don Giovanni an sein Eheversprechen zu erinnern, fingiert sie kurzerhand eine Schwangerschaft! Bei dem aller Moral überdrüssigen Casanova, von Laimonas Pautienius konsequent mit der tragischen Melancholie des Ennui gesungen, verfängt sie damit nicht; bei Anna dagegen entflammt sie mörderische Eifersucht. Es kommt - kann es etwas Opernhafteres geben? - zum Rosenkrieg der verlassenen Primadonnen, den die resolute Zerlina von Alma Sadé und der wunderbar zwielichtige, seinem Herrn in masochistischer Hassliebe verfallene Leporello von Adam Palka nach Kräften anheizen. Doch als das Objekt aller Begierden schließlich vom Komtur mehr erlöst als geholt wird, fehlt in der jäh erkalteten, lieblosen Welt plötzlich das herzerwärmende Prinzip. Ganz so wie womöglich demnächst in Duisburg.