17.10.2010 · Stillstand im Erotikkarussell: Auch wenn einzelne Ideen aus „Dinner for One“ stammen, hat der Berliner „Don Giovanni“ nichts Geistvolles zu bieten. Nicht einmal die insgesamt erfreuliche Besetzung kann den Abend retten.
Von Julia SpinolaGelbe Flugblätter informierten vor Vorstellungsbeginn über den Tarifstreit der Berliner Orchester, doch die Premiere an der Deutschen Oper ging ohne spürbare Auswirkungen des Musikerstreiks, geradezu reibungslos über die Bühne. Allzu reibungslos für einen „Don Giovanni“, muss man leider konstatieren, denn Roberto Abbado, ein Neffe des großen Claudio Abbado, dirigierte einen Mozart, der so harmlos klang wie eine Clementi-Sonatine und dem jeder Abgrund fehlte.
Selten hat man diese Musik, deren treibende Kraft doch eigentlich der unentwegte Tabubruch sein müsste, so säuberlich sortiert und adrett gescheitelt gehört. Wo Mozart in einer genialen Doppelbewegung musikalische Bindungskraft paradox aus einer Dynamik der permanenten Entgrenzung gewinnt, wo er aus einem irregulären und diskontinuierlichen Verlauf großbögige Formen generiert, da denkt Abbado in den überschaubaren Dimensionen klavierstundenschön gerundeter Phrasen.
Die Dramatik dieser Musik will sich in zerdehnten Tempi und einem wie gehemmt wirkenden Gesamtverlauf nicht recht vermitteln. Das Ganze droht in Episoden zu zerfallen.
Klamotte statt Komödie
Freilich macht es der Regisseur dem Dirigenten schwer an diesem trostlosen Premierenabend - denn die vielen bedeutungsschwangeren Kunstpausen, mit denen Roland Schwab die Rezitative durchlöchert wie einen Schweizer Käse, diese Minuten eines öden Stillstands, in denen dann auf der Bühne ja doch nichts passiert, was dem Werk irgendetwas hinzufügen würde, zerreißen immer wieder aufs Neue den von Mozart so ingeniös komponierten Zusammenhang einer Form, die ihre Gestalt aus Impulsen der Desintegration gewinnt.
Fast meint man, darin ein Ressentiment gegen das Werk zu verspüren, das dem Regisseur offensichtlich eine Nummer zu groß ist. So muss er sich natürlich auch der Faszination der Titelfigur verweigern: Don Giovanni - ein Verführer? Ein erotisches Kraftzentrum? Pah, der ist doch auch nur ein Mann aus der Masse. Schwab lässt daher viele Don Giovannis und außerdem auch gleich viele Leporellos auftreten. Ganze Rotten von schwarzen Anzügen schwärmen uns da gleich zu Anfang entgegen. Alle fuchteln sie mit ihren Golfschlägern herum: Erstens vermutlich, weil der Begriff des „Einlochens“ im Zusammenhang dieser Oper eine kalauernd anzügliche Bedeutung bekommt (tatsächlich enden Don Giovannis Frauen hier meist mit einem Golfball im Mund). Zweitens wohl, weil der skandalumwitterte Golf-Star Tiger Woods mit seinen ungezählten Affären das Einzige war, was dem Regisseur zu Mozarts Edelmann eingefallen ist.
Der angesehene Golfer mutiert zum Sadisten, der einen neonleuchtenden Fahrbetrieb voller Erotikkarussells betreibt. „Lasciate ogni speranza, voi ch'entrate“ (lasst alle Hoffnung fahren, die ihr eintretet), steht auf einer Tür, die von Sklaven herumgeschleppt wird und als Eingangspforte zu Giovannis Höllen-Fuhrpark dient. Doch von Dantes Göttlicher Komödie sind wir in Schwabs Regietheater-Klamotte weit entfernt.
Der einzige Lichtblick
Immerhin bietet der Regisseur einem famos singenden komödiantischen Talent wie Alex Esposito reichlich Gelegenheit, sich auszutoben: Als Leporello hüpft, tanzt und grimassiert er sich virtuos durch den Abend, klaut dem etwas schwerfälligen Ildebrando d'Arcangelo als Don Giovanni darstellerisch die Schau und treibt das Publikum in der finalen Festszene zu schallendem Gelächter mit einer Parodie auf den Butler James aus dem Silvesterfernsehsketch „Dinner for One“, wenn er immer wieder über eine Frauenleiche stolpert, statt über ein Tigerfell.
Den einzigen Lichtblick dieses Abends bot die insgesamt erfreuliche Sängerbesetzung: D'Arcangelo schenkt der Titelfigur mit seinem mächtigen, leicht kehligen Bassbaritontimbre etwas von der Größe zurück, die der Regisseur ihr ausgetrieben hat. Marina Rebeka ist eine hochdramatisch agierende, koloraturensichere Donna Anna, Ruxundra Donose eine robuste Donna Elvira mit metallisch glänzender Sopranstimme und Martina Welschenbach eine glockenrein sich verströmende Zerlina. Auch die weiteren männlichen Partien - Yosep Kang als Don Ottavio, Krzysztof Szumanski als Masetto, Ante Jerkunica als Komtur - sind mehr als ordentlich besetzt. Dennoch ein vertaner Abend.